20. Wilwarin Festival 2017

Das 20-jährige Jubiläum

Am Pfingstwochenende fand das 20. Wilwarin Festival im schönen Schleswig-Holstein statt und ich hatte das Vergnügen das Festival zum zweiten Mal als Fotograf zu begleiten. Oder eigentlich besser … leider erst zum zweiten Mal, denn bis Dato ist dieses wundervolle Festival irgendwie an mir vorbeigegangen. Beim Wilwarin stimmt einfach alles! Das Publikum, die Location, die Preise und vor allem eine Vielfalt an großartiger Musik die seines Gleichen sucht. Hier findet einfach jeder seinen Beat und es gibt immer wieder neues zu entdecken.

Da ich mir vor zwei Jahren eingestehen musste, dass ich für’s Zelten eindeutig zu alt und bequem geworden bin, ging es für mich am Donnerstag Morgen bei besten Wetter mit dem WoMo auf zum Wilwarin. Die Vorfreude war groß, das Line-Up gecheckt und der Timetable mit guten Vorsätzen in Form von Ausrufezeichen und „Nice to have“ Markierungen gespickt. Aber bevor es dann am Freitag so richtig losgeht, hab ich den Donnerstag dafür genutzt die buntgemischte Crew um die Veranstalter herum kennenzulernen, das Gelände zu inspizieren und Fotos vom Aufbau zumachen.

Da ich in den letzten Jahren recht häufig, abseits der rein auf Kommerz ausgerichteten Festivals, als Fotograf, unterwegs bin, ist es mir vergönnt auch hinter die Kulissen so einer Veranstaltungen zu schauen. Meist reise ich ein bis zwei Tage vorher an und bekomme mit was für eine Riesen-Arbeit in so einer Veranstaltung steckt. Da wird bis zur letzten Minute gebastelt, gebaut, dekoriert und aufgebaut. Oft bis spät in die Nacht und meist bis in die frühen Morgenstunden. Geschlafen wird wenn Zeit ist, und die ist knapp. Für Aussenstehende wirkt das Treiben unkoordiniert und chaotisch und kleine sowie große Katastrophen sind das Alltagsgeschäft. Improvisations-Talent ist gefragt. Der Künstler trifft auf den Pragmatiker, das machbare wird diskutiert und gemeinsam ein Lösung gesucht und gefunden. Ein Mikrokosmos mit seinen eigenen Regeln, irgendwo zwischen Professionalität, Bastelbude, Kreativität und Idealismus.

Genauso ein Festival ist das Wilwarin. Einen Standard-Bierwagen, so praktisch wie sie sind, sucht man hier vergebens. Die Bierbude an der Mainstage ist genauso selbstgezimmert wie der aus Baumstämmen und mit LkW-Planen gedeckte Second-Ground, mit seinem langen Tresen. Lediglich die Main-Stage ist angemietet, aber auch diese wird mit handgemachter Deko verziert. Das Infield liegt wunderschön in einem Wäldchen mit Hügeln, alten Baumbestand und überall gibt es lauschige Plätze, liebevolle Deko und immer wieder Neues zu entdecken. Die E-Stage mit Ihren Holzplattformen auf verschiedenen Ebenen, die arenagleiche Reggae-Stage in einer Mulde, die Club-Atmosphäre des Second-Ground, die Main-Stage auf der Wiese und die Skate-Stage neben der Halfpipe auf der Campingwiese.

So vielfältig wie die Orte, so vielfältig ist auch das Programm und das Publikum. Da pogt der Alte beim Punkrock im Second-Ground, während der Junior bei der E-Stage abzappelt … oder auch umgekehrt. Ausfälle gibt es überall, aber beim Wilwarin hat man es mit einem durchweg sehr entspannten Publikum und einem sehr geringen, bis nicht vorhandenen Stresspotential, zu tun.

Ja ich muss gestehen, ich mag die Mentalität der Schleswig-Holsteiner!

