Henrik Müller – Nationaltheater. Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen

Kapitalismus vs Nationalismus

Vor Kurzem hat Henrik Müller mit Nationaltheater. Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen ein neues Buch vorgelegt. Es liefert wirtschaftsliberale Argumente gegen nationale Abschottung

Demokratische Gesellschaften brauchen einen emotionalen Kitt

Die Populisten sind aller Orten auf dem Vormarsch, nicht nur in den USA. Über Ursachen und mögliche Gegenstrategien machen sich unzählige Politiker, Aktivisten und Publizisten Gedanken. Nun hat sich auch der renommierte Wirtschaftsjournalist Henrik Müller zu Wort gemeldet. Das Reizvolle an Nationaltheater. Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen ist die Perspektive. Müller erhebt keinen moralischen Zeigefinger, sondern argumentiert aus der Sicht des Ökonomen. Und die besagt in aller Kürze: Wer nicht kooperiert, verliert. Nationale Abschottung und Alleingänge seien keine Alternative – das betreffe vor allem den Exportweltmeister Deutschland. Den marktwirtschaftlichen Konsens verlässt er dabei freilich nicht: Ohne Wachstum seien die derzeitigen globalen Probleme nicht zu lösen, die Globalisierung an sich erst Mal nicht falsch. Wer die offensive Diskussion mit Populisten nicht scheut, findet in Müllers Buch gerade deshalb hilfreiche erste Argumente. Warum Kapitalismus und Populismus so gut miteinander können, kann dann immer noch später verargumentiert werden.

TZ: Herr Müller, in Ihrem Buch Nationaltheater. Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen beschreiben Sie unter anderem, wie und warum der Nationalstaat im 19. Jahrhundert seinen Siegeszug angetreten hat und weshalb er heute nicht mehr zur Lösung globaler Probleme taugt. Anschaulich und in aller Kürze zeigen Sie, wie nationale Narrative letztendlich nichts als nützliche Fiktion waren. Allerdings schreiben Sie auch von einem „wohlverstandenen“ und einem „falschen Patriotismus“. Wo genau zwischen dem schwarz-rot-goldenen Party-Patriotismus eines Fußball-Fans und dem schwarz-weiß-roten Nationalismus eines Neonazis ziehen Sie die Grenze? Ist der Unterschied ein quantitativer oder ein qualitativer?

HM: Demokratische Gesellschaften brauchen einen emotionalen Kitt, der die Bürger in die Lage versetzt, Solidarität zu üben mit Menschen, die sie gar nicht kennen, Kompromisse zu schließen, Minderheiten zu schützen, sich freiwillig an Regeln zu halten. Nationale Identität kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten, auch wenn sie, wie Sie sagen, auf nützlichen Fiktionen basieren mag. Im 19. Jahrhundert wurden aus ländlichen Gemeinschaften städtisch geprägte, anonyme Großgesellschaften. Der Nationalstaat, seine Erzählungen und seine Rituale schufen ein Wir-Gefühl, das eine große Lücke füllte und tiefe Bedürfnisse befriedigte. Schlechter Patriotismus und Nationalismus hingegen betonen vor allem die Abgrenzung gegenüber dem Anderen und den Anderen. Ob Minderheiten im eigenen Land oder andere Nationen, die zu Feindbildern stilisiert werden – statt das friedliche, produktive Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft in den Fokus zu rücken, gebärden sie sich aggressiv. Im 19. Jahrhundert lässt sich beobachten, dass die Grenze fließend ist – dass wohlverstandener Patriotismus zu destruktivem Nationalismus werden kann –, übrigens gerade in Deutschland, wo die Nationalbewegung von Anfang an antifranzösisch geprägt war. Heute erleben wir es wieder: Von Trump über die Brexiteers und Marine Le Pen, die ja von einem Wahlsieg in Frankreich nicht so weit weg war, bis zu national gewirkten Autokraten in Ländern wie der Türkei – vielerorts werden nationale Gefühle wieder destruktiv aufgeladen und machtpolitisch instrumentalisiert. Dabei ist klar, dass wir all die grenzüberschreitenden Probleme, die die Menschheit dringend lösen muss, so nicht in den Griff bekommen. Eine Tragödie.

Wir brauchen Wachstum – im Sinne von mehr Fortschritt

TZ: Sie schreiben, dass der internationale Handel ohne Wachstum ein Nullsummenspiel sei. Was der eine gewinnt, würde der andere verlieren. Doch Wachstum hat Grenzen, das wissen wir nicht erst seit der berühmtem Studie des Club of Rome. Kann man angesichts der globalen ökologischen Probleme und des Klimawandels ernsthaft noch mehr Wachstum fordern?

