Back To Future 2017 – Punkrock Wellness

Die Rharbarbera-Akten

Nun, wer mich kennt, weiß, dass hier alles andere als ein objektiver Festivalbericht folgt. Denn seit ich 2008 erstmals das Back To Future besuchte, bin ich von der Veranstaltung völlig fasziniert. Ich meine mich erinnern zu können, dass ich damals noch im selben Jahr damit begonnen habe, mich als inoffiziellen Pressesprecher des Festivals zu titulieren. Denn spricht man mich seitdem auf das Back To Future an, bekommt man immer die gleiche Antwort: Es ist das mit Abstand beste Punkrock-Festival, das ich kenne. Dort stimmt einfach alles. Die Bands, das Publikum, die Crew und die Atmosphäre.

Über die Jahre hinweg hat sich daran auch nichts geändert. Bloß, dass ich heute viele Leute aus der Gegend dort kenne und unheimlich mag und mein zweites BTF nicht in Dessau stattfand, sondern glücklicherweise wieder in Glaubitz bei Riesa, wo es bis heute stattfindet. Letzteres ist deshalb erwähnenswert, weil das vom Festivalgelände 150m Luftlinie entfernte Waldbad, eine nicht unerhebliche Rolle für das Back To Future spielt. Für mich persönlich jedes Jahr der heimliche Headliner.

Anklicken, das ist das Plakat von 2017

Der Donnerstag

Doch bevor ich dieses Jahr ins Schwimmbad plumpse, will der erste Abend vor der Zeltbühne bestritten werden. The One aus Kiel eröffnen das Festival mit feinem deutschsprachigen Punkrock. Der Sound ist toll, der kann was, ebenso wie die Texte. Nur interessiert die Meisten vor der Bühne der aufgeschüttete Rindenmulch mehr als die Musik. Denn mit der zerkleinerter Baumrinde, die das Wasser der verregneten Tage zuvor aufsaugt, kann man wunderbar geformte Dreckbollen herrlich herumwerfen. Noch während des Auftritts verlasse ich das Zelt, um in den letzten hellen Minuten des Tages ein paar Leute zu begrüßen und Bekanntschaft mit Rhabarbera zu schließen. Der leckere Rhabarber-Likör und ich führen fortan eine enge Beziehung über’s Wochenende. Gefühlt komme ich an keiner Theke vorbei, um einen kurzen Zwischenstopp einzulegen und zu schauen wie jeweils die Bestände sind.

Wonk Units Fun-Punk gefällt mir zwar, doch ich bevorzuge es mich mit Freunden und Bekannten vor dem Zelt zu lümmeln. The Clowns im Anschluss fesseln mich etwas länger. Dieser 4-Minuten-Hardcore ist ziemlich geil, auf die Dauer aber halt anstrengend. Egal, ich genieße immerhin so lange bis ich bestimmt das halbe Set gesehen habe.

Da ich die Alt-Rock-‘n’-Roller The Fleshtones schon einmal unmotiviert sehen durfte, laufe ich wieder in die entgegengesetzte Richtung und beschließe erst wieder zum Ende ihres Auftritts zurückzukehren. Wie falsch das war, beweist mein tatsächlich pünktliches Eintreffen zu den letzten zwei bis drei Songs. Sowohl die Band als auch das Publikum sind richtig am Durchdrehen. In der Tat hatte ich vorher nicht geglaubt, dass eine Band mit dieser Musik derart gut aufgenommen wird. Umso erfreuter bin ich.

Allerdings steht mir der Höhepunkt des Abends erst bevor: The Baboon Show. Eine der wenigen Bands, weswegen ich in meinem fast biblischen Alter, drei Tage eines Festivals auf mich nehme. Und was soll ich euch sagen, ich habe alles richtig gemacht. Das Zelt versucht aus den Nähten zu platzen, da Band und Fans alles geben. Wie üblich jagt ein Hit den anderen, bevor es eine zwei-Song-Verschnaufpause gibt und der Schweinsgalopp von vorne beginnt. Nach ihrem Auftritt fühle ich mich genauso platt wie die Schweden selbst. Ich bin fertig, ich bin durchgeschwitzt und meine Sonnenbrille ist kaputt. Wieso ich Trottel die mitten in der Nacht immer noch bei mir habe, ist mir ein Rätsel. Aber Banane, ich bin glücklich und denke einmal mehr, den besten Auftritt der Band bislang gesehen zu haben. Irgendwie geht es mir aber immer so nach einem Konzert von The Baboon Show. Hm, vielleicht bin ich ja ein Fan …

Das letzte erwähnenswerte an dem Abend ist, dass ich mit Superbarfrau-aus-dem-Weltall Conni den Rhabarbera leermache – Nachschub gibt es erst morgen.

