Brasil, eu te amo!

Yellow Cap Interview & Tourtagebuch

Die Ska- und Rocksteady-Kapelle Yellow Cap hat es schon wieder getan: Zum nunmehr fünften Mal sind die neun Görlitzer Jungs in Brasilien getourt. Polytox hat nachgefragt.

Ihr wart nun bereits zum fünften Mal in Brasilien – wird das nicht langweilig?

Kay: Von langweilig kann keine Rede sein. Im Gegenteil, wir können gar nicht genug bekommen. Dieses Jahr waren wir zum ersten Mal im Süden von Brasilien und haben jede Menge neue Locations und deren feierwütiges Publikum kennengelernt. Ich kann nur sagen: Städte wie Porto Alegre, Camboriu und Florianopolis muss man erlebt haben. Das Land ist zum Glück riesig und es gibt noch eine Menge zu entdecken. Wir können unserer Sucht also glücklicherweise noch eine Weile nachgehen.

Warum Brasilien?

Kay: Es ist wunderschön, warm, es liegt am Meer, die Leute wissen, wie man ausgelassen feiert und sie lieben Ska, Reggae und Rocksteady. Bleibt also nur zu fragen … warum nicht? Außerdem ist Ska und Rocksteady dort in den letzten Jahren immer bekannter und beliebter geworden. Brasilianische Bands wie Orquestra Brasileira de Música Jamaicana oder Pequena Morte füllen mittlerweile ganze Hallen. Es ist schön, auf dieser Welle mitzureiten.

Portugiesisch ist eine schwere Sprache, die außerdem nicht weit verbreitet ist. Warum tut man sich das an und lernt sie?

Kay: Das mag sein. Da ich persönlich aber seit vielen Jahren dem brasilianischen Kampftanz Capoeira-Angola nachgehe, wofür man Portugiesisch sprechen muss, ist es alles andere als schwer. Auch die anderen Jungs der Band haben nicht lange gebraucht, um die Sprache zu verstehen und können sich nun völlig selbstständig unterhalten.

Eine eurer letzten Brasilien-Tourneen wurde vom Goethe-Institut gefördert. Was muss man tun, um an die Kohle zu kommen? Was kann man sich davon kaufen?

Kay: Das ist kein Hexenwerk. Ich habe mir einfach die Fördermöglichkeiten beim Goethe-Institut angesehen, das richtige Formular heruntergeladen, es mit unserem Konzept ausgefüllt und fertig. Mit ein bisschen Glück hat es dann geklappt und wir haben die Förderung bekommen. Kaufen konnten wir dafür unsere Flüge und den Transport der Band während der Tour. Dann war das Geld leider auch schon alle …

Was die Deutschen von den Brasilianern lernen können, frage ich jetzt nicht – Lebensfreude und so, ich weiß. Wie sieht’s umgekehrt aus?

Kay: Ich möchte mal frech behaupten: gar nichts. Auch wenn das Land von Korruption, Armut und sozialen Missständen gezeichnet ist. Diese Zustände kann man aber keineswegs mit denen in Europa vergleichen und es wäre anmaßend, wenn ich mir dazu ein Urteil erlauben würde. 

Tourbericht: Yellow Cap in Brasilien, 2017

Zeitraum: 08.02. – 26.02.2017

Nach einem dreizehnstündigen Flug startet unsere fünfte Brasilientour in der südlich gelegenen Stadt Porto Alegre im Bundesstaat Rio Grande do Sul – so weit im Süden waren wir noch nie. Um den Jetlag auszugleichen, haben wir bis zum ersten Gig glücklicherweise noch einen Tag Zeit. Wir werden von einem Mitarbeiter der Booking-Agentur „Brasgentina“ zum Churrasco eingeladen, also zum Grillen. Anders als Zuhause werden hier circa 50 x 30 cm große Rindfleischstücke mit grobem Meersalz bestreut und dann für ungefähr eine Stunde über offener Flamme gegrillt. Dazu gibt es Caipirinha, Heinecken-Bier und gute Unterhaltung. Der perfekte Start für eine gute Tour im geliebten Brasilien.