Eröffnet wurde das Festival mit Gordon Shumway im Second-Ground. Das Duo Attackierte bewaffnet mit Bass und Schlagzeug das Publikum mit Punkrock irgendwo zwischen Dilettantismus und Genialität. Live cool für mich, aber auf Tonträger eher nicht meins. Das Publikum hat die Lokalmatadoren aber ordentlich abgefeiert und wie man an den Bildern sieht mächtig Spaß gehabt – ich auch!

Nach einem Abstecher zur E-Stage ging es dann zur Main-Stage zu Edgar-R ein deutsches Indie-Punkrock Trio aus Schleswig. Mehr kann ich da auch nicht sagen, denn so wirklich gekickt oder abgeholt haben Sie mich nicht.

Ganz anders LYGO aus Bonn! Da wird emotionsgeladen, voller Wut und Verzweiflung, die Seele aus den Leib geschrien, das Brett um die Ohren gehauen und zurück bleibt ein Gefühl zwischen Wut und Glückseligkeit. Definitv einer meiner Highlights des Festivals!

Mutant Reavers waren hinterherh mit Ihrer auf mich eher albern wirkenden „Mutanten“ Schminke, mehr aus fotografischer wie musikalischer Sicht interessant. Gute Musiker, aber überhaupt nicht mein Ding. Aber gerade das macht das Wilwarin aus: Eigentlich durchweg geile Künstler, nicht immer jedermanns Geschmack, aber wer offen für Neues ist, wird hier so manche Perle finden. Mutant Reavers waren es für mich nicht, für andere möglicherweise schon.

In meiner Liste waren die Leoniden nicht weiter vermerkt. Obwohl als nicht mehr so geheimer, viel bejubelter Geheimtip gehandelt, konnten Sie mich bei meinen Vorcheck Zuhause nicht überzeugen. Neugierde war da, aber der Mittagsschlaf wichtiger. Als ich es dann doch noch zu den letzten paar Stücken in den Second-Ground geschafft habe, war ich mehr als positiv überrascht und bin froh das ich Sie diesen Festival Sommer nicht das letzte mal sehen werde. Live wirklich richtig gut!

Nach einem kurzen Abstecher zu der sich als witzig witzelnde Dada-Formation in der selbstgeschaffenen Genretradition der “Neuen Deutschen Kelle” bezeichnenden Band Kochkraft durch KMA, ging es erneut zum Second-Ground, zu einer Band, die ich mir besonders dick angestrichen habe. Tschaika 21/16 und ich wurde nicht enttäuscht! Das Ost-Berliner Duo mit Ihrem gefrickelten Mind-Fuck Noise Math-Core irgendwas, spielten das Publikum mit Spaß auf der Bühne und unglaublichen Können an die Wand. Was für geile Musiker!

Danach habe bin ich es ein wenig lockerer angegangen und mich ein wenig treiben lassen. Mal ein wenig Elektro-Luft an der E-Stage geschnuppert und mir, zugegebenermaßen etwas befremdet, den völlig überfüllten Platz vor der Reggae-Stage angesehen, während Beauty and the Beats seine Mixe auflegte. Amtlicher Abriss, keine Frage, das meist eher junge Publikum hat Ihn mächtig abgefeiert, aber nicht meins. Zwischendurch ein paar Stücke von Kapitan Korsakov angesehen, die sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient haben, aber ich war irgendwann ein wenig ausgelaugt und musste am Lagerfeuer im Backstagebereich ein wenig Kräfte sammeln. Denn Gomad! & Monster aus Madrid mit Ihren Dub-Step, Elektronik-Rock wollte ich auf keinen Fall verpassen, da ich mir von den vier Jungs mit Ihren Totenkopfmasken eine ziemlich abgefuckte Bühnenperformance versprach – und wurde nicht enttäuscht.

Tag Zwei auf dem Wilwarin.

Am nächsten Tag habe ich mir nach einem Rundgang über den Campingplatz, die gebürtige US-Amerikanerin Maia Vidal angesehen. Ansehnlich war der Auftritt und obwohl ich experimenteller Musik abseits ausgetretener Pfade sehr offen gegenüberstehe, war mir das doch einen Nummer zu „Esoterisch” – aber schöne Aufnahmen sind bei rumgekommen. Weiter ging es mit der Kieler Blue-Grass Band Twang Gang, und der Hamburger Formation Karo Fontana.

