Hormoneller Horrortrip

Girlumne

Ich eröffne das neue Jahr mit einer Entschuldigung – denn in den vergangenen Monaten ist es ruhig um meine Girlumne geworden und das tut mir leid. Der Grund dafür war ein gesundheitlicher Knockout, den ich ausgerechnet einer der wichtigsten Errungenschaften der Emanzipation zu verdanken hatte: der Pille.

Im Sommer habe ich eine ziemlich gute Zeit in Miami verbracht. Burritos am Ocean Drive, Mojitos in Little Havanna, Pabst Blue Ribbon im Churchills, ein Road Trip nach Key West. Es war perfekt. Doch dem Urlaubshoch folgte nach unserer Rückkehr schon bald die triste Realität: Überstunden im Büro, Netflixkoma im Wohnzimmer, Erkältung im Körper – zumindest glaubte ich das.

So kränkelte ich nach unserer Rückkehr eine Weile vor mich hin, bis meine Wehwehchen nach einigen Wochen schließlich in Höllenqualen endeten. „Wie schlimm sind Ihre Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10?“, fragte mich der Sanitäter im Krankenwagen, nachdem ich zuvor bei unterschiedlichsten Ärzten auf taube Ohren gestoßen war. „Zehn“, presste ich mit zusammengebissenen Zähnen heraus, während der Schmerz, der mich mit jedem Atemzug durchfuhr, von innen zerriss.

Um meine Leidensgeschichte an dieser Stelle etwas abzukürzen: Im Krankenhaus stellte sich bei einer Computertomografie heraus, dass ich an einer beidseitigen Lungenembolie litt. Irgendwo zwischen Miami und Düsseldorf muss sich während des Fluges ein Blutgerinnsel in meinem Bein gebildet haben, das Wochen später in meine Lunge gewandert war. Eine verdammte Thrombose, die nun die Blutgefäße in meiner Lunge verstopfte, ausgelöst durch die Pille.

In dem bereits abgestorbenen Lungengewebe hatte sich ein Keim eingenistet und die daraus resultierende Lungenentzündung hatte sich auf das Rippenfell ausgedehnt, das sich seither krampfhaft zusammenzog und mir die Tränen in die Augen trieb. Wäre die Embolie eine Woche später entdeckt worden, hätte ich es vielleicht nicht geschafft, klärte man mich später auf der Intensivstation auf, während Blutverdünner und Morphine in mich hineintropften.

Selbstbestimmung auf Rezept

Im kommenden Juni feiert die Antibabypille in Deutschland ihren 57. Geburtstag und damit auch die sexuelle Befreiung der Frauen, die bis dato nur bedingt Einfluss auf etwaige Schwangerschaften hatten. Denn Kondome waren damals längst nicht so sicher wie heute und galten aus moralischen und religiösen Gründen zudem als inakzeptabel.

Um nicht alle naselang schwanger zu werden, griffen Frauen daher zu den absurdesten Verhütungsmethoden. Sie führten sich vor dem Sex heimlich Schwämme ein, die das Sperma aufsaugen sollten. Nach dem Schäferstündchen hüpften sie auf und ab, damit der Samen schneller abfließen konnte. Und sie führten Vaginalspülungen mit Wasser, Zitronensaft und sogar Cola durch. Wegen eben dieser vermeintlich schwangerschaftsvorbeugenden Spülungen waren Bidets in England und Amerika übrigens noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts verpönt.

Die Erfindung des gebürtigen Österreichers Carl Djerassis änderte schließlich alles. Mit der Einführung der Antibabypille konnten Frauen 1961 plötzlich auch in Deutschland selbst entscheiden, ob sie ein Kind bekommen wollten oder nicht. Doch ganz so einfach war es natürlich nicht. Das neue Verhütungsmittel musste sich erst gegen die strengen Moralvorstellungen durchsetzen. Daher wurde die Pille anfangs noch als „Mittel gegen Menstruationsbeschwerden“ verkauft – und zwar ausschließlich an verheiratete Frauen.

Seither hat sich in Sachen Selbstbestimmung und Familienplanung zum Glück einiges getan und mittlerweile ist das Hormonpräparat hierzulande die beliebteste Verhütungsmethode überhaupt. Kein Wunder, zumal sie auf den ersten Blick nur Vorteile mit sich bringt: Schon nach ein paar Wochen bekommt man schönere Haut, die Menstruationsschmerzen aus der Hölle schrumpfen auf ein niedliches Zwicken zusammen und wenn es mal komplett unpassend ist, lässt sich die Periode sogar ganz verschieben.

Obendrein ist die Gefahr, ungewollt schwanger zu werden, laut Pearl-Index verschwindend gering. Denn bei richtiger Einnahme, bietet die Pille eine Sicherheit von über 99 Prozent. Klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein. Doch in den letzten Jahren wurden auch zunehmend kritische Stimmen laut. Kein Bock auf Sex, dicker Hintern, Depressionen – selbst die schönste Medaille hat eine Kehrseite.