Vom Jetlag zum Klimawechsel

Am Tag danach steht bereits das erste Konzert im Club Paraphafarnalia auf dem Tagesplan. Die ersten Tage sind für die Band meist etwas gewöhnungsbedürftig: Klimawechsel von – 5 Grad Außentemperatur in Deutschland auf + 30 Grad in Brasilien und am Abend gefühlte 15 Grad im Club, da die Klimaanlagen immer und überall auf voller Leistung laufen. Außerdem können wir aus Platz- und Kostengründen grundsätzlich nicht alle Instrumente mitnehmen. Wir sind also immer vom Zustand der vor Ort gestellten Technik abhängig. Das gestaltet sich oft recht abenteuerlich, doch daran sind wir inzwischen gewöhnt.

Das erste Konzert läuft gut. Die extra für die Tour zusammengestellte Titelliste bewährt sich. Am Tag darauf fährt die Band ins anderthalb Stunden entfernte Farroupilha für Konzert Nr. 2 im Club Muinho. Ein sehr schöner Club, der seit vielen Jahren sehr erfolgreich ist. An der Einfahrt zum Hof hängt ein großes Transparent vom aktuellem Yellow-Cap- Tour-Plakat – ein schönes Gefühl. Der Ablauf ist Touralltag, Technik und Instrumente checken, Soundcheck, essen und warten … In Brasilien beginnen die Konzerte selten vor ein Uhr nachts. Wir haben also viel Zeit, um Leute kennenzulernen, Portugiesisch-Kenntnisse auf die Probe zu stellen und zu verbessern. 

Pocketshows

Den nächsten Tag verbringen wir im Tourbus auf dem Weg in die paradiesische Stadt Florianopolis, direkt am Meer. Hier sollen wir eine Woche blieben und neben ein paar sogenannten Pocketshows (kleine Unplugged-Konzerte) an unterschiedlichen Stellen in der Stadt bleibt jede Menge Zeit zum Entspannen am Strand. Floripa (so wird Florianopolis auch genannt) ist bekannt für seine traumhaften Dünen und Strände. Außerdem gibt es riesige Echsen, die sich von Touristen nicht stören lassen, auch wenn man lautstark vor die Tür tritt.

Am 16. Februar wird im Club Mercado Pirata in Camboriu zum Tanz aufgespielt. Es ist eine schweißtreibende Zwei-Stunden- Show, bei der sich am Ende Band und Publikum triefend nass geschwitzt und völlig erschöpft gegenüberstehen. Ein göttlicher Club mit einer unglaublichen Atmosphäre. Der Club wird von sieben, sehr guten Freunden betrieben, die das Gefühl vermittelten, das Feiern geradezu erfunden zu haben. Man könnte sagen, eine toxische Parallele zur Band selbst. Danach zwei Stunden Fahrt zurück nach Floripa, eine letzte Clubshow am Strand und auf zum Flughafen.

Mardi Gras im Land des Karnevals

Nach einer Zwischenlandung in Sao Paulo fliegen wir weiter nach Belo Horizonte. Hier steigen wir erneut in einen Tourbus, um noch pünktlich ein Konzert im nahe gelegenen Ort Macacos bei einem Mardi-Gras- Festival zu spielten. Es ist schon witzig, dass in einem Land, das die wohl schönste Karnevalskultur der Welt hat, eine Party stattfindet, die sich nach der Karnevalskultur eines anderen Landes richtet.

