Abschlussveranstaltung AfD Mannheim

In der Löwengrube

Vor einiger Zeit setzte ich es mir in den Kopf einen Stammtischabend der AfD Mannheim zu besuchen. Doch nicht, um mich für ihre Politik begeistern zu lassen, denn diese lehne ich schon aufgrund ihres Fremdenhasses kategorisch ab, sondern weil mich interessierte, was dort wirklich inhaltlich passiert und welche Menschen sich so etwas antun.

Aber seit Wochen kam mir immer wieder etwas dazwischen. Oder suchte ich mir jeweils bloß Ausreden? Als ich jedenfalls Anfang September von der hiesigen AfD Abschlussveranstaltung zur Bundestagswahl mit Hardlinerin Beatrix von Storch erfuhr, war klar: Da muss ich hin – mögliche Ausreden hin, mögliche Ausreden her!

Der Mannheimer

So treffe ich am 12. September gegen 19 Uhr im Schützenhaus Mannheim-Feudenheim ein. Dessen Betreiber Mannheimer AfD-Spitzenkandidat Robert Schmidt in seinen Begrüßungsworten dankt, da dies die einzige Lokalität in Mannheim sei, wo der Kreisverbands unterkomme, um solche Veranstaltungen durchzuführen. Meiner Meinung nach ein Ort zu viel!

Dafür ein Ort, der der AfD sehr gut steht, wenn man ihn mit dem Gedankengut der Partei vergleicht: Er ist ziemlich abgewetzt, altbacken und wurde seit seiner Eröffnung sicher kein einziges Mal renoviert. Der Boden und die Wände versprühen den Charme von zu wenig Mottenkugeln, wenn Oma verschusselt erst nach mehreren Monaten wieder mal den Schrank öffnet. Das Loch in der angegilbten Deckenverkleidung ist dabei ein passendes Detail. Wenn man es nicht besser wüsste, dann könnte man vermuten, dieser Traum in Grusel rustikal ist extra für den Abend so hergerichtet worden.

Kaum ein paar freundliche Worte von sich gegeben, redet sich Robert Schmidt warm und berichtet von verschiedenen lokalen und regionalen Ereignissen, die teilweise in haarsträubenden Vergleichen endeten. So könne man es seiner Meinung nach gleichsetzen, dass eine Frau im Minirock an ihrer Vergewaltigung selbst schuld sei, wenn seine Wahlkreis-Gegnerin der Linken Gökay Akbulut einen Antifa-Überfall auf AfDler süffisant mit „selber schuld“ kommentiert. Eine Analogie, die ich einfach nicht hinbekomme, so sehr ich mich auch anstrenge.

Ähnlich hinkt der Vergleich zwischen dem Bundestag und Jerome Boateng. Der Mannheimer lokale Spitzenkandidat findet es nämlich voll doof, dass angeblich keine Partei künftig in ihrer Nähe im Parlament sitzen möchte, sich aber alle aufregen, wenn Vorzeige-AfD-Radikalinski Gauland von sich gibt, dass niemand den schwarzen deutschen Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng zum Nachbarn haben wolle. Das war so krude an den Haaren herbeigezogen, dass er dafür keinen Applaus, stattdessen verdutzte Gesichter erntet.

Lautes Klatschen heimst er sich zum Schluss seiner Redezeit ein, als er von seinem Besuch beim Sozialverband VdK berichtet. Dort habe er nämlich Die Linken Politiker Bernd Riexinger eine Zusammenarbeit angeboten, die dieser wiederum selbstredend ablehnte. Wieso sich ein großer Teil der Anwesenden über diese rhetorische Frage im Stile des kindischen Lausbuben Hansi Kraus freut, verstehe ich nicht. Aber nun gut, es gibt ja auch Leute, die glauben Links und Rechts sei das selbe.

Der Mann von der AidA

Auf das Mannheimer Eigengewächs folgt Christian Waldheim, der sich einführend einen rassistischen Scherz gönnt, der in Mannheim aufgrund des Dialekts gut funktioniert. Er gibt zum Besten, dass der Taxifahrer, der ihn vom Bahnhof abholte mit „Alla“ verabschiedete – das heißt in Mannheim soviel wie „Bis dann“ oder „Mach’s gut“. Hinzu fügt er, dass der natürlich deutsche Fahrer aber eben das „Alla“ ohne „h“ meinte. Hihihi, hohoho, ich lach mich schlapp. Witz komm raus du bist umzingelt.

Darauf folgend nimmt der Bundessprecher der Interessengemeinschaft der Arbeitnehmer in der AfD, kurz AidA, sowohl die SPD, als auch den DGB und ver.di sehr illuster auseinander. Waldheim ist offensichtlich ein geübter Redner, der weiß wie man sein Publikum bei der Stange hält. Immer mal wieder bindet er die Anwesenden in seine gekonnte Politshow mit ein.

Ansonsten hagelt es geradezu Beispiele welchen Blödsinn Schulz, Gabriel und ihre Vorgänger, oder andere an der Politik Beteiligte mit vermeintlich sozialem Anstrich, verzapften und das auch weiterhin tun. Leider kann man diesem Waldheim bei aller Polemik in der Sache nicht wirklich widersprechen. Was beispielsweise die SPD in punkto Rente, Leiharbeit, Arbeitsverträge usw. in den letzten Jahrzehnten mit auf den Weg gebracht haben, ist wirklich traurig, wenn man bedenkt, dass es Sozialdemokraten sein wollen.

