Es war Mord

Das deutschsprachige Killeralbum 2017

Als die Promoankündigung von Es war Mord ins Haus flatterte, war ich gleich gefesselt. Denn der Bandname und das Cover wirkte so passend zueinander, dass ich mehr wissen wollte. Gut, das Namedropping, es seien Bandmitglieder von Vorkrigesjugend, Zerstörte Jugend, Jingo De Lunch oder Die Skeptiker, ist eine Info, die auch aufhorchen lässt.

Nachdem ich das dreckige Dutzend düsterer Songs gehört hatte, zählte ich mich direkt zu den Fans der Band. Tippte vorerst jedoch bloß eine Review dazu, obwohl ich da schon wusste, dass ein Interview folgen muss. Doch vorher dachte ich mir, es sei sinnvoll das nach ihrem Auftritt dieses Jahr beim Back To Future zu machen. So habe ich das dann auch getan. Was ich gesehen habe, hat wegen Sänger Stunks Auftritt noch einmal meine Meinung bestärkt, dass Es war Mord mit Unter Kannibalen die beste deutschsprachige Punkplatte 2017 veröffentlicht hat. Ganz nebenbei ein Album, über das bestimmt noch lange Jahre geredet wird, so gut ist es.

Hier nun mein Email-Gespräch mit Gitarrist Tom, in dessen Berliner Aufnahmestudio Schaltraum diese düstere, schroff-zornige Punk-Granate aufgenommen wurde.

In einem Kurzinterview habt ihr auf die Frage, „Was war Mord?“ mit „Es“ geantwortet. Soll der Name einfach Platz zur Interpretation lassen oder wieso wurde darauf so kurz entgegnet?

Ich finde Stunks Antwort, also den neutralen Artikel, eigentlich eine ganz pfiffige Antwort. Ein Bandname soll glaube ich einer Musikgruppe in erster Linie ein Alleinstellungsmerkmal garantieren. Man muss das nicht totreden, das ist keine Metaebene oder so … Was mir bei dem Namen gleich gut gefallen hat, dass man ihn gut als Antithese einsetzen kann.

Das Artwork ist ein Holzschnitt mit dem Titel „der krieg“. Wurde der Holzschnitt aufgrund des Titels oder des Motivs ausgesucht – oder wegen beidem? Was wollt ihr damit ausdrücken?

Auch das Cover muss nicht überanalysiert werden. Wir wollten ein gutes Cover, die Lithographie hat einfach super ins Konzept gepasst, von daher haben wir uns aufgrund des Motivs entschieden. Ansonsten haben wir uns nicht wirklich etwas dabei gedacht.

Über welches Konzept reden wir denn da?

Die ursprüngliche Idee war ja ein düsteres Album aufzunehmen. Mit unterschiedlichen Songs, die aber alle irgendwie denselben roten Faden haben. Abgründig, vielleicht auch ein wenig hoffnungslos, aber am Ende irgendwie menschlich.

Das ist euch ja gut gelungen. Rund um die Band findet aufgrund der Vergangenheit der verschiedenen Mitglieder ein ziemliches Namedropping statt. Nervt das mehr, als man sich darüber freut?

Weder noch. Wir nehmen das eher beiläufig oder überhaupt nicht zur Kenntnis. Sepp und Dietmar sind super selten im Internet unterwegs. Stunk und Markus nutzen das glaube ich auch eher sporadisch. Prinzipiell hat keiner von uns ein Problem, mit den Vorgängerbands in Verbindung gebracht zu werden.

Der ursprüngliche Titel des Albums „Erinnerungen eines Agenten, der aus Notwehr mit den Kannibalen knutschte“ ist nicht nur sperrig, sondern auch etwas kryptisch. Insofern verständlich, dass ihr euch für einen griffigeren Albumtitel entschieden habt. Willst du bitte trotzdem verraten, was es mit dem längeren Titel auf sich hat?

Überhaupt nichts, das ist eine Promotionlüge, die ich mir ausgedacht habe, weil ich ein Info für unsere Plattenfirma schreiben sollte und mir so gar nichts eingefallen ist. Deshalb ist das Info übrigens auch so kurz geworden. Den von dir genannten Titel fanden alle voll scheiße, außer mir. Er ist außerdem geklaut und heißt in Wirklichkeit: „Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang.“ und ist von Bukowski.