HM: In meinem Buch beschreibe ich vier Sackgassen, in denen die Menschheit derzeit steckt und aus denen sie sich gemeinsam befreien muss. Eine davon ist die ökologische Sackgasse. Den Ressourcenverbrauch, insbesondere den Ausstoß an klimaschädlichen Gasen, drastisch zu senken, ist eine Notwendigkeit. Wachstum bedeutet aber nicht notwendiger Weise mehr Ressourcenverbrauch. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir ohne Wachstum – und das heißt ja vor allem: ohne technisch-wissenschaftlichen Fortschritt – die Probleme in den Griff bekommen wollen. Derzeit sind wir auf dem falschen Dampfer: Statt die erforderlichen Summen in nachhaltige Energieerzeugung und Verkehrsnetze zu investieren, erleben wir eine Kette von Baubooms, die hochverschuldete Staaten, Bürger und Unternehmen hinterlassen. Fortan sind viele gezwungen, einen Großteil ihrer Schaffenskraft darauf zu verwenden, die Schulden zu bedienen. Das sorgt für Frust, verbessert die Lebensbedingungen vieler Menschen nicht, befördert den Aufstieg von aggressiv daherkommenden Populisten. Und der Umwelt ist damit gar nicht geholfen. Gängige Schätzungen gehen davon aus, dass wir rund eine Billion US-Dollar jährlich investiert müssten, damit die Menschheit den Klimawandel bremsen kann. Klingt viel, ist aber nur in etwa die Summe, die allein börsennotierte US-Unternehmen jährlich an ihre Eigentümer in Form von Aktienrückkäufen und Gewinnausschüttungen zurückgeben. Ein paar Worte noch zum Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Umwelt: Entscheidend ist nicht nur, dass wir im Westen weniger Energie und Rohstoffe verwenden, sondern auch, dass wir das Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern und Schwellenländern in den Griff bekommen. Optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass zur Mitte des Jahrhunderts neun bis zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden und dass danach die Bevölkerungszahl wieder sinkt. Das dürfte kein großes Problem darstellen; in den vergangenen Jahrzehnten war der Zuwachs viel größer. Dieses positive Szenario setzt aber voraus, dass in Ländern mit heute noch hohem Bevölkerungswachstum die Geburtenziffern drastisch zurückgehen. Nach allen historischen Erfahrungen ist dieses Szenario nur erreichbar, wenn die Wirtschaft gedeiht und der Lebensstandard in der Breite steigt – wenn sich eine zunehmend gebildete, überwiegend verstädterte Bevölkerung gegen Kinderreichtum entscheidet. Es kann aber auch ganz anders kommen: Gelingt es nicht, die Geburtenziffern drastisch zu senken, droht in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ein Bevölkerungswachstum unvorstellbaren Ausmaßes. Die ökologische Katastrophe wäre dann unausweichlich. Deshalb: Wir brauchen Wachstum – nicht im Sinne von mehr Ressourcenverbrauch, sondern von Fortschritt. Ob sich der in unseren statistischen Konstrukten, wie dem Bruttoinlandsprodukt, niederschlägt, ist zweitrangig.

Im Moment ereifern wir uns über Trump. Aber wer weiß, wer danach kommt?

TZ: Ihrer Ansicht nach besteht Hoffnung, dass sich zwischen Washington, Peking, Delhi, Moskau und Brüssel ein neues globales Konzert der Mächte herausbildet, das für Stabilität sorgt. Dafür sei es notwendig, Realpolitik zu betreiben und das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten zu achten. Kann man, gerade in Zeiten zunehmender internationaler Verflechtung, überhaupt noch zwischen Innen- und Außenpolitik unterscheiden? Man denke nur an Russlands Annexion der Krim, die vor allem innenpolitisch motiviert gewesen sein dürfte. Gerade vor einigen Tagen stand Altkanzler Schröder erneut wegen seiner Nähe zu Autokrat Putin in der Kritik – haben nicht erst die „Realpolitik“ und „Sachzwänge“ der letzten Jahre das Vertrauen in die politische Klasse erschüttert und den Populisten zum Aufstieg verholfen? Steht diese Hoffnung last but not least nicht in Widerspruch zu Ihrer Aussage, dass das „Prinzip Nationalstaat“ bereits überholt sei?