 

Der Freitag

The Flexfitz aus Rostock beginnen am Freitag um 15 Uhr nicht, weil jemand von denen krank ist. Gut, dann machen das eben Berlin Blackouts etwas später, auf die die französischen Nieten- und Iropunks Breakout folgen, bevor bei den ’77-Punks La Flingue etwas Tempo rausgenommen wird, was die mexikanischen Exploited Acidez dann wieder erhöhen. Alles in Allem nicht schlecht, bis gefällt mir gut. Doch die erste Band des Tages, die ich wirklich sehen möchte sind die Amis Reno Divorce. Deren relativ typischer OC-Stil mit ordentlich Country, weiß mich seit letztem Sommer richtig zu begeistern, als ich die Möglichkeit hatte die Jungs persönlich kennenzulernen. Typischerweise hat man so nochmal einen anderen Zugang zu der Musik einer Band, wenn man sich etwas länger mit den Bandmitgliedern unterhalten konnte.

Ähnlich freute ich mich Maid Of Ace mal zu sehen, weil ich sie in Mannheim zweimal verpasste und nur Lobeshymnen über sie kenne. Die kommen aber sicher von Konzerten in kleineren Läden. Denn auf der größeren Open Air Bühne sehen die vier Schwestern aus Brighton ziemlich verlassen aus. Wobei ich mir wirklich gut vorstellen kann, dass die im Zelt sicher auch anders rübergekommen wären. Nun ja, Supernichts letzten Auftritt vor ihrer Auflösung verpasse ich. Doch so wirklich schlimm ist das nicht, denn richtiges Interesse an der Gruppe hatte ich nie. Stattdessen vergnüge ich mich abwechselnd mit Rhabarbera und den abartig leckeren veganen Burgern. An letzterem Stand kann man sogar Camping-Lampen kaufen, die man mit Urin zum Leuchten bringt. Richtig gelesen! Das ist ne Lampe, in die man Lulu macht und die dann bis zu 24 Stunden leuchtet. Ob das vom Promillegehalt abhängt, weiß ich allerdings nicht. Der Verkaufspreis von 20 Euro im Gegensatz zu, glaube ich 59 Euro, unverbindlicher Preisempfehlung, stimmt immerhin. Auf den Werbetrick reingefallen bin ich aber trotzdem nicht. Ha!

Zu Rawside stehe ich wieder fit vor der Bühne, um mich von den reunierten Hardcorepunks eine Weile anschreien zu lassen. Nach rund der Hälfte ist dann aber auch gut und ich suche meine Lokalmatadore-Bezugsperson Oli Obnoxious. Zusammen betrauern wir, dass Kesselpunks-Martin als dritter im Bunde dieses Jahr keine Zeit für uns hat, weil er mit der Videokamera unterwegs ist. Freunde wie wir sind, singen wir kräftig für ihn mit und prosten ihm ständig zu – obwohl wir ihn gar nicht sehen.

Allerfeinst angeschossen und den Wolframdraht fast am Durchglühen sehe ich The Adicts zu, wie sie die Bühne entern. Mögen sie anderswo nicht so fit gewirkt haben, dann weiß ich warum. Denn hier beim Back To Future geben die Punk-Urgesteine schlicht alles. Weit über eine Stunde nutzt Monkey, um sich in zig verschiedenen Outfits zu zeigen, alles mögliche von der Bühne zu werfen, Luftschlangen oder Konfetti regnen zu lassen sowie letztlich rund ein Dutzend übergroßer Bälle ins Publikum zu schleudern. Der Kindergeburtstag für Erwachsene ist wieder außerordentlich gut gelungen. Dem Verhalten der Band nach, sehen sie das auch so.

New Bomb Turks reißen anschließend im Zelt fast alle nieder, die jetzt noch stehen können. Die Kumpels Holger und Markus, der sie das letzte Mal vor 20 (!) Jahren gesehen hat, sind beide völlig hin und weg.

Cafespione lockt wiederum anderes Publikum vor die Bühne. Nämlich Fans der Ostpunk-Kultband Schleimkeim. Die Covers von Cafespione sind genial und ich frage mich woher zum einen dieses zahlreiche Publikum um kurz nach zwei Uhr nachts noch kommt und zum anderen aus welchem Material das Zelt ist. Das muss ein Stretch-Stoff sein, anders ist nicht zu erklären wieso es noch keine Löcher in der Decke gibt. Weil auch bei diesem Auftritt ordentlich Alarm auf und vor der Bühne ist.

