100 Ausgaben Plastic Bomb

Mit der Sommerausgabe dieses Jahr wurde das Duisburger Fanzine Plastic Bomb dreistellig. Eine Anzahl an Einzelheften, die in heutiger Zeit äußerst beachtlich ist, wenn man sich den gesamten gedruckten Blätterwald anschaut. Der ist nämlich seit mehreren Jahren sehr rückläufig, auch wenn das auf den ersten Blick in Zeitschriftenläden nicht so aussieht. Doch geht es in diesem Artikel nicht um die Probleme der Printbranche, sondern um eine der drei großen deutschen Punkzeitschriften.

Hochoffiziell erschien am 1. Januar 1993 die erste Ausgabe der Bombe. Also bereits vor über 24 Jahren, nächstes Jahr somit über die Dauer einer ganzen Generation! Ziemlich spannend, da dies auch als Knackpunkt angesehen werden kann. Insofern, dass immer mehr ältere Leser sich aus den verschiedensten Gründen vom Heft abwenden, aber neue gefunden werden müssen.

Doch in erster Linie ging es mir darum mich ein wenig mit der Chefin zu unterhalten. Denn in der Jubiläumsausgabe werden verschiedene Personen dazu befragt, wie sie zu dem Zine stehen. Nun wollte ich den Spieß mal umdrehen und ein bisschen etwas von der Macherin in Erfahrung bringen. Herausgekommen ist dabei ein sehr offener Blick hinter ihre Stirn sowie die Kulissen der Plastic Bomb – inklusive Mailorder und Label -, der in ihrer Ehrlichkeit und Bodenständigkeit so nicht unbedingt von jedem zu erwarten sind. Umso erfreulicher ist das natürlich.

Wie war die Party?

Hmmm … durchwachsen. Von den Bands her war’s der Hammer, ich hab alle gesehen und war von jeder einzelnen Band total begeistert. Ich hab mich sooo unglaublich auf Victims gefreut, aber es war auch cool zu sehen, wie bei Sportsgeist fünf Leute vor der Bühne Liegestützen machen. Fox Devils Wild waren zauberhaft, FCKR haben Ideal gecovert, Pflasterstein mag ich total gern und Siege waren ein Brett.

Aber leider bleibt ein fader Beigeschmack, wir hatten VIEL zu wenig Gäste, es gab total viele Beschwerden über den angeblich zu hohen Eintrittspreis von 16,- Euro und wir standen mit ‘nem vierstelligen Minusbetrag da. Sehr bedauerlich das Ganze, grade weil wir ja für die Party zur 100sten Ausgabe mal was Geiles zusammenstellen wollten mit Bands, die gewiss nicht oft hier spielen und schon gar nicht in dieser Konstellation.

Inzwischen ist durch den Spendenaufruf auf unserer Homepage ne große Menge Soli-Kohle wieder reingekommen, worüber wir natürlich sehr froh sind, weil das auch nicht die erste Plastic Bomb Party war, bei der wir hart draufgezahlt haben. Drei Jahre Minus in Folge, dann 2016 einmal Pause wegen Frustration und nun … das.

Noch kurze Zeit im Handel

Jetzt mal von Vorne

In der aktuellen 100. Ausgabe gibt es eine Umfrage wie verschiedene Personen das Plastic Bomb kennenlernten und heute dazu stehen. Wie war das denn bei dir, wann kamst du das erste Mal mit der Bombe in Kontakt und was hat dich daran fasziniert?

Das war so: Meine Freundin Sina hat mir einen Artikel aus der Bombe vorgelesen, keine Ahnung, ob der von Micha war oder Atakeks oder sonst wem. Das war wohl 2003, ich hab das grade nochmal recherchiert. Der Verfasser war jedenfalls im Landschaftspark in Duisburg und hat sich The Distillers angeschaut. Er hat sich total über die Band lustig gemacht. Wir haben dann die halbe Nacht lang diskutiert, was von dem Artikel jetzt ernst gemeint war und was nicht. Aber Sina war am Ende so sauer und besoffen, dass die gesagt hat, dass sie so ein Mist-Heft nie wieder kaufen wird. Ich war nie sooo ein riesen Distillers-Fan, darum hab ich mir das Heft dann immer mal wieder geholt. Als ich mich entschlossen hab, aus Regensburg wegzuziehen hab ich mir ein Ox, eine Bombe und einen Warschauer gekauft und mit Textmarker auf den Seiten mit den Konzertterminen markiert, in welcher deutschen Stadt die meisten Punkkonzerte sind. Und so ist meine Wahl auf den Pott gefallen, bzw. erst mal auf Düsseldorf. Und hier hab ich dann über dem Kulturverein Mustermensch Micha und Sarah kennen gelernt und festgestellt, dass das gar nicht so arrogante Wichtigpunk-Schnösel sind, wie immer alle sagen.

