22 Jahre Blau

Rock 'n' Roll Highschool Mannheim

Das Blau in Mannheims Jungbusch ist eine Kneipe, die so mancher internationale Gast eher aus Metropolen wie Berlin oder Hamburg kennt und damit nach einer anstrengenden Nacht vergleicht. Am zweiten Dezemberwochenende feierte diese Institution ihr 22-jähriges Jubiläum. Zeit den Steuermann Ingo Zielske reden zu lassen.

Zur Eröffnung des Blau war ich nicht anwesend und es hat auch noch ein paar Jahre gedauert, bis ich mich als Anarcho-Punk vom JUZ Mannheim emanzipierte, und mich heute zu den regelmäßigen Besuchern dieses doch sehr feinen Etablissements zähle. Darüber hinaus bin ich auch Fan dieses Ladens, Schuppen, Club, Kaltschalen-Vertriebsraum, Bierverkaufsgeschäfts oder wie man ihn auch immer nennen will. Denn nirgendwo anders als im Blau, kann ich unter der Woche so gediegen in Ruhe mein Bier mit Gleichgesinnten schlürfen. Weil in der Zeit wagt das am Wochenende auftauchende, deutlich jüngere und vermeintlich hippere Publikum lediglich einen Blick durch die nicht einmal ganz geöffnete Tür, um dann gleich wieder zu verschwinden, weil für sie nur ein paar windige Gestalten rund um die Theke sitzen. Eben auch solche Personen wie ich. Keine wilden Vollkontakttrinker à la Goldener Handschuh, sondern Lebenskünstler, Tunichtgute, Tagediebe und Patina-Fetischisten, die keine Lust auf ein vorgegaukeltes Leben in HD haben. Auch wenn es dann am Wochenende wie überall anders auch publikumsoffener wird, so besticht das Blau durch seine teilweise schroffe Authentizität, weshalb ich auch an diesen Tagen öfter mal vorbeischaue. Für mich auf jeden Fall ein Raum, in dem ich mich wohl und willkommen fühle.

Die namensgebende Wortkreation „Blau“ stammt übrigens von Mitgründerin Dio, weil sich das Wort gut anhörte und zu Interpretationen anstiftet und die Eröffnung sozusagen auch als Start ins ungewisse Blaue ging. So meint Ingo, der Inhaber dieser geilen Butze, der euch nun einen Blick hinter seine Kulissen gewährt.

Credits: Annika Breutmann

Am zweiten Dezemberwochenende vor 22 Jahren öffnete das Blau seine Pforten. Erklär’ doch bitte wie es dazu kam.

Damals gab es zwei bis drei Kneipen, in die man gehen konnte, aber ich war irgendwie unzufrieden und hatte sonst auch nicht viel zu tun. Zwei Freunden von mir, Dio und Jörg, ging es ähnlich, und so kamen wir auf die Idee, selbst etwas zu probieren. Zufällig stand das damalige Rheinfels leer und da haben wir zugeschlagen.

Wenn du auf die über zwei Jahrzehnte zurückblickst, was sind so die wichtigsten Ereignisse, die sich in der Zeit in Bezug auf das Blau ereignet haben?

Erstmal hat sich der Jungbusch stark verändert. Viele andere Kneipen haben aufgemacht, es gibt ein viel breiter gefächertes Publikum, das sich auch im Blau bemerkbar macht. Trotzdem kommen natürlich die Leute, denen die Musik hier gefällt. Dann gab´s noch die üblichen Ups and Downs, beinahe Pleite wegen Rauchverbot, aber auch Lockerung der Sperrzeit. Am Anfang mussten wir um ein Uhr nachts zumachen! Am Wochenende!

Heute bist du sozusagen alleiniger Herrscher über das Blau, weil sich die beiden anderen verabschiedet haben. Was wurde dadurch einfacher, was schwieriger?

Klar ist es einfacher, Entscheidungen alleine zu treffen, auch wenn ich mal keine Lust auf Entscheidung habe, ist das auch ok. Allerdings fehlt mir manchmal auch das Feedback, wobei mir da auch meine Frau Yvonne hilft und auch meine Mitarbeiter.


