Die Toten Hosen – 18. April 2017 – Darmstadt / Tischlerei Köhres (Magical Mystery)

Live-Bericht

Am 18. April gastierten Die Toten Hosen im Rahmen ihrer Magical Mystery Tour in Darmstadt. Unser Autor und Fotograf Marco erlebte sein bestes Konzert ever.  Zum Glück lässt er uns daran teilhaben.

Wisst ihr was das Geilste an diesem Scheiß-Abend war? Dass überall Bier stand. Nicht wie in der Festhalle, 10 Minuten am Bierstand stehen und 2 Songs verpassen. Nein, überall Bier in greifbarer Nähe. Jeder Gast hat einfach ne Kiste mitgebracht. Und dass auf der Bühne diese Band aus Düsseldorf steht, die ich seit 1989 in mein Herz geschlossen habe, war auch ganz nett. Außerdem hüpften in diesem Mob vor der Bühne meine allerliebsten Freunde mit einem Strahlen im Gesicht rum, als wär hier gerade was ganz Besonders los. Das wiederum könnte am Bier gelegen haben, dass hier überall rumstand. Oder halt doch an der Band auf der Bühne, die gerade „All die ganzen Jahre“ spielt.

Am Anfang war mein Facebook-Post mit der Frage, ob jemand Bock hätte, sich mit mir für ein Wohnzimmerkonzert der Hosen zu bewerben. Am Ende erlebte ich das wohl geilste Konzert meines Lebens. Das klingt vielleicht gar nicht so spektakulär, aber wenn man weiß, dass ich mich fast jedes Wochenende auf irgendwelchen Konzerten rumtreibe, bekommt dieser Satz ein ganz anderes Gewicht.

Irgendwann waren wir dann also so  15 Leutchen, und nach langem Hin und Her haben wir uns dafür entschieden, ein Backdrop  von 10m x 12m zu basteln und dessen Entstehung zu filmen. Also meterweise Stoffbahnen zusammengenäht, Farben & Pinsel besorgt, die Oetinger Villa als Entstehungsort auserkoren und vor allem vom Fanbeauftragten des SV Darmstadt 98 die Erlaubnis bekommen, das Banner beim Spiel gegen den HSV zeigen zu dürfen. Natürlich wollten viele im Stadion wissen, was denn da drauf steht, was da gerade über ihre Köpfe hinweg gezogen wird. „Welcome to Heinertown“ war dann meist die geflunkerte Antwort. Das war halt das berühmte A und O: Maul halten! Muss (und darf) nicht jeder wissen, was wir da so treiben.

Bleibt noch die Frage, wo wir das Konzert eigentlich stattfinden lassen. Die erste Idee war, es in Bastis Tattooladen zu machen. Das hätte dann noch mehr Coolness ins Spiel gebracht. Problem: Sein Laden liegt im Darmstädter Martinsviertel. Wenn die Hosen da aufspielen würden, wären innerhalb von 10 Minuten 500 Leute auf den Straßen. Was sicherlich auch seinen Reiz gehabt hätte, aber der Hauptgrund der dagegen sprach war,  dass dann jeder von uns, aufgrund der Raumgröße, nur eine Person hätte einladen können. Also haben wir uns für Alonzos Schreinerei im Industriegebiet von Darmstadt/Weiterstadt entschieden, um wenigstens die allerengsten Freunde bei einem eventuellen Sieg dabei haben zu können. Das am Ende natürlich trotzdem bei weitem nicht alle dabei sein konnten, lag auf der Hand.

Irgendwann war das Video fertig. Wir auch. Also ab zur Post das Ding. Und dann passierte erstmal nichts. Gar nichts. Drei Monate nichts. Irgendwann klingelte mein Handy und Kiki, der Tourmanager von den Hosen war am Apparat. Er erklärte mir, dass wir uns jetzt in der engeren Auswahl befinden und er sich gerne mal die Location, in der das Konzert stattfinden soll, anschauen würde. Allerdings habe ich mich so über seinen Anruf gefreut, dass ich ihn erstmal als „Geile Sau“ betiteln musste. Is halt so, wer uns so lange warten lässt und dann mit so einer Nachricht um die Ecke kommt, muss mit sowas rechnen, haha.

Nachdem er uns besucht hatte hieß es: Ich ruf euch in einer Woche an, dann habe ich alle Bewerber der engeren Auswahl durch. Cool, endlich wieder warten!  Dann aber der ersehnte Anruf, die Zusage, der Jubel!

Problem: Man würde es gerne ALLEN erzählen, was aber natürlich strengstens verboten ist. Verständlich, denn wenn das die große Runde macht, stehen da ruckzuck tausend und mehr Leute vor der Tür.

