Keine Ahnung, wohin die Reise geht

Pascow nach Lost Heimweh

Foto: Foto: kayoezdemir.de Kay Özdemir
Foto: Kay Özdemir

Mit “Lost Heimweh” haben Kay Özdemir und Andreas Langfeld eine wunderbare Dokumentation über Pascow gedreht, die eigentlich nur eine Frage offenlässt: Wie soll es weitergehen?

Die Zeit, die mir fehlt, ist das Geld, das ich krieg” (Pascow, „Castle Rock“)

Wer „Lost Heimweh“ gesehen und nach dessen Ende überrascht um das Fortbestehen von Pascow gebangt hat, hätte es früher wissen können. Denn dass der Spagat zwischen DIY-Idealen und dem eigenen Auskommen die Band zusehends belastet, hatten Pascow schon 2014 auf ihrem bisher besten und erfolgreichsten Album „Diene der Party“ thematisiert. Ob jetzt im damaligen Titelsong „Diene der Party“, in „Fliegen“ oder in „Castle Rock“ – immer wieder blitzte das Thema auf. Das ist auch verständlich. Das Leben mit Ende 30 stellt andere Anforderungen, wenn man für seine Familie sorgen will und damit beschäftigt ist, die eigene Existenz zu sichern, als wenn man Anfang 20 ist und die Zukunft noch unklar ist. „Es sind tatsächlich die Dinge, die einen großen Teil unseres Alltags bestimmen und die wir als Band auch immer vor dem Hintergrund der Idee „Punk“ bewerten und einordnen. Das führt dann zwangsläufig immer wieder zu Reibereien, da der Alltag und die Realität sich nun mal auch von den besten Idealen nicht beeindrucken lassen. Wenn der Monat vorbei und kein Geld da ist, kann ich dem Vermieter nicht dauernd mit Punk kommen und dass wir für die gute Sache kämpfen“, sagte Sänger und Gitarrist Alex damals dem Trashrock Mag.

Unter diesen Voraussetzungen ging die Band auf Tour. Und danach wieder und irgendwann saßen Kay Özdemir und Andreas Langfeld mit im Bandbus, um das Tourgeschehen zu filmen, Freunde und Weggefährten der Band zu interviewen und daraus einen Dokumentarfilm über Pascow zu drehen – auch wenn Kay Özdemir sich das anfangs überhaupt nicht vorstellen konnte. „Mein erster Gedanke war, die lösen sich auf und das soll der Abschluss sein“, erzählt Kay beim gemeinsamen Interview mit der Band. „Im ersten Moment konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen, denn so Banddokus oder Musikerfilme zeigen meistens entweder den Ist-Zustand einer Band oder sie sind posthum. Deshalb hat das für mich zunächst überhaupt keinen Sinn ergeben, als Alex mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, den Film zu machen.“

Kay Özdemir und Andreas Langfeld konnten es sich schließlich doch vorstellen. Daraus entstanden mehr als 200 Stunden Filmmaterial, das letztendlich auf 110 Minuten eingedampft wurde. Herausgekommen ist ein ambitionierter Dokumentarfilm, der weit mehr als ein guter PR-Film geworden ist. „Wir hatten komplett freie Hand. Ich kann mich an keine Szene erinnern, bei der die Band gesagt hätte, die darf nicht im Film auftauchen“, sagt Kay. „Es war eher so, dass wir gemeinsam entschieden haben, das sind die zweieinhalb Stunden, die man zeigen kann, und dann haben wir zusammen entschieden, was davon am uninteressantesten ist.“

Erst kommt die Arbeit, dann der Lohn

Man kann die Textzeile aus „Castle Rock“ aber auch umdrehen und bekommt immer noch einen Satz, der Pascow charakterisiert: „Das Geld, das mir fehlt, ist die Zeit, die ich hab“. Und die wurde in den vergangenen 19 Jahren zu einem großen Teil in die Band gesteckt. Dass dabei das Privatleben darunter das eine oder andere Mal leiden musste, versteht sich von selbst. Denn was leicht übersehen wird: Pascow sind eine hart an sich arbeitende Band. Wer sich einmal die Mühe macht, die erste Pascow-Single von 2001 aufzulegen und mit den Songs von „Diene der Party“ vergleicht, hört einen himmelweiten Unterschied. Oder anders gesagt: Wer damals nach Erscheinen dieser durchschnittlichen 7“ solch einen Werdegang vorausgesagt hätte, müsste schon über hellseherische Fähigkeiten verfügen – ausgenommen Alex und Ollo Pascow, den einzig verbliebenen Gründungsmitgliedern, die von solch einer Entwicklung vielleicht von Anfang an geträumt haben.

Aber Träume werden nicht Wirklichkeit, wenn man sich nur gelegentlich am Wochenende mit den Freunden im Proberaum trifft, um eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Solch eine Entwicklung ist nur möglich mit Fleiß, kontinuierlicher Arbeit und dem festen Willen, besser zu werden. Pascow hatten den Fleiß und den Willen. Mit jeder Platte wurden sie besser, entwickelten sich weiter, ohne sich bei irgendwem anzubiedern, und kreierten schließlich ihren eigenen Stil. Evolution statt Revolution ist das Credo im Hause Pascow.

Pascow und Bocky im Gespräch. Foto: Falk Fatal
Pascow und Bocky im Gespräch. Foto: Falk Fatal

Und vielleicht ist das das größte Kunststück, das Pascow vollbracht haben: wie eine Feierabendband von guten Freunden zu wirken, der es hauptsächlich um eine gute Zeit geht und nicht wie abgehobene Rockstars. Aber gleichzeitig immer alles zu geben für die 1.000 Menschen, die wegen Pascow aufs Konzert gekommen sind und diesen immer einen tollen Abend zu bereiten. Oder hat irgendjemand in den vergangenen Jahren ein wirklich schlechtes Konzert von Pascow gesehen, bei dem man dachte, die spielen jetzt schnell lustlos ihre Songs herunter, um dann möglichst schnell im Hotel zu verschwinden? Ich kenne niemand, der das behaupten würde.