Die Boys vom Shake It Wild DJ-Team

Götz: Das Cafe Blau ist ein einziger Betrug! Der Barista ist mies und immer schlecht drauf, er serviert keine Hazelnut-Latte mit Soja-Milch sondern knallt einem ein Jever und einen Mexikaner auf die Theke. Die Einrichtung ist schäbig, aus den Boxen kommt nur alter Scheiß-Kram und Punker-Lärm und die Leute haben total bescheuerte Dance-Moves! Das Wifi ist auch ständig kaputt! Geht da nicht hin!

Sascha: Sicherlich für viele so etwas wie ihr Wohnzimmer. Mit allem was zur gepflegten Wochenendunterhaltung dazu gehört. Viel Alk, viele Zigaretten, nettes und/oder skurriles Publikum. Eines das sich lieber unterhält, trinkt und tanzt, anstatt alle 30 Sekunden aufs Handy zu glotzen. Unterlegt mit dem besten Soundtrack vergangener Tage aus den Bereichen Soul, R’n’R , Punk & New Wave. Immer aus der Konserve und oftmals auch live. Aktuelle Sachen nur, wenn sie auch dazu passen. War man schon immer einzig statt artig, dürfte dieser Status in Zeiten des Jungbusch Gentrifizierungswahnsinns, noch ausgeprägter sein. Die neue, optisch aufgehübschte gastronomische Nachbarschaft, wirbt in digitalen Foren mit Vintageattitüde sowie aktuellen Getränkekreationen. Dies spricht sicherlich (leider), das junge urbane Hipstervölckchen an, aber organisch ist das nicht. Denn um wirklich dazu zu gehören, braucht es Zeit. 22 Jahre sind eine lange Zeit. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, das es noch genügend junge Leute gibt, die Mexikaner mögen und sich zu “I don´t need no doctor” ihre “Teenage Kicks” im Blau abholen.
Ich drück die Däumchen & den Ingo.
PS: drei Sachen welche ich doch im Blau vermisse.
Die monochrome Kunst von Herrn Höhle (Diebe!), Lakritzeschnappes (Banausen)  & den Marder(Diebe?).

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Klassisch: Vor 22 Jahren hättest du wahrscheinlich nie gedacht, dass wir dieses Gespräch führen. Jetzt ist es aber so. Wie hat sich im Laufe der Jahre deine Beziehung zum Blau geändert?

Ich bin bestimmt viel pragmatischer geworden. Einerseits muss es wirtschaftlich im grünen Bereich sein, trotzdem muss oder sollte es auch Spass machen. Es ist immer ein hin und her zwischen Pflichterfüllung (Klo putzen, Miete zahlen) und Party.

Wenn du ein Selbstportrait des Blau schreiben würdest, wie würdest du dieses „Café“, wie es liebevoll genannt wird, charakterisieren?

Das Blau ist kein Cafe, eher ein Raumschiff, das irgendwo zwischen den Planeten rumkurvt. An Bord herrscht eine lockere und stressfreie Atmosphäre, die Passagiere sollen ihren Spaß haben, natürlich ohne jemandem auf die Nerven zu gehen. Wenn alles fröhlich und entspannt durcheinander quasselt, klönt und tanzt, dann stimmt die Richtung. Also nicht so schnell zurück zur Erde. Beam me up, Bocky!


Hötsch – Das Original hinter der Theke

Als das Blau vor 22 Jahren aufmachte war ich Gast der ersten Stunde. Kurze Zeit später wechselte ich dazu noch hinter die Theke. Und warum? Weil das Blau der beste Laden in Mannheim war und auch noch ist. Immer charmant-störrisch irgendwelche Trends ignorierend, bzw. entfachend, eigenständig und –artig, ein Bollwerk zwischen den ganzen Hipsterschuppen und öfters mal auch ein apartes Kuriositätenkabinett.

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Völlig absurd, ich weiß. Aber wie würde das Leben des Ingo Zielske ohne das Blau aussehen? Kannst du das beschreiben?

Huch, dann hätte ich mehr Freizeit, tolle Vorstellung.

Wahrscheinlich aber auch weniger Geld. Immerhin verdienst du damit auch einen Teil deines Lebensunterhaltes. Heißt das du würdest lieber was anderes machen?

Das Blau ist Wahnsinn, ich mach´s seit 22 Jahren mit Überzeugung, Begeisterung, manchmal mit Verzweiflung. Und klar, ich könnte mir auch vorstellen, mal was anderes zu machen, aber was?