Beim Zitieren von ver.dis „Handlungsempfehlung für den Umgang mit Rechtspopulisten in Betrieb und Verwaltung“ muss ich unweigerlich auch den Kopf schütteln. Dieser Flyer ist wirklich ein Paradebeispiel von gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Der ist an ganz vielen Stellen einfach bloß peinlich und kontraproduktiv.

Doch trotz all dem Gezeter gegen die Anderen fehlen zumindest mir die Parteiinhalte, anderen geht das nicht so. Mehr, als dass Christian Waldheim sich bei der AfD engagiert, weil er seiner Meinung nach ein sozusagen echter sozialer Mensch ist, sagt er nicht. In diesem Abschnitts des Abends wird das Publikum lediglich mit den Fehlern der AfD-Gegnern eingelullt und der Hautrednerin der Veranstaltung, Beatrix von Storch, damit perfekt der Weg für ihren Auftritt geebnet. Der AiDA-Mann ist ein idealer Einheizer, dessen Part hier in Mannheim die umfassende Kritik an der Bundespolitik zu sein scheint.

Die Hardlinerin

Schließlich tritt mit Beatrix von Storch die Hauptrednerin des Abends ans Mikrofon und gibt gleich die Marschrichtung an. Sie komme gerade aus Straßburg, wohin sie auch gleich wieder hin zurück muss, darum auf im Schweinsgalopp, sie hat keine Zeit. Sich dafür aber gleich eine perfekte Einleitung geschaffen. Denn am nächsten Morgen müsse sie früh fit sein, wenn Jean-Claude Juncker schon um neun Uhr seine Rede beginnt. Das mache aber Sinn, wenn der so früh redet, denn ab elf Uhr könne man ihm ohnehin nicht mehr richtig folgen, da er dann schon gerne ein erstes Gläschen zu sich genommen hat. Auch wenn ich Juncker ebenfalls für nen Vollpfosten halte und sie sich dabei auf eine Aussage von Brexit-Treiber Nigel Farage stützt, finde ich das eine Äußerung auf unterstem Niveau. Aber gut, um mir das bestätigen zu lassen, bin ich ja hier.

Anschließend strickt sie ihre Rede in der Logik von Waldheim fort. Die Regierung, die Regierung und nochmal die Regierung zieht der Bevölkerung das Geld aus den Taschen und ist schuld daran, dass es Deutschland so dermaßen schlecht geht. Also die Regierung die so sehr an Europa hängt und in dessen Parlament alles LSBTTIQ-gerecht sein muss – wenn das mal keine Unterstützung in Richtung Alice Weidel ist, die doch meinte „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“. Doch der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der AfD schwant eine andere Vielfalt in Europa vor, nämlich die der Traditionen. Schließlich kann man froh sein, wenn nicht alle Deutsche wären. Wo kommen wir da hin, wenn wir nach Frankreich in Urlaub fahren und der Franzose nicht bei Rot über die Ampel geht, während der Deutsche pflichtbewusst stehen bleibt!? Ein Schelm, wer bei dieser Aussage an die Identitäre Bewegung und deren ethnopluralistische Ideen oder den völkischen Nationalismus der Neuen Rechten denkt. Langsam läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Von Storch hat sich fast schon in Rage geredet, was von dem Publikum faszinierend aufgenommen wird.

Langsam zum Ende kommen wollend, da sie ja wieder nach Straßburg muss, möchte sie sich gar nicht mehr groß zu den Themen Ausländer, Flüchtlinge, etc. äußern, stattdessen noch ein paar Punkte aufführen, die ihr im Zusammenhang mit ihrer Partei wichtig zu erwähnen sind. Als erstes sei dies die Staatsbürgerschaft nach Abstammung und nicht nach Geburt. Wow! So eine Aussage muss man wirken lassen. Bzw. hat sie nun doch zu den eben genannten Themen Stellung bezogen. Von Storch möchte wieder den Ariernachweis einführen.

Ihren Auftritt wirklich beendet sie mit dem Versprechen bis zum letzten Tag zu kämpfen und ab dem 25. September aus der Opposition heraus, sich mit den AfD-Anhängern gemeinsam, ihr Land zurückzuholen. Allerdings wirken diese Worte nicht wie eine positive Motivation den Anwesenden gegenüber, sondern vielmehr wie eine Drohung an Andersdenkende. Sicher liegt das nicht zuletzt an der martialisch-aggressiven Rhetorik, die man aus ganz dunklen Zeiten kennt.


Mein Fazit

Während den stehenden Ovationen für Beatrix von Storch, mache ich mich auf und davon, weil die Atmosphäre mittlerweile einen Punkt erreicht hat, die ich bei rund 130 Personen angsteinflößend empfinde. Erst recht vor dem Hintergrund, da man mich nicht nur heimlich fotografiert, sondern auch versucht zu filmen.

Das Fazit des Abends ist, dass ich in meiner bisherigen Meinung bestätigt und bestärkt bin. Die AfD ist eine xenophobe, rassistische Partei, die sich Ängste und Unwissenheit von Menschen zunutze macht, indem sie sich einen sozialen Anstrich verleiht, während sie auf Fehlern anderer herumreitet, jedoch keine konkreten Alternativen nennt. Genährt wird dieser Boden von den etablierten Parteien, Verbänden, Gewerkschaften, etc., da diese sich nur mit den menschenverachtenden Inhalte der AfD auseinandersetzen und sich sonst weiterhin dem rein kapitalistischen System zuwenden, von dem immer mehr Menschen abgehängt werden. So wundert es mich nicht, dass der offen gelebte Rechtsruck schließlich auch in Deutschland angekommen ist.

 

 

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
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