Eine Banddoku, die Fragen stellt

“Lost Heimweh” versucht all dem gerecht zu werden. Die Dokumentation erzählt einerseits klassisch die Bandgeschichte von Pascow: Von den Anfängen über die ersten Erfolge bis zum Status Quo. Andererseits werden die Schwierigkeiten gezeigt, die es mit sich bringt, wenn die Band bewusst ein Hobby bleiben soll, damit sie in den normalen Alltag aus Familie und Beruf passt, gleichzeitig aber professionell und erfolgreich genug ist, um regelmäßig größere Konzertläden auszuverkaufen und erfolgreiche Platten zu veröffentlichen.

Natürlich steht irgendwann die Frage im Raum: Wäre es nicht einfacher, den nächsten Schritt zu gehen und bei einem Majorlabel zu unterschreiben, um von der Musik leben zu können? Bislang lautete die Antwort immer nein.

Aber auch weniger schöne Kapitel der Bandgeschichte werden angesprochen, wie zum Beispiel der Ausstieg des ehemaligen Bassisten Bieber, der auch heute noch, rund neun Jahre später darunter leidet. „Für mich war das die krasseste Szene im ganzen Film“, sagt Alex. „Ich bin davon ausgegangen, Bieber ist irgendwann aus der Band raus und ist glücklich mit dieser Entscheidung. Dass er so darunter gelitten hat und es für ihn bis heute so eine große Rolle spielt, damit hätte ich nicht niemals gerechnet“, gesteht Alex. „Das war die Szene im Film, die mich am meisten berührt hat.“

Wohin führt der nächste Schritt?

Und so lässt „Lost Heimweh“ am Schluss eigentlich nur eine Frage offen: Wie geht es mit der Band weiter? Nicht nur der Spagat zwischen dem Festhalten an den eigenen DIY-Idealen und dem Erfolg der Band macht ein Fortbestehen immer schwieriger, sondern auch der eigenen künstlerische Anspruch. Denn das nächste Album, sofern es eines geben wird, soll kein Abklatsch von „Diene der Party“ werden – es soll schon „eine Schippe drauf gelegt werden“, wie es an einer Stelle in „Lost Heimweh“ heißt .

Wie geht es also weiter mit Pascow? War „Lost Heimweh“ der Abschiedsgruß einer der besten und wichtigsten deutschen Punkbands der vergangenen 15 Jahre oder war es nur ein Innehalten, kurz vor dem Aufbruch zu neuen Ufern?

„Der Film hat geholfen, uns bewusst zu machen, dass wir mit der Band und der Szene, deren Teil wir sind, etwas ganz besonderes haben“, sagt Alex. „Wir sind im Laufe der Jahre vielleicht etwas betriebsblind geworden. Da hat der Film schon geholfen und die Entscheidung leichter gemacht, das wir sagen: Wir gehen noch einen Schritt weiter. Der Film und die Zusammenarbeit mit Andreas und Kay hat die Zukunft der Band ein Stück weit gesichert.“ Doch was heißt das konkret? „Konkret heißt das: Wir machen weiter“, sagt Alex. „Wir schreiben derzeit an neuen Songs. Wir werden diese aufnehmen und veröffentlichen. Aber wo wir diese Songs veröffentlichen, wie wir diese Songs veröffentlichen oder ob es noch einmal eine Tour geben wird, das steht alles noch nicht fest. Soweit denken wir noch gar nicht. Es gibt keinen Masterplan.“

So ist „Lost Heimweh“ mehr als nur eine schnöde Banddokumentation. Es ist ein Film, der eine Band am Wendepunkt zeigt. Wohin ihre Reise geht, ist offen. Their future is unwritten. Aber immerhin haben sie eine Zukunft. Und das ist ein beruhigender Gedanke.


Info

Die „Lost Heimweh“-Box enthält neben der DVD des Films, ein fettes und sehr ansehnliches Fotobuch über Pascow mit erstklassigen Fotografien von Andreas Langfeld und Kay Özdemir sowie einer tollen 10“ mit Pascow-Coversongs von The Baboon Show, Love A, Duesenjaeger, Disco//Oslo, Pil Trafa, Blut Hirn Schranke, Sniffing Glue und Max Freytag. Besonders das von Max Freytag als reine Pianonummer interpretierte „Im Raumanzug“ hat es mir angetan. Für alle, die beim nächsten Pascow-Konzert den richtigen Schmuck tragen wollen, liegt noch ein Metall-Pin in Form des Vogels vom „Diene der Party“-Covers bei.

“Lost Heimweh” ist bei Kidnap Music und Rookie Records erschienen

Wer das komplette Interview mit Alex, Flo und Sven von Pascow sowie Regisseur Kay Özdemir hören will, das Bocky und ich am 28. Januar 2017 im Schlachthof Wiesbaden vor ihrem Auftritt mit Duesenjaeger geführt haben, sollte sich Folge 3 des Polytox-Podcasts anhören.

 

Shownotes

Pascow: www.pascow.org

Falk Fatal
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Falk Fatal

Lügenbaron, Tunichtgut, Aushilfsmisanthrop. Zudem Herausgeber des fulminant-famosen Fanzines Der gestreckte Mittelfinger, Sänger der Oldiepunkband FRONT und Gelegenheitsschmierfink für diverse Schundpublikationen. Mimt hier eine Hälfte der Chefredaktion.
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