 

Der Samstag

Am Samstagmorgen werden die Elektrolyte am Zeltplatz-Futterstand aufgetankt. Dort wo früher ein winziger, vielleicht 4qm großer Anhänger stand, aus dem heraus frisch gekochte Eier und verschiedene bestrichene Brötchen verkauft wurden, stehen heute mehrere Pavillons und ne eigene kleine Bierbutze für den Frühschoppen. Doch trotz der stetigen Vergrößerung jedes Jahr, bleiben sich die Glaubitzer Zeltplatz-Versorger treu. Nach wie vor gibt es kein Convenience-Food, das in der Plastikummantlung erwärmt und dann kredenzt wird. Ne, hier weht nach wie vor der Geist der Manufaktur, weshalb ich dort mindestens einen Morgen das Festival über verbringe. Wie all die Jahre zuvor, ist es echte Handarbeit, die man auf die Pappteller bekommt. Ob von der Schrippe, über das Ei oder das Müsli, der Kaffee sowie die verschiedenen Mittagessen (dieses Jahr sogar Krautwickel!) und die Dinge, die ich nicht erwähne, in Glaubitz ist irgendwie alles besser, weil dort echte Menschen stehen! Klar, die einzelnen Bestandteile sind keine Demeter-Ware, aber darauf kann ich getrost verzichten, weil ich mir das sonst auch nicht leisten kann und will. Für mich zählt dieses ehrliche und direkte dieser Mehrgenerationen-Truppe, das ich gerne unterstütze, bis mir der Bauch spannt.

Frisch für den letzten Festivaltag gestärkt, mache ich mich auf den Weg ins Waldbad, wo kurz nach meinem Eintreffen bereits die Karaoke beginnt. Als die Idee mit der Karaoke im Schwimmbad vor ein paar Jahren geboren wurde, sollte diese 45 Minuten dauern, eine Pause machen, ein zweites Set abfeuern und danach Schicht machen. Es ist sicher überflüssig zu erwähnen, dass dieses Konzept gar nicht aufging. Auch dieses Jahr liefen Hits vor einer tobenden Meute bis 14.45 Uhr – vormittags geht’s los und um 15 Uhr beginnt die erste Festivalband …

Zu Brew 36 komme ich selbst zu spät, weil ich mich wesentlich mehr auf die zweite Band konzentriere: Es war Mord. Deren Auftritt genieße ich soweit man sich an düsteren und grimmigen Punkrock voller Wut und Verzweiflung erfreuen kann. Auf jeden Fall gehören sie zu den Top 3 dieses Jahr, auch wenn die Musik inklusive Texte fast schon körperlich wehtun. Ich bin extrem begeistert und belagere unter anderem mit Ben, Sänger von Telekoma, und Hechti, Label-CEO von Contra Records, den Merchstand, um eine der toll aufgemachten LPs abzugreifen.

Den Rest des Tages widme ich eher persönlichen Gesprächen, denn aufmerksam vor der Bühne zu stehen. Klar, Revolvers schaue ich mir natürlich ebenso deutlich länger an, wie The Restarts, Discharge oder Oxo86. Doch läuft der Rest etwas an mir vorbei. Immerhin sind wir dieses Jahr mit einer beachtlichen Reisegruppe von 16 Personen anwesend und außerdem habe ich das ein oder andere Date mit Rhabarbera. Unweigerlich kommen so Bands zu kurz, die ich mir etwas länger oder überhaupt anschauen wollte – Die Skeptiker, Lion’s Law, The Kids, Toxoplasma, Sniffung Glue. Andere hingegen jucken mich sowieso nicht sonderlich – Crude S.S., DYS, The Kids.

 

So komme ich wie eigentlich jedes Jahr zu dem Schluss, dass das BTF ein Wahnsinnsfestival ist, das seinesgleichen sucht. Wie eingangs erwähnt, stimmen in Glaubitz alle Einzelkomponenten. „Von der Szene für die Szene“ ist hier alles andere als eine doofe Losung, sondern schlicht Fakt. Nicht mehr und nicht weniger. Das Back To Future ist die Blaupause eines mit seinem Publikum gewachsenen Festival, das Ersttäter mit offenen Armen empfängt. Nur muss man hier die Spielregeln akzeptieren und mittragen. Sprich drei Tage absolut abschalten und auf verschiedenste Weise genießen. Punkrock Wellness eben.


Infos:

Der Clip und die Fotos von Freitag sind von Kesselpunks-Martin

Die Fotos von Samstag und Sonntag sind von Rudeart /Arne Marenda

Festival-Homepage, auf der ihr noch zig weitere Bilder von dem guten Arne findet

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky

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