Jetzt gab´s erst einmal viele Dinge zu klären. Wie zum Henker sollen wir in der Schreinerei für die komplette Hosen-Crew und uns warmes Essen zubereiten?  Mh, eine Toilette für 180 Gäste wird wohl auch etwas wenig sein. Die beste Geschichte erzählte uns Andi, der für die Getränke sorgen sollte. Er rief einen Getränkelieferanten an, der unsere Bierkalkulation für völlig überzogen hielt. Mit wie vielen Gästen wir denn ungefähr rechnen, wollte er wissen. Die von uns angegebenen 150 Personen hielt er auch für völlig übertrieben an einem Dienstagabend. Okay, wenn das schon so losgeht, gehen wir lieber auf Nummer sicher und nehmen das alles selbst in die Hand. Jeder Gast bekam den Auftrag einfach eine Kiste Bier/Cola/Wasser mitzubringen. Problem gelöst und die Getränkevielfalt lies keine Wünsche offen.

Am Tag vor dem Konzert dann ne kleine Bühne aus Holzpalletten gezimmert, alle Sägen abgebaut, unser, natürlich viel zu großes, Banner aufgehängt und Bier getrunken. Ohne kleine Bühnenerhöhung wäre bei fast 200 Leuten in den hinteren Reihen nichts zu sehen gewesen.

Heute ist es endlich soweit. Morgens um 9 Uhr wird der Toilettenwagen geliefert. Jede Menge Brot und Brötchen beim Bäcker abholen und belegen. Privat und in der Oettinger Villa wird gebrutzelt was das Zeug hält. Soll ja keiner sagen in Darmstadt hätte das Essen nicht geschmeckt. Unser Bulgursalat, die Linsen und die Bowle scheinen ja auch sehr lecker gewesen zu sein, wenn man sich das offizielle Hosen Video zu unserem Konzert so ansieht. Bulgur Salaaaaat!

Gegen 13:30Uhr trifft die Hosen-Crew ein. Alle helfen beim Ausladen der Boxen und Gitarren. Schnell wird klar, dass wir es hier mit verdammt netten Menschen zu tun haben. So mögen wir das, also erstmal Bier trinken. Frei nach dem alten Darmstädter Spruch: Schnell noch ein Bier bevor´s losgeht!

Irgendwann trudelt dann auch die Band ein. Es wird gequatscht und Erinnerungsfotos gemacht. Hätte es aber gar nicht gebraucht, denn so einen Abend vergisst man eh nicht. Beim Soundcheck kam mir dann erstmals wirklich in den Sinn, was hier gerade los ist. Da stehen die Helden meiner Jugend vor 10 Freunden und mir und spielen „Teenage Kicks“ von den Undertones. Sensationell!

Als wir die Türen öffnen, strömen so unfassbar viele Freunde und Bekannte herein, dass ich gar nicht weiß, wen ich als erstes Begrüßen soll. Ich war tatsächlich etwas überfordert. Mit Quatschen und Biertrinken verfliegt die Zeit wie im Flug und schon steht die Band auf der Bühne. Und alles (und ich meine wirklich jeden verdammten Gast) steht unter Strom, vom ersten bis zum letzten Ton!

Überall fliegen Leute und Bier durch die Gegend. Spätestens bei „Liebeslied“ bricht so dermaßen die Hölle vor der Bühne los, dass ich mit einem Mal weiß, dass wir verdammt nochmal die richtigen Leute eingeladen haben. Alle haben so Bock auf dieses Konzert. Alle mit Grinsen im Gesicht. Kleiner Schwenk zur Seite,  Bier geschnappt, weiter geht’s. Bei „Verschwende deine Zeit“ greift Campino meine Hand, zieht, aber nix geht. Meine Beine haben sich mit 20 anderen verknotet. Vielleicht waren es auch mehr, ich weiß nicht mehr. Als hätte der Typ da auf der Bühne nix anderes zu tun, hält er mich so lange fest, bis ich mich entknotet habe. David Copperfield wäre stolz auf mich. Also kurz den Song zu Ende gesungen (Ehrensache, die spielen ja auch ohne Gage, da kann man auch mal beim Singen helfen), um später in meinem Konzertbericht so tun, als ob es das normalste von der Welt gewesen wäre. Hätte mir das mal einer im Jahre 1990 erzählt…

Scheiße, dann fällt mir plötzlich ein, dass ich ja wenigstens bei einem Song ein paar Bilder schießen wollte. Nein, muss! Denn mal ehrlich, die Gelegenheit als Hobby-Konzertfotograf die Toten Hosen fotografieren zu dürfen, kommt dann wohl eher nicht wieder. Mist, ich hab doch eigentlich gar keine Zeit für sowas, ich muss doch tanzen und Bier trinken. Das Leben ist manchmal ungerecht.