Was glaubst du wie die Menschen das Blau sehen, die es besuchen? Also sowohl die regelmäßigen wie die unregelmäßigen Besucher.

Hoffentlich positiv! Die Leute sind natürlich sehr unterschiedlich. Wahrscheinlich gibt es auch die unterschiedlichsten Wahrnehmungen, aber alles andere wäre ja auch langweilig. Die Regelmäßigen sehen das Blau bestimmt positiv, bei den selteneren Gästen weiß man’s nicht genau. Mir kommt´s dann schon darauf an, dass irgendwie ne tolle Stimmung entsteht. Oft regelt sich das dann von alleine, dass die, denen es nicht gefällt, abhauen. Hab aber auch schon dem einen oder anderen empfohlen, woanders hinzugehen.


The incredible DJ Ste-je-ro

Ingo, der Herbergsvater meines Wohnzimmers, ein Herz für Sixties Musik und Punkrock. Ohne ihn wäre ein riesengroßes Loch im Haus der Subkulturen Mannheims. Und vor allem ein großartiger Mensch.

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Im Laufe der Zeit änderten sich auch immer wieder die Besucher des Blau. Kannst du beschreiben, was du da beobachtet hast und wie sich das für dich darstellt?

Da verändert sich im Lauf der Zeit sehr viel. Vielleicht kommt es mir aber auch nur so vor, weil ich ja auch älter werde. Es gab immer Gäste und Mitarbeiter, die nah dran waren, da hat sich nicht viel geändert, obwohl das die unterschiedlichsten Menschen waren bzw sind. Vielleicht gab es früher mehr Stammgäste, die Szene war homogener. Die Leute waren auch stilistisch festgelegter, da gab es mal ne etwas härtere Punk-Zeit, da haben sich die Leute optisch schon abgegrenzt. Heute ist da mehr Bewegung drin. Es kommen unterschiedlichere Leute und Gruppen, also auch immer wieder was Neues, das kann ich auch gar nicht so genau beschreiben.

Das Blau liegt im Herzen des Jungbusch und so mitten im Gentrifizierungswahn-Wunderland Mannheims. Eigene Erfahrung hast du damit ja auch. Wie findest du die Situation im Stadtteil und wie gehst du im Speziellen mit dem Blau damit um?

Tja, jetzt hat´s uns auch erwischt! Das Haus wurde gekauft, die Miete krass erhöht. Deswegen musste ich die Preise erhöhen, irgendwie wird’s schon weitergehen. Im Viertel ist die Entwicklung voll im Gange.

Kam eigentlich jemals die Stadt Mannheim auf die Idee dich als kulturelle Institution zu unterstützen, oder hast du dort mal angeklopft? Schließlich ist es nach so langer Zeit kaum von der Hand zu weisen, dass das Blau neben dem Wasserturm, dem Schloss und dem Nationaltheater ebenfalls ein Aushängeschild der Stadt über ihre Grenzen hinaus ist.

Es gab mal vom Rock-und Popbeauftragten einen Zuschuss für Konzerte, circa € 100,- pro Veranstaltung. Jetzt gibt’s immerhin noch was dazu für den „Live im Blau“ Sampler.


Michelle – der Nachwuchs hinter der Theke

Das Blau hatte für mich schon immer Kunst liebende und verrückte Leute in meinen Augen vereint. Authentische Barkeeper, die ihr Herz und tanzende Beine an der Theke schwingen. Verrückte Djs, die ihre Vinyl-Platten auflegen und dazu eine tobende Menge, die ihre Tanzwut ohne Rücksicht auf Alter und Stil ausleben. Es ist in meinen Augen einfach der angenehme Wahnsinn und hatte mir damals sogar das Tor zur Musikszene geöffnet. Ich habe im Blau vor fünf Jahren meine damalige erste Band kennengelernt.

Mehr zu Michelle als Musikerin


Was findest du wichtig für das Blau? Heute und in Zukunft.

Ich finde es weiterhin wichtig, dass sich hier die unterschiedlichsten Leute treffen können. Wenn die sich dann auch noch gut verstehen, bin ich glücklich! Gleichzeitig soll das Blau weiterhin ein Platz für die, äh, sagen wir mal „Rock´n´Roll Szene “, oder so, sein. Die Musik, die hier läuf, regelt das automatisch, hoffe ich!

Alle Infos zum Blau:

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Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
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