Am darauffolgenden Tag spielen wir den wohl größten Gig der Tour. Eine Pre-Karnevalshow auf einem großen LKW (Trio Eletrico genannt) vor rund 5000 Menschen im Rahmen eines Straßenumzugs im Zentrum von Belo Horizonte. Belo ist immer besonders für uns, denn es war die erste Stadt, die wir in Brasilien kennenlernen durften. Hier hat der Brasilien-Wahnsinn 2013 für uns begonnen – eine Sucht, die wir nicht mehr ablegen möchten. Die Stimmung beim Karneval war überwältigend. Wir treffen viele alte Bekannte wieder, zum Beispiel den Techniker vom Karneval in Ouro Preto, die Stagemanagerin des Vertrauens und die befreundete Ska-Band Pequena Morte. 

Einen weitern Abend in BH verbringt die Band zusammen mit Pequena Morte bei einer Bloco-Probe in einer Lagerhalle mit 150 Trommlerinnen und Trommlern, sehr lauter Musik und fantastischer Stimmung. Diese Blocos (Trommelgruppen) proben für die Umzüge, die während und vor dem Karneval stattfinden. Sie sind öffentlich und gleichzeitig eine große Party. Überhaupt kann gesagt werden, dass der Sound in Brasilien sehr laut und bassbetont ist, ganz anders als in Deutschland, wo man sich während der Konzerte häufig noch unterhalten kann.

Textsicheres Publikum

Zwei weitere Shows in Sao Paulo folgen. Das letzte Konzert spielen wir zum Karneval beim Grito Rock Festival in Pocos de Caldas. Wieder eine Stadt, in der wir uns zuhause fühlen. Wenn wir hier spielen, ist es immer voll, die Leute singen die Texte mit und es ist eine Wahnsinnsstimmung. Um 4 Uhr morgens gehen wir erschöpft von der Bühne, um bis circa acht Uhr morgens den Tourabschluss zu begießen.

Bereits um 10 Uhr, es ist der 26. Februar, fährt der Tourbus gen Sao Paulo zum Flugplatz. Erschöpft, verkatert, glücklich, ein bisschen traurig und voller Eindrücke und Inspirationen, mit neuen und alten Freunden im Herzen, machen wir uns auf den Heimweg ins kalte Deutschland. Es wird Zeit, die nächste Brasilientour für 2018 zu planen …

YOU NEED TO KNOW TOUR – BRASIL 2017

09.02.2017 Porto Alegre – Paraphernalia Bar

10.02.2017 Farroupilha – Muinho Farroupilha Proyecto Brasgentina

12.02.2017 Florianópolis – Che Lagarto Florianópolis

15.02.2017 Florianópolis – Food Truck Lagoa

16.02.2017 Camboriú – Mercado Pirata

17.02.2017 Florianópolis – Casa de Noca

18.02.2017 Macacos – Instituto Cultural Galpão 25 – Macacos – JUKE JOINT FEST

19.02.2017 Belo Horizonte – Skol Trio Eletrico – pré Carnaval híbrido.cc

22.02.2017 São Paulo – Mundo Pensante

24.02.2017 São Paulo – Secretinho

25.02.2017 Poços de Caldas – All Friends Coletivo Corrente Cultural

Tilmann Ziegenhain

Tilmann Ziegenhain

Der leicht adipöse Mittdreißiger kann von vielem etwas, aber nichts richtig und hatte damit die besten Voraussetzungen, um irgendwas mit Medien zu machen. Wenn er nicht in Mannheim als Redakteur arbeitet, studiert er in Frankfurt, lebt in Darmstadt oder fällt in seinem Geburtsort Wiesbaden rum.
Hätte er mehr Zeit, würde er gerne Sütterlin und Blues Harp lernen – oder öfter die Rüsselspringer im Zoo besuchen. Weil er aber immer noch nicht das Zehnfingersystem beherrscht, hat er keine.
Eine der letzten ungeklärten Fragen unserer Zeit ist ihm zufolge, wie Vegetarier eigentlich zu fleischfressenden Pflanzen stehen.
Nachdem er heute zum ersten Mal in der dritten Person über sich geredet hat, fragt er sich außerdem, ob es nicht Zeit für einen Künstlernamen wäre.
Tilmann Ziegenhain

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