Totgesagte leben länger

Und damit nicht genug. Denn richtig ungemütlich wurde es im Pillenwunderland erst, als 2009 eine 21-jährige Schweizerin völlig unerwartet an den Folgen einer Lungenembolie starb. Und das erst wenige Monate nachdem sie begonnen hatte, die Antibabypille zu nehmen. Ihr war dasselbe passiert wie mir – bloß ohne Happy End. Kaum hatte ich die Intensivstation verlassen, begann ich noch im Krankenhaus zu recherchieren.

Dabei stieß ich schnell auf die Seite risiko-pille.de. Und da waren sie – die Schicksale hunderter junger Frauen, die durch Einnahme der Pille in Lebensgefahr geraten oder an den Folgen gestorben waren: Thrombosen, Lungenembolien, Schlaganfälle, Herzrhythmusstörungen, Hirnblutungen. Mir wurde schlecht. Ich las von der 21-jährigen Anita, die mit ihren stechenden Rückenschmerzen – wie ich – von den Ärzten nach Hause geschickt worden war und ihren 22. Geburtstag nicht mehr erleben durfte.

Ich las die Geschichte von Juliana, die im Alter von 23 Jahren einen schweren Schlaganfall erlitten hatte. Und ich las unzählige Erfahrungsberichte junger Frauen, die schmerzhafte Thrombosen und lebensgefährliche Lungenembolien überstanden und noch einmal mit einem Krankenhausaufenthalt davongekommen waren. Mir dämmerte, dass ich eine von vielen war und ich fragte mich, weshalb wir alle so leichtfertig mit der Pilleneinnahme umgegangen waren.

Erst drei Monate zuvor hatte meine Gynäkologin mir das Präparat aufgrund hormonell bedingter Kopfschmerzen verschrieben. Die Verhütung – ein praktischer Nebeneffekt. „Rauchen Sie?“, hatte sie mich gefragt. Ich verneinte. „Dann gehören Sie zu keiner Risikogruppe was Thrombosen angeht“, verkündete sie und stellte mir lächelnd das Rezept aus. Tatsächlich habe ich das nicht einen Moment hinterfragt. Für Raucherinnen ist die Pille nicht geeignet – das stand schon vor 20 Jahren in der Bravo. Über das Restrisiko als Nichtraucherin habe ich offen gestanden nie nachgedacht. Doch ich wurde auch nie darüber aufgeklärt, wenn mir eine meiner mittlerweile vier Frauenärztinnen in der Vergangenheit ein Hormonpräparat verschrieben hat.

Rückblickend schockiert es mich, wie leichtfertig die Pille schon an junge Mädchen (ab 14 Jahren) verschrieben und wie unreflektiert sie täglich millionenfach von emanzipierten jungen Frauen eingeworfen wird. Von Frauen wie mir, die die Vorzüge einer Errungenschaft genießen, ohne sich ernsthaft mit den Risiken auseinanderzusetzen. Ich gebe Alice Schwarzer recht: „Die Pille ist ein Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation der Frauen.“ Doch ich finde, wir sollten nicht nur der Verhütung wegen zahlreiche Nebenwirkungen wie Depressionen, ein erhöhtes Brustkrebsrisiko und lebensgefährliche Thrombosefolgen in Kauf nehmen. Denn das Kleingedruckte kann eintreffen. Ich bin der Beweis.

Mehr über Diana erfahrt ihr auf www.urbanlifestyletrash.com

Diana Ringelsiep

Diana Ringelsiep

Einige von euch kennen sie vielleicht noch aus PUNKROCK!-Zeiten, jetzt ist sie auch bei Polytox mit an Bord! Im echten Leben ist Diana Kulturjournalistin, nach Feierabend bloggt sie auf Urban Lifestyle Trash über Pizza, Punk und Popkultur. Bei uns wird sie sich vornehmlich ihrer Girlumne widmen und das machen, was sie am besten kann: Bier trinken und sich über die Menschheit aufregen!
Diana Ringelsiep

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1 Kommentar

  1. Da scheint es offensichtlich irgendwann einen Wandel gegeben zu haben.

    Als ich in den 80’er sexuell aktiv wurde war das Thema Nebenwirkung der Pille immer eine Frage. Und die meisten Frauen, mit denen ich verkehrte nahmen nicht selbstverständlich die Pille. Eben weil diese Nebenwirkungen bekannt waren. Daher wundert mich die Aussage, die so kliongt, als ob erst seit 2009 bekannt wäre, dass dies so ist.

    In der Regel war es auch so, dass erst dann verhütet wurde wenn “Bedarf” da war. D.h. beim ersten Mal wurde noch je nach Wagemut noch experimentiert (Ich vermute nicht soviele kennen den Umgang mit einem Diaphragma). Über die Pille wurde dann erst nachdedacht wenn die Beziehung als “fest” bezeichnet wurde. (und selbstverständlich durfte der Mann die Hälfte bezahlen).

    Und Mädchen unter 16 mussten lange nach einem Frauenarzt suchen, der die verschrieb. Viele wollten das auch in den 80’ern erst ab 18 und begründeten dies auch immer mit der Gesundheit.

    So wie ich es in mehreren Artikel lese, hat sich da einige massiv gewandelt. Aber warum und seit wann werden junge Frauen nicht mehr über die Gefahren der Pille aufgeklärt?

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