HM: Es ist nicht so, dass ich ein globales Konzert der Großmächte für eine ideale Form internationaler Regierungsführung halte. In einer aus meiner Sicht idealen Welt würden wir den Nationalstaat überwinden und ihn durch demokratische Formen der übernationalen Governance ersetzen. Und das muss auch das langfristige, wenn auch utopisch anmutende Ziel sein. Anders werden wir all die grenzüberschreitenden Probleme letztlich nicht in den Griff bekommen. Davon sind wir aber weit entfernt. Schauen Sie sich das derzeitige internationale politische System an: Es herrscht große Unordnung, weil es keine Ordnungsmächte mehr gibt. Die USA, früher ungeliebte, aber stabilisierende Hegemonialmacht, verbreiten unter Präsident Trump eher Unordnung. Auch Russland, im Kalten Krieg noch eine düstere, aber berechenbare Vormacht, ist nicht gerade ein stabilisierender Faktor. China sieht sich auf dem Weg zu einer Macht mit weltweiten Interessen, ist aber weit davon entfernt, eine internationale Ordnung zu stiften. Europa, zersplittert und zerstritten wie es ist, ist kein echter Machtfaktor auf internationaler Ebene, sondern bestenfalls in der Rolle des Moderators. Was wir erleben, ist eine gefährliche Konstellation: Wir haben es mit einem internationalen Machtvakuum zu tun – aber die Probleme, die auf internationaler Ebene bearbeitet werden müssen, werden immer mehr und immer größer. Ein globales Konzert der Großmächte – ich denke an eine G 5 aus den USA, China, Russland, Indien und einer zum Föderalstaat ausgebauten EU – sollte sich deshalb zumindest auf das absolut Notwendige konzentrieren: Krieg, Gewalt, Terror und die Weitergabe von Massenvernichtungswaffen eindämmen. Wenn das gelänge, wäre schon einiges gewonnen. Ein wirksames Weltklimaregime zu installieren, wäre ein weiteres wünschenswertes Projekt. Es geht um Themen, an denen alle beteiligten Mächte ein Interesse haben. Sonst wird die Zusammenarbeit scheitern. Andere Fragen muss man weiter vorantreiben, aber die G5 wären dafür wohl – leider – nicht das richtige Forum. Sie haben recht: Diese Art von realpolitischer Kooperation stößt in kritischen, aufgeklärten Öffentlichkeiten auf Widerspruch. Verständlicher Weise. Denn die Lücke zwischen moralischem Anspruch und realpolitischem Handeln ist groß. Das ist sie aber heute auch schon; denken Sie an Angela Merkels Flüchtlingsdeal mit der Türkei und die Kritik, die sie dafür zu hören bekommen hat. Was das „Vertrauen in die politische Klasse“ angeht, von dem Sie sprechen: Ich sehe das größte Problem für die Glaubwürdigkeit von Politik in der Wirkungslosigkeit nationaler Ansätze. Wer verspricht, die Lebenssituation der Bürger durch nationale Alleingänge zu verbessern, wird aller Erfahrung nach scheitern. Das gilt für die Handelspolitik genauso wie für Fragen der internationalen Sicherheit, der Finanzstabilität oder der Umweltpolitik. Diese Diskrepanz zwischen Versprochenem und Erreichbarem sorgt für Frust. Im Moment ereifern wir uns über Trump. Aber wer weiß, wer danach kommt? Wer weiß, wem sich die Amerikaner zuwenden, wenn sie feststellen, dass seine Versprechungen nichts wert waren? Vertrauen sie dann wieder dem alten Establishment? Oder wählen sie eine noch radikalere Figur? Am Ende muss sich Politik dadurch legitimieren, dass sie Probleme löst. Dafür muss sie gelegentlich Widersprüche zwischen Innen- und Außenpolitik riskieren.


Zum Weiterlesen

Müllers Kolumne auf Spiegel Online

Der Autor

Henrik Müller (* 1965) ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler, Autor und Journalist. Nach Stationen in diversen Redaktionen – u. a. beim Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt und dem Stern – arbeitete er lange Jahre beim „manager magazin“, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. Seit 2013 ist er Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund, schreibt aber weiterhin für „Spiegel Online“ und das manager magazin. Seine journalistische Arbeit wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

wpj.ifj.tu-dortmund.de

Das Buch

Müller, Henrik (2017): Nationaltheater. Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen. 220 Seiten, Campus Verlag, ISBN: 978-3-593-50673-9, 19,95 Euro

Portraitfoto-Credit: Judith Wiesrecker

Tilmann Ziegenhain

Tilmann Ziegenhain

Der leicht adipöse Mittdreißiger kann von vielem etwas, aber nichts richtig und hatte damit die besten Voraussetzungen, um irgendwas mit Medien zu machen. Wenn er nicht in Mannheim als Redakteur arbeitet, studiert er in Frankfurt, lebt in Darmstadt oder fällt in seinem Geburtsort Wiesbaden rum.
Hätte er mehr Zeit, würde er gerne Sütterlin und Blues Harp lernen – oder öfter die Rüsselspringer im Zoo besuchen. Weil er aber immer noch nicht das Zehnfingersystem beherrscht, hat er keine.
Eine der letzten ungeklärten Fragen unserer Zeit ist ihm zufolge, wie Vegetarier eigentlich zu fleischfressenden Pflanzen stehen.
Nachdem er heute zum ersten Mal in der dritten Person über sich geredet hat, fragt er sich außerdem, ob es nicht Zeit für einen Künstlernamen wäre.
Tilmann Ziegenhain

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