Promolüge klingt gut, Bukowski noch besser. Was findest du so gut an Bukoswksi, dass er dir sozusagen als Ideengeber diente?

Ja klar ist Bukowski besser als ne Promotionlüge, aber woher willst du wissen, wie gut ich Bukowski finde? Bloß weil ich einen Titel adaptiert habe? Natürlich finde ich Bukowski gut. Was? In erster Linie seine Texte, aber auch seine Haltung, die wahrscheinlich nur mit Attitüde funktioniert. Machen wir uns nix vor: „Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang.“ ist hundertmal besser als der Klamauk-Titel, den ich ins Bandinfo lanciert habe.

Nun, ich habe mit keinem Wort erwähnt, dass du ein Bukoswski-Fan bist, sondern nur gefragt wieso er gut genug als Ideengeber war. Aber betreiben wir jetzt mal keine Haarspalterei und machen weiter: Teile des Albums erschienen im Dezember schon auf Tape und jetzt auch nochmal komplett. Was ist das reizvolle an diesem eigentlich überholten Format?

Keine Ahnung, das muss was mit Nostalgie und Mitleid zu tun haben, wenn du mich fragst.

Tatsächlich erscheint das Album sogar auf CD. Wieso denn das? Reicht heute nicht LP mit Downloadcode und gegebenenfalls eben Tape für besondere Nerds? Ist eine CD nicht reine Ressourcenverschwendung?

Ich bin kein Marktwissenschaftler, ich möchte das nicht beurteilen. Dass CDs oft in Plastikfolie eingeschweißt sind, halte ich für Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung. Die werden ja nicht schlecht, oder so. Es gibt aber eine Menge Leute, die noch auf CDs bestehen. Verstehe ich auch nicht, ist aber so. Wahrscheinlich haben sie noch einen CD-Player zu hause, wer weiß.

Euer satter Sound erinnert deutlich an die Achtziger. Er ist stark gitarrenlastig, ruppig und grimmig. Für meinen Geschmack ist Stunks Stimme nen Ticken zu leise abgemischt. Weshalb klingt ihr genau so, wie ihr klingt?

Wir klingen genau so, weil wir es nicht besser hinbekommen haben, was mir wiederum sehr gut gefällt. Die Unart die Stimme komplett in den Vordergrund zu mischen und die Band plätschert wie Micky Maus im Hintergrund war in den 80gern bei kommerziellen Musikgruppen, wie Nena oder Spider Murphy Gang naturgemäßes Vorgehen. Heutzutage scheint das auch in der sogenannten Punkscene völlig normal zu sein. Bitte schön, wer unsere Platte fünfmal gehört hat, wird auch die Texte verstehen und mitsingen können. Außerdem gibt es auch ein Textheft.

Da gebe ich dir völlig recht. Bloß weiß ich manchmal nicht, ob das Leute heute noch tun. Kommt es dir nicht auch so vor, dass die Wertigkeit von Musik heutzutage deutlich abgenommen hat. Auf mich macht es den Eindruck, dass Musik für stets mehr Menschen immer weniger Input, denn nettes, cooles, wasauchimmer Hintergrundsgedudel ist. Kannst du nachvollziehen, was ich meine?

Klar, die Hörgewohnheiten verändern sich auch. Dass Musik über ein Telefon läuft und auch oft gar nicht an einen Verstärker angeschlossen wird. Man hört isoliert über einen Ego-Kopfhörer oder aber das Handy plärrt vor sich her. Finde ich auch etwas lieblos. Ich glaube aber fest daran, dass es noch einen Haufen Menschen gibt, junge und ältere, die in Musik nach Wahrhaftigkeit suchen und gegebenenfalls auch finden.

Warum ein Videoclip zu „Hobel“ und keinem anderen Lied?

Dass wir „Hobel“ genommen haben, sollte sowohl Statement als auch Konzept sein.

Hast du Lust das ein bisschen ausführlicher zu erläutern. So hänge ich ehrlich gesagt etwas im luftleeren Raum.

Schwer zu erklären, war eher ein Bauchgefühl. „Hobel” ist ein völlig videountypisches Lied und war eigentlich so etwas wie ein Outro von “Schlecht ist besser”. Durch den Text hat es aber an Profil gewonnen und wurde dann der “Hobel”. Wie ich finde ein toller Song, aber ohne jede Single-Qualität. Die Idee sich da irgendwie zu verweigern, quasi mit einem nihilistischem Ansatz ein denkbar ungeeignetes Lied zu nehmen, fand ich okay.

