Die Rekruten – Berlin Tag und Nacht mit Knarren

Kolumne

Ich sitz heut Morgen so auf dem Weg zur Uni in der Bahn und bohr vertieft in der Nase, als mir der neuste Streich der Bundeswehr unweigerlich ins Auge fällt. Überall Plakate für die neue Bundeswehr-Reality-Sitcom „die Rekruten“. Da wär mir doch vor Schreck fast der Popel im Halse steckengeblieben. Zwei Dinge vorweg: Ich hab die Serie noch nicht gesehen, mach ich aber gleich. Außerdem musste ich damals nicht zur Musterung, weil ich mir beim Kirschenklauen zwei Wirbel gebrochen habe und das Röntgenfoto schon zur Ausmusterung reichte. War mir aber ehrlich gesagt gerade Recht. Ich huste nicht gern während Fremde meine Eier in der Hand halten. Worauf ich jedenfalls hinaus will: Ich hab keinen Plan vom Bundeswehralltag und kann nichts dazu sagen, wie realitätsnah dieses Format ist. Genug gefaselt, let’s take a look. Ich schreib jetzt einfach mal, während das Spektakel läuft.

12 Rekruten. 12 Wochen. Deine Grundausbildung als Webserie. Dramatische Musik. 

„Der erste Morgen.“ 

Um kurz vor 5 freut sich Oberbootsmann Quenzel, dass er die Rekruten langsam aber sicher aus ihren Träumen reißen darf. Ob sie von einer steilen Karriere bei der Bundeswehr träumen? – mensch weiß es nicht. Einer der Rekruten ist schon auf den Beinen. Kein „Guten Morgen“ oder ähnliches. Der erzürnte Quenzel raunt ihn an: „Hab ich etwa schon offiziell geweckt? Ich glaub mein Schwein pfeift! Ab! Hoch!“ Nach 24 Sekunden schon der erste Eklat. Ich wünschte, der Rekrut würde ihm entgegen: „Offiziell bin ich ja auch noch nicht wach, Herr Oberbootsmann!“ Stattdessen wird ohne Widerworte der Befehl ausgeführt. Erster Eindruck: Landschulheim. Mehrere junge Männer stehen verschlafen und in Boxershorts vor ihrem Flatscreen. Mich beschleicht der Eindruck, manche wären nur da, um ihre Biertitten abzutrainieren. „Manche liegen noch im Bett und räkeln sich. Das müssen wir natürlich verhindern!“ Natürlich … Was fällt denen aber auch ein. Andererseits: Selbst Schuld. Matrose Demelius verkündet stolz, dass er normalerweise nicht so früh aufsteht. Er trinkt sonst auch gern Bier. Zumindest damit kann ich mich identifizieren. Es wird sich rasiert und geduscht. Krass. Scheint alles ganz normal zu sein. Und bequeme Betten gibt’s angeblich auch. Die Rekruten stehen stramm im Hof und warten auf ihr Frühstück. „Hat jeder seine Essenskarte dabei?!“ – „JAWOHL!“ Natürlich hat einer das gute Stück vergessen. „DANN ABMARSCH!“ Jesses, der Feldwebel ist ja noch schlimmer als meine Mutter. Meine Fresse. Pädagogisch wirft er ein: „Das dauert jetzt, und das wird von unserer Zeit abgehen!“ Einer verkackt, alle müssen büßen. Was bei Kindergartenkindern funktioniert, geht auch bei den coolen Marines. Geistige Ergüsse am frühen Morgen: „Ich bin kein Kaffeetyp, sondern eher ein Brötchentyp. Ich mag’s lieber fest, statt flüssig.“ Ich vermute stark, dass die Militärbrötchen den umgekehrten Effekt auf seinen Stuhlgang haben werden. Die Frühstücksszene ist mit relativ lustiger Musik unterlegt. Doch der unbeschwerte Schein trügt und es kommt, wie es kommen musste: Die Salami ist aus. Der pausbackige Morgenmuffel lässt sich aber davon nicht allzu sehr entmutigen. Immerhin ist er Teil der Deutschen Marine, und da muss man sowas halt auch mal abkönnen, sorry. 

Nach dem Frühstück übernimmt Stabsgefreiter Neubert das Kommando. Der Verhaltenscoach will den Rekruten (und Rekrutinnen, es gibt auch Frauen, die da mitmachen) die militärischen Basics beibringen, um die Kommunikation zu erleichtern: „Ansprechen eines Vorgesetzten – ich möchte hier von niemand hören … ein ,Jo!‘ … oder irgendwas anderes. Wenn Sie irgendwas verstanden haben, kommt ein knackiges ,JAWOHL!‘. Und wenn ein Ausbilder ruft ,Schott!‘, dann tritt von jeder Stube ein Rekrut vor die Stube. Und zwar in Grundstellung!“  Mal ehrlich, wem um Himmels Willen macht so ’ne Ansage denn bitte Bock auf das ganze Bundeswehr-Ding? Ich hab versucht mich da reinzuversetzen und alles was ich an deren Stelle hätte denken können, wäre: „Fick dich! Fick dich! Fick dich! Halt dein Maul, ich will pennen. Tu nicht so wichtig und fick dich gleich nochmal, Herr Stabsgefreiter!“ Anscheinend ist es aber megawichtig, dass man die Grundstellung beherrscht und die Füße im 60°-Winkel zueinander stehen. „Da gibt’s kein Zucken, kein Wackeln, kein Grinsen, kein Husten, kein garnix.“ Die neu gelernten Gepflogenheiten werden auch gleich geübt. Dann werden alle nach Größe sortiert. Sieht sonst scheiße aus. Wieder ertönt ein „Jawohl!“ von allen. Das klingt in meinen Ohren irgendwie immernoch sehr ekelhaft. 

„People always get mad when I tell them I’m a pacifist. ,You’re a pacifist? What would you have done about World War II?‘ – Uhm, I wouldn’t have started World War I …“ — Barry Crimmins

Mir ist der Spaß mittlerweile ein wenig vergangen. Nennt mich Idealist, aber ich würde mich selbst als Pazifisten bezeichnen. Und die Art und Weise, wie hier versucht wird junge Menschen zu ködern, weil anscheinend keine Sau mehr Bock auf den Wehrdienst hat, macht mich fassungslos. Hier wird eine Art Landschulheim-Feeling suggeriert. Ich frag mich, ob die im Ernstfall immernoch die Salami vermissen, oder nicht vielleicht doch ihre Familie, Freunde oder diverse Körperteile. Es wird ein romantisches Bild von Einheit, Zugehörigkeit und Liebe durch Härte gemalt, wie man das eben so kennt. Funktioniert anscheinend auch. Der Top-Kommentar: „Ich will auch unbedingt, bin zwar schon 27 aber hoffe es bis zum Sommer 2017 zu schaffen! :O“

Ich denke, das war nicht unbedingt die actionreichste Folge, aber ich weigere mich, dem ganzen Ding noch einen weiteren Klick zu verschaffen. In diesem Sinne: “Yvan eht Nioj!“

Matze

Matze

Matze ist ein dicklicher Twentysomething aus Mannheim und in verschiedenen Bands aktiv. Außerdem interessiert er sich für Stand-Up und Grafik. Er ist der Typ, der immer am lautesten über seine eigenen Witze lacht. Und auflegen tut er auch.
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