Micha kennt ja diverse Geschichten von Leuten, die wegen Plastic Bomb in den Pott gezogen sind und das Gefühl hatten, dass sie damit nochmal weiter aus ihrem Dorf raus, rein in die große Szenewelt kommen. Ich denke nicht, dass sowas noch passiert.

Aber als ich irgendwann Punk für mich entdeckt habe, dachte ich die ganze Zeit: „Was ist das denn für eine geile Scheiße?! Eigene Läden, eigene Kommunikationsmedien, Bands, Musik, Klamotten, alles Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn!“ Ich habe es immer angestrebt, Teil dieser Sache zu sein. Eine eigene Band hat mich nie wirklich interessiert, aber ein Interview zu führen oder mal nen Konzertbericht zu verfassen, das fand ich echt spannend. Vor allem, als ich gemerkt hab, dass man dafür nicht sooo viel können muss, haha.

Lecker Eis! Ronja auch mal auf dem Cover.

Bevor du das Ruder bei der Bombe sozusagen übernommen hast, hast du klassisch Artikel beigetragen. Was für ein Gefühl war das, als du deinen ersten Artikel gedruckt in der Hand gehalten hast?

Aufregend! Also, ich hab ja schon etwas früher angefangen, hatte 3 ½ Ausgaben lang das Influenza Fanzine und hab auch mal was im Human Parasit veröffentlicht. Daher kannte ich den Nervenkitzel, etwas aus dem Kopierer oder von der Druckerei zu kriegen und dann zu schauen, ob man immer noch die gleiche Meinung vertritt wie zu dem Zeitpunkt, als man das geschrieben hat, haha! Aber ich hatte auch echt Glück, mein erster Beitrag für die Bombe war ein Interview mit meiner Freundin Yvonne von Monster Mud/Wild Gift in der #56, als ich die „Herstory of Punk“ übernommen habe. Yvonne war genau so aufgedreht wie ich und ich finde, wir haben das ganz gut hinbekommen. Feedback war auch super, also alles gut gelaufen.

Zu dem Zeitpunkt, also 2006, hatte ich das Gefühl, dass es das Heft schon seit 1000 Jahren gibt und ich erst seit ein paar Sekunden dabei bin. Aber so wie sich die Dinge bis heute entwickelt haben, kann ich sagen, dass ich bei fast der Hälfte aller Ausgaben mitgeschrieben hab.

Nach und nach bekommt man Rückmeldung auf seine Beiträge. Dabei handelt es sich nicht immer um konstruktive Kritik. Gehst du heute damit anders um, als am Anfang? Also mit allen Arten von Kritik, bloß nicht konstruktiver – Beleidigungen, Beschimpfungen, Besserwisserei, etc.

Das Fell wird mit der Zeit dicker. Das man sich nicht alles zu Herzen nehmen darf, musste ich echt relativ früh lernen. Da waren Swen und Micha ja gute Vorbilder, die sind echt Meister im „aussitzen“.

Mir war anfangs nicht klar, wie irre manche Leute abgehen, wenn sie sich (stellvertretend durch ihre Band oder die Band, die sie gut finden) persönlich angegriffen fühlen. Und das beginnt oft schon, wenn sie sich nicht genug wertgeschätzt fühlen. Ich hab das in meinem Vorwort zur #100 schon gesagt. Ich habe echt keine Ahnung, warum manche Menschen denken, dass WIR das Barometer für das sind, was sie mit ihrer Band oder persönlich erreicht haben wollen?! Warum sollten wir die sein, die sagen: „Haste gut gemacht, hier ein Leckerli, ganz toller Typ biste“.

Viele empfinden es schon als persönlichen Affront, wenn wir ihre Band nicht richtig beachten, die Bitte um ein Interview ablehnen, ein Paket beim Mailorder nicht schnell genug raus schicken oder uns erdreisten, eine bestellte Platte nicht ausliefern zu können. Und dann wird’s echt super schnell persönlich.