Finde ich auch ne klasse Herangehensweise. Außerdem frage ich mich wie schlimm ist das Leben wirklich, wenn ich die Texte lese. Ihr seid alle älter als ich. Also: Was habe ich noch zu erwarten außer nichts?

Auf dem Back To Future hast du auch ganz schön alt ausgesehen, wenn du mich fragst. Ich bin nicht der heilige Geist, was dich erwartet? Keine Ahnung, am Ende hoffentlich ein angenehmer Tod, ohne Mord.

Frechheit, das ist natürlich eine üble Verleumdung mit dem BTF – haha! A propos Back To Future. Wie hat dir das Festival dieses Jahr gefallen und was würdest du sagen worin sich deine Auftritte mit Es war Mord und Skeptiker unterschieden haben?

Ich mag das BTF, auch den Ort, wo es stattfindet. Ich spiele ehrlich gesagt am liebsten auf der Zeltbühne. Unterschieden haben sich die beiden Auftritte dadurch, dass es unterschiedliche Bands mit unterschiedlichen Songs waren und vielleicht auch insofern, dass bei den Skeptikern die meisten Leute wissen was kommt. Es war Mord hat noch ein bisschen den Überraschungseffekt und wir hatten auch Spaß. Skeptiker nehmen gerade eine neue Platte auf, und wir sind eigentlich gar nicht so im Konzertmodus, aber es war alles super, wie immer.

Es war Mord beim Back To Future. Stunk im Vordergrund, Tom dahinter.
Credits an Arne Marenda

Aber nochmal zurück zur Ausgangsfrage. Mir ging es jetzt nicht darum, welche Gebrechen mich erwarten oder so’n Blödsinn. Sondern was man gegebenenfalls mit dem Alter lernt und vielleicht Jüngeren mit auf den Weg geben kann, wenn du so auf die letzten 30 Jahre zurückschaust. Weil, wenn ich mir mal überlege, wie lange du schon Musik machst und mir nun die Texte von Es war Mord durchlese, dann kann man durchaus zu einem nicht so positiven Fazit kommen. Verstehst du was ich meine, oder ist das bloß wieder überanalysiertes Interpretationsgewäsch?

Jetzt verstehe ich natürlich was du meinst. Aber die ursprüngliche Frage, fand ich dann doch etwas unkonkret. Es gibt im Grunde nichts, was ich jüngeren auf den Weg mitgeben möchte, gar nichts. Es-war-Mord-Texte sind auch nicht repräsentativ für mein gesamtes Leben, dass ich ja auch zusammen mit meiner Familie führe. Sondern allenfalls eine Facette davon, ein Modell oder eine Idee, dunkle Momente, Abgründe oder Schlaflosigkeit und was es noch alles so gibt in eine Form zu packen. Drei Leute kennen sich schon sehr lange und dass wir nach 35 Jahren nochmal eine Band zusammen machen und eine stimmige Platte aufnehmen, ist nicht nur ein positives sondern ein fantastisches Fazit.

Die Release-Party war am 23. Juli im Berliner Supamolly, ich hoffe es war ein rauschendes Fest. Was habt ihr unmittelbar im Anschluss des Konzerts gemacht?

Es war sehr voll, und etwas nervig, weil wir normalerweise immer als erstes spielen und an diesem Abend so lange warten mussten. Ich habe mich aber sehr über die schöne Vinylplatte gefreut, der Rest ist eher privat.

Kannst du dich für den Tatort oder Polizeiruf 110 begeistern?

Geht’s noch?

Na wunderbar, das ist doch ein knackiges Ende für ein Interview mit einem Es-war-Mord-Bandmitglied. Für mich sehr ehrlich und geradeaus. Eben so, wie es sein muss!

Konzerte scheinen in der nächsten Zeit nicht anzustehen, bzw. sind mir diese nicht bekannt. Trotzdem sollte man sich einen Auftritt nicht entgehen lassen. Ich war von dem beim Back To Future ziemlich ergriffen.


Info

Format: LP, CD, MC

Label: Sounds Of Subterrania

Band Website: es war mord

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky

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