„Unter den Wolken“ kommt live übrigens verdammt gut. Bin mal gespannt wie das in den großen Hallen ankommt. Wir sind zwar alle nicht so die Fans von diesen großen Konzertsälen, aber dieses Erlebnis, nicht nur das Konzert, auch das Erstellen des Banners etc., hat uns irgendwie so zusammengeschweißt, dass wir dringend ein Nachtreffen mit unserer Bewerbungscrew brauchen. Was liegt da näher als ein Besuch der Hosen in der Frankfurter Festhalle. Oder in Mannheim, mal schauen wo es sie hin verschlägt.

Irgendwann ist das Konzert zu Ende, ohne „Reisefieber“ und „Testbild“, was ich den Jungs natürlich nie verzeihen werde. Allerdings lassen sie sich nach dem Konzert unfassbar geduldig mit jedem fotografieren, sodass ich mir denke, nach dem zwanzigsten Bildwunsch hätte ich dem Einundzwanzigsten sein Handy wahrscheinlich völlig entnervt  in den Allerwertesten geschoben. Und zwar quer!

Am nächsten Tag is dann aufräumen angesagt. Scherben wohin man sieht. Und Leergut. Wir mussten zweimal mit dem Hänger Leergut im Wert von über 240 Euro wegbringen.  Zusammen mit den Spenden der Gäste, kommen wir so locker auf unsere Ausgaben für Essen, Toilettenwagen und kleine Reparaturen in der Werkstatt. Wir sind noch nicht ganz durch, aber Ehrensache dass das übrige Geld für den guten Zweck gespendet wird. Wir scheiß Gutmenschen, wir.

Was bleibt am Ende zu sagen? Bestes Konzert ever erlebt. Band samt Aufbau-Crew und Tourmanagern ein verdammt netter Haufen. Das war ja schon immer so meine Horrorvorstellung. Ich habe ja schon mit vielen Bands, die ich geil finde, zusammen Konzerte gespielt. Und immer schwingt die Angst mit, was wäre, wenn sich die geile Band dann als menschliche Arschlöcher rausstellt? Is mir zum Glück erst einmal so ergangen. Welche Band das war, verrate ich hier natürlich nicht, aber eins steht fest, beim heutigen Magical Mystery Konzert war sie definitiv nicht am Start.

Marco Capgras

Marco Capgras

Exil Darmstädter, aus dem wunderschönen Bad Offenbach geflohen. 1995 - 2012 bei der Punkband „Ungunst“ am Mikrofon, mimt er jetzt bei seiner aktuellen Band „Captain Capgras“ den großen Zampano. Zwischendurch schnappt er sich mal seine Kamera und knipst ein bißchen fürs Polytox. Das will er so lange machen, bis er die Konzertfotografie beherrscht. Somit dürfte er uns also noch sehr lange erhalten bleiben…
Marco Capgras

2 Kommentare

  1. Ich habe die Hosen auch in Darmstadt das Erste mal gesehen.

    Zur Zeit der “Opelgang”. Das ich auch durchaus in guter Erinnerung habe. Aber ich weiss nicht mehr was das für ein Laden war. In meiner Erinnerung – die aus den Zeiten meiner frühen Jugend viel Dunkelheit enthält – war das am Waldrand eine halbgrosse Location (ca. 500 Zuschauer) die gut gefüllt war. Ich kannte die Hosen nicht, aber das Konzert war beeindruckend.

    Genau wie die Asopunx aus Dieburg. Da gab es so eine Clique Nietenjackenträger (war damals noch nicht so verbreitet) die man damals öfters auf Konzerten sah und die jedesmal Streß verbreiteten.

    Fotos hat damals aber noch niemand gemacht – vermute ich mal.

    Solche Konzerte sind aber sicher tausend mal geiler, als irgendwelche Hallen. In der größten wo ich die TH gesehen habe, fühlte ich mich schon nicht mehr so wohl.

    Wo ich das schreibe fällt mir auf, wie oft ich die TH gesehen habe, obwohl ich nie grosser Fan war. 83/84 Darmstadt, 88 Berlin, 89 Mainz und nochmal ca. 90 Mainz.

    • Es war wohl in Dieburg am 22.4.1984
      http://dth-dta.de/index.php?option=com_dthdta&view=concerts&Itemid=116&tour=2&lang=de

      Erstaunt bin ich darüber, dass sie am nächsten Tag im ZickZack gespielt haben, was näher an meinem damaligen Wohnort war und wir auch dort viele Konzerte gesehen haben – man kann sich das ja heute nicht vorstellen wie das früher ohne Internet war. 🙂
      Unendlich viele Konzerte haben wir verpaßt und heute finde ich die Termine im Internet.

      Die Jahre oben stimmen auch nicht 🙂 – in Mainz haben sie 1986 und das zweite finde ich nicht in der Liste.

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