Viele greifen da zu ganz harten Geschützen und fangen an, uns im Mailverkehr zu siezen, haha! Oder sie drohen direkt mit dem Anwalt, sagen uns, wie unseriös wir sind. Oder sie stellen unsere Integrität in Frage. Meistens kann ich drüber lachen, aber an vielen Tagen sitz’ ich abends auch mit ‘nem Eimer Pommes im Bett und hoffe, dass der Tag bald vorbei ist. Das geschieht eigentlich immer dann, wenn meine eigenen Ideale mit Füßen getreten werden. Also wenn die Menschen, von denen ich ja irgendwie noch immer erwarte, dass sie nicht ganz so große Arschlöcher sind wie die Menschen, die keinen Anschluss an die Szene haben, sich doch als solche entpuppen. Klar, Arschlöcher gibt’s überall, coole Menschen gibt’s überall. Aber wenn mir jemand mit dem Anwalt droht, weil sein weißes GGAllin-Shirt nen nicht zu identifizierenden Fleck hat und ich mich 3 Tage lang nicht um die Retoure gekümmert habe, schmier ich schon ganz schön ab.

Die Fanzinearbeit

Nicht nur, dass die Punk-Subkultur immer älter wird, es macht den Anschein, dass sie dadurch auch deutlich kleiner wird. Beobachtest du ähnliches und wie steht es in dem Bezug bei euch um Nachwuchs-Autoren. Besteht da Bedarf, oder müsst ihr Leute abwimmeln?

Dass die Szene kleiner wird und sich regional auf Ballungszentren beschränkt, beobachte ich auch. Und dass immer weniger Leute Lust haben, selbst was auf die Beine zu stellen. Wenn ich angesprochen/angemailt werde und eine Person, die ich nicht persönlich kenne fragt, ob sie mal was zum Heft beitragen kann, versuch ich das direkt beim ersten Kontakt abzuklopfen. Es stellt sich leider oft sehr schnell raus, dass die Leute von verbindlichen Abgabeterminen, verbindlich einzureichenden Rezensionen nach verbindlichen Richtlinien oft nichts hören wollen. Von Verantwortung im Allgemeinen nicht, sondern in erster Linie Bock haben, ihren Namen in einem großen Magazin zu lesen. Aber es gibt, wie man ja sicher mitkriegt, oft super zuverlässige und fähige Neuzugänge wie zuletzt Moron Dan oder Nille, mit denen ich mich auch mal im lässigen Emailkontakt über nicht-Heft-Sachen austauschen kann. Davor waren’s Stemmen, Schlossi und SaRah, die auf unterschiedlichen Wegen zu uns gefunden haben. Und die haben sich alle von vorn herein verantwortlich gefühlt und gezeigt, das find’ ich super.

Was glaubst du macht das Plastic Bomb unverzichtbar und was bekommt man nur von euch geboten und sonst niemanden?

Massenhaft Tippfehler … ? Sorry, das musste ich irgendwo einbauen, haha. Ich denke, wir haben gar nichts, was nicht auch irgendwer anders hat, aber eben nicht in dieser Größenordnung. Wir versuchen halt, ein Fanzine zu bleiben, obwohl wir nicht im A5-Format aus dem Kopierer purzeln. Mit viel eigener Meinung, viel Trotz, viel Schwachsinn und Übertreibung. Es gibt viele Interviewfragen, die vermutlich nur die Person interessieren, die sie formuliert hat. Und viele Aussagen, die nur für die Person Sinn ergeben, die sie sich ausgedacht hat. Das hat keinen journalistischen Anspruch und ist nicht leser- oder serviceorientiert. Wir konzentrieren uns auf das, worauf wir selbst Bock haben. Und wir legen keinen Wert auf Objektivität, vor allem nicht bei Rezensionen. Sowas findet man eigentlich nur auf Blogs oder in A5-Fanzines. Einen Teil der Beiträge schnallt man auch erst so richtig, wenn man die Texte der Autoren eine Zeit lang liest. Dann weiß man auch, warum Ullah einen kompletten Absatz über den Brackelhahn schreibt … für Gelegenheitsleser gibt das vermutlich keinen Sinn oder ist einfach nur nervig.

Stimmt, gerade von Ullah fand ich es fantastisch, dass er eine Strophe der Pfälzer Die Presidenten mit eingebaut hat. Selbst Pestpocken-Danny, der in der Geschichte mitspielt, ist das nicht aufgefallen, obwohl auch er Die-Presidenten-Fan ist. Inwiefern denkst du ist das Zine erfrischend progressiv oder eher preaching to the converted?

Hm, also wie bei vielen Sachen ist auch das wieder nur an den negativen Vorkommnissen messbar. So lange sich die Leute über unsere Kleinkriege mit Abfukk, den Brieftauben, den Shitlers usw. noch aufregen können, Stellvertreterkriege im Internet führen oder sich anderweitig angepisst fühlen, zum Beispiel, weil so langweilige Themen wie Feminismus bei uns „überpräsent“ sind, ist das alles ganz witzig. Wenn ich Leuten auf die Füße steigen kann, weil ich sage, dass mich ihre Fleischfresserei ankotzt, ihre Kritiklosigkeit nervt, dass mich ihre Band zu Tode langweilt, ihre Texte mittelalterlich sind oder ihr Getue nicht zu ertragen ist, hab ich das Gefühl, dass noch was passiert. Vor allem wie gesagt, wenn sich dann die ganze Fan-Schar der jeweils gedissten Band direkt mit angesprochen fühlt und wie die jungen Hunde unaufgefordert drauf springen, sorgt das beim Redaktionstreffen immer für viel Gelächter. Beschwerde-Mails vorlesen, ist generell ein beliebter Tagesordnungspunkt.

Aber wie an vielen anderen Stellen auch hab ich das Gefühl, dass Punk von der Gesellschaft links und rechts überholt wurde. Da wo Punk zumindest mal grundsätzlich solidarisch war, bescheißt man sich heute wo’s geht, gönnt sich gegenseitig nichts, versucht, sich gegenseitig in die Pfanne zu haun. Wo Punk mal vordenkerisch, emanzipiert und abgegrenzt war, ist es heute spießiger denn je, bürgerlich, angepasst.

Mir kommt es vor, als würden sich die Meisten weit weg von den Inhalten auf einen ruhigen, unproblematischen Konsens einigen, und der heißt in den allermeisten Fällen „Alkohol“. Wenn das höchste Ziel ist, dass ich alle an irgend einem Tresen friedlich in den Armen liegen, alte Hits vom Band hören und saufen, unabhängig von der persönlichen Meinung oder der Frage, ob heute noch ne geile Band spielt … bin ich raus. Langweilig. Das strebe ich nicht an.

To the converted preachen tun wir sicher auch oft. Allerdings geben wir uns auch immer Mühe, den Leuten die Schwachstellen ihrer Überzeugungen aufzuzeigen und z.B. zu sagen: „Ok, du hast nen kapitalismuskritischen Ansatz? Schön, dann solltest du deine Platten aber auch nicht bei Amazon kaufen …“.

Aha, einen Nebenjob hat sie auch

More Than A Fanzine

Du hast das Imperium nun seit einiger Zeit übernommen. Magst du kurz erklären, wie es dazu kam und was du davor beruflich gemacht hast?

Ich war Dekorateurin bei H&M, Micha und Swen haben mich gerettet. Das war vor 8 Jahren oder so, da ist den Beiden aufgefallen, dass man von Vinyl und ein paar Bootleg-Shirts im Shop nicht mehr wirklich leben kann und haben mich gefragt, ob ich mich um den Ausbau der Textilabteilung kümmern will, weil ihr Fachwissen da nicht ausreicht. Die haben dann extra für mich einen Lohnarbeitsplatz geschaffen, erst für 3 Tage in der Woche, dann für 4 Tage. Den 5. Tag musste ich dazu nehmen, als Micha aufgehört hat und den würde ich eigentlich gern wieder los werden.

Äh, du hast vorher bei H&M gearbeitet? Progressiv, kapitalismuskritisch oder DIY ist das aber auch nicht wirklich. Wie kommt man denn von so nem Global Player zum Plastic Bomb?

Ich habe mit 17 eine Ausbildung zur Dekorateurin gemacht, in so ner 2-Personen-Firma. Danach stand ich ohne große Job-Chancen da, weil der Beruf damals schon am aussterben war. Ich wollte auch unbedingt aus Regensburg weg und dachte mir, es macht vielleicht Sