Front – Dissonanz und Wahnsinn

Unwetterwarnung für Kopf und Herz

Kürzlich fragte mich Falk, ob ich denn das neue Album seiner Band Front besprechen wolle. „Na klar“, war darauf meine direkte Antwort. Neben ihm, als quasi andere verantwortliche Person für diesen Blog, mag das vielleicht etwas nach Vetternwirtschaft riechen. Ist mir aber wumpe. Zum einen, weil mir Front schon gefiel, bevor wir was Gemeinsames gestartet haben und zum anderen sind wir ein Fanzine. Damit haben wir eh einen Freibrief auf Subjekitivität in jeder erdenklichen Richtung. Trotzdem werde ich euch jetzt versuchen Dissonanz und Wahnsinn etwas genauer nahe zu bringen.

Album Nummer vier hat nach nun fast fünf Jahren erst das Licht des Tages erblickt. Der Grund war wie bei jeder Band, deren Mitglieder ihr Geld nicht als Berufsmusiker verdienen, neben einer längeren krankheitsbedingten Pause, der ganz normale Wahnsinn. Sprich Alltag vs. freie Zeit oder Neudeutsch, die Work-Life-Balance geriet in deutliche Schieflage.

Andererseits macht es den Eindruck, dass die Zeit dem Album recht gut getan hat. Denn, um mal einen doofen Promospruch zu bemühen, das ist das bislang beste Album von Front. Ihren heutzutage selten gespielten LoFi-, frühen NDW-Sound konnten die einzelnen Bandmitglieder über diese Jahre Song für Song perfektionieren. Insgesamt wirken die Lieder in sich nämlich irgendwie kompakter, auch wenn sie deutlich detailreicher sind. Unter anderem kommt ein Theremin zum Einsatz – kennt ihr entweder aus alten Gruselfilmen oder von Pisse. Soweit ich weiß ist das Theremin als Instrument gar nicht mal so einfach zu spielen. Doch wenn, dann hat das absolut das gewisse Etwas.

Wobei mich auch wirklich das Schlagzeug packt und der Bass die gesamten zwölf Lieder ziemlich präsent ist. Da gibt’s ein paar Bassläufe, die hämmern ordentlich. Und wenn sie das nicht tun, dann hat man das Gefühl, der Viersaiter treibt einen vor sich her. Insgesamt ist das alles herrlich aufgeregt und nervös. Für mich hat das rein musikalisch schon etwas kafkaeskes. Ich stelle mir da eine Figur im Stile eines Eric Drooker vor, die sich die Fingernägel bis auf das Bett runterbeißt und sie langsam zu bluten beginnen.

Sowohl durch Falks Gesangsstimme wie auch die Texte, prägt sich dieses Bild nur noch deutlicher vor meinem geistigen Auge ein. Die Stimme betreffend finde ich es einmal wieder erstaunlich wie sehr sich diese zwischen Reden und Singen unterscheidet. Auf der LP klingt diese sehr fordernd, anklagend und teilweise auch unausweichlich verzweifelnd. Da hat er meiner Meinung nach ganz schön Glück, dass die Musik und seine Stimme so toll harmonieren. Fraglich wie die Gesamtkonzeption sonst aussehen würde.

Zu der gehören ebenso die angesprochenen Texte. Traditionell handeln die von der Gesellschaft und Politik. Beziehungsweise besser gesagt gegen diese. Da meines Wissens nach Falk für den Großteil dieser verantwortlich ist und wir uns in sehr vielen Meinungen einig sind, gefallen mir diese entsprechend gut. Religion ist da ebenso beknackter Schwachsinn wie fast ebenbürtiger faschistoider Rassismus, den man zum Patriotismus herunterspielt, weil man zu blöd zu erkennen ist, was man von sich lässt. Um mal meine Interpretation des titelgebenden Opener zusammenzufassen. Überaus fein finde ich auch den Refrain von Blindtext: Alles was du sagt / Ist Lorem Ipsum / Bla Bla Bla. Gebt dazu mal Lorem Ipsum in einer Suchmaschine ein, dann wird es einleuchtender, was Front damit sagen möchte und ich zu 110% unterschreibe.

Mehr möchte ich nicht auf die Lyrics eingehen, denn wie gesagt fühle ich mir aus der Seele gesprochen, nur halt mit anderen Worten.

Front liefern auf ihrem vierten Album ein wirklich fantastisches Album ab, das sich in seiner musikalischen Basis erneut dem LoFi/NDW widmet und diesen geschickt erweitern. Hören würde ich Dissonanz und Wahnsinn nicht, wenn draußen sieben Sonnen am Himmel stehen, oder ein romantischer Abend geplant ist. Das ist eher was für Tage, an denen man mit dem falschen Fuß aufgestanden ist oder die Gespräche auf Arbeit wieder vor Dummheit und Ignoranz strotzen. Dazu besorgt man sich ne Flasche trockenen und kräftigen Rotwein, legt das Vinyl auf und hofft, dass der nächste Tag wieder besser wird, bevor man irgendwann wegnickt.


Info

Format: Tape, LP + Downloadcode

Band: Homepage, Facebook

Label – Twisted Chords: Homepage, Facebook

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky
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