Liedfett haben mich hinterher so richtig abgeholt! Was für eine geile Liveband. Da kommt Energie pur rüber, der Sänger hüpft und tanzt auf der Bühne wie ein Derwisch und das Publikum pogt, tanzt und gröhlt die Lieder mit.

Auf die Stockholmer Post-Punk Band A Projection war ich schon im Vorfeld sehr gespannt. Musikalisch spiegeln Sie meine Wurzeln wieder und machen einen Sound irgendwo zwischen The Cure, Joy Division oder The Chameleons. Doch leider haben Sie mich Live nicht wirklich überzeugen können. Aber vielleicht lag es auch an meiner von Liedfett aufgepuschten Stimmung. Ich war einfach zu gut gelaunt.

Leider hatten Moon Hooch dermaßen Verspätung, dass erst unklar war, ob Sie überhaupt noch auftreten. Dabei hatte ich mich so sehr auf das Trio gefreut. Aber zum Glück kamen Sie dann doch noch und durften die Main-Stage für eine halbe Stunde entern. Was da kam, hat mir den Atem verschlagen und die Band für mich zum Highlight des Festivals gemacht. Zwei Saxophonisten und ein Schlagzeuger haben einfach alles weggeblasen. Das Publikum wurde mit schrillen manchmal fast Free-Jazz-artigen Tönen zu hämmernden Rhythmen mit einer Art Techno-Brass zum toben gebracht. Als der eine Bläser ein bis dato nie gesehenes Blasinstrument (eine Kontrabass-Klarinette) in die Hand nimmt und mit diesem, das wummern eines Dub-Step Basses im fahlen Licht erscheinen lässt, war im Publikum kein halten mehr.

Wie drückte es Tim, ein Red-Skin aus Hamburg, so treffend aus: “Geeeeeeeil ALTER Geeeeeeil, so was habe ich ja noch nie gehört.”

Die nächste Band für mich waren meine Freunde aus Kolumbien von Doctor Krapula, die es schon mehrfach in mein Heimatstädtchen Rotenburg verschlagen hat. Leider ohne Ihren Bassisten David, der zuhause geblieben ist, um bei der Geburt seines ersten Kindes dabei zu sein. Der Auftritt war wie gewohnt professionell, aber weil David fehlte und somit ein wichtiger „Energieerzeuger“ der Band, mochten Sie mich diesmal nicht so recht überzeugen. Da hatten wir in unserer Villa Rotenburg vor 70 Leuten schon wesentlich bessere Auftritte.

Danach ging es mit dem zumindest auf der Main-Stage letzten Konzert des Festivals weiter. Der große Überraschungsgast zum 20. Jährigen Jubiläum war die 1997 gegründete Kieler Hardcore-Band  Smoke Blow . Zu der Band muss man wohl nicht mehr viel sagen, eine Hammer Show und von der Band wurde das Jubiläum, mit den einen oder anderen Schluck Vodka aus der Flasche kräftig gefeiert und dem Festival zu einem standesgemäßen Abschluss verholfen.

Und ich freue mich schon auf das 21. Wilwarin 2018!

Piet Diercks

Piet Diercks

Als eingefleischter norddeutscher Torfkopf in einem 25 Häuser zählenden Dorf, nahe der Kleinstadt Verden /Aller, zwischen Plattdeutsch, Landjugend und Doppelkopf aufgewachsen. Bis auf ein 2.5 Jähriges Intermezzo in der „Großstadt“ Bremen der Norddeutschen Provinz treu geblieben verbindet Piet seit mehreren Jahren zwei seiner größten Leidenschaften, die Photographie und die Musik. Als blackwork ist Piet auf zahlreichen Konzerten und Festivals im vornehmlich Norddeutschen Raum mit der Kamera unterwegs …was liegt also näher wie es auch mal mit dem schreiben bei Polytox zu versuchen.
Piet Diercks

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