Egotronic – Keine Argumente!

Hass, Hass, Hass

Irgendwie kann ich den Wandel von Egotronic im letzten Jahrzehnt nachvollziehen. Denn ähnlich wie Torsun Mitte der Nullerjahre bei der Punkband Kalte Zeiten aufhörte, hängte ich die Pogopresse an den Nagel, um mich dem positiveren Projekt Punkrock!-Fanzine zu widmen. In Berlin angekommen, startete der Südhesse dann volle Granate mit Egotronic auf allen Kanälen durch und feierte die kommenden Jahre, was einen deutlichen Teil seines heutigen Bekanntheitsgrades ausmacht.

Doch vor einigen Jahren musste bei ihm wieder was neues, ernsthafteres her. Damit besann er sich musikalisch auch wieder mehr auf seine Punkwurzeln – neben Elektroklängen traten Gitarren und Schlagzeug wieder in den Vordergrund. Und mit Keine Argumente!, das bereits im Mai erschien, wird nun der Staat mit allem was man hat richtig derb gehasst. Dort wird es für mich auch wieder rund. Denn seit rund zwei Jahren schwillt mir auch täglich wieder regelmäßig der Hals. Ich arbeite knapp zwei Jahren in der Flüchtlingshilfe und stehe deshalb auch auf diesen Song:

Außer Deutschland, Arschloch, Fick Dich, findet die Band aber noch weitere deutliche Worte gegen den Staat oder die breite Gesellschaft. Dabei wird auch nicht groß zwischen Stadt und Provinz unterschieden. Wobei man den Dresden gewidmeten Song Hauptstadt der Bewegung quasi auch als Nachfolger von 10 German Bombers sehen kann. Also der Song, den die Band der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg widmete und jetzt aufgrund von Pegida wieder wünscht.

Trotzdem ist Keine Argumente von Egotronic kein reines Politalbum, das in jedem Song mit Schland oder der latenten Fremdenfeindlichkeit abrechnet, sondern hat durchaus seine ruhigen und lustigen Momente.

Ruhiger, wenn Torsun seine vor Jahren schmerzhaft auftretende Krankheit anspricht. Hedonistisch-spaßig in Ihr wollt Arbeit ich will schlafen, oder richtig zum Lachen im Falle von Odenwald, von woher der Bandleader stammt.

Für mich übrigens auch musikalisch das tatsächlich beste Album, das die Berliner bislang ablieferten. Denn die Elektrosounds fanden wieder größeren Einzug in die Gesamtproduktion. Zwar nicht mehr in dem Maße, wie zu Beginn, doch so, dass für mich der Mix zwischen klassischer Punkformation und Elektro gleichwertig ist und sich deshalb von nahezu allen Veröffentlichungen abhebt, die sonst heutzutage so erscheinen.

Rundherum eine fantastische Elektropunkrille – großartige Musik mit system- und gesellschaftskritischen Texten.


Info

Format: Deoppel-CD, Doppel-LP

Label: Audiolith

Band-Website: egotronic.net

Label Website: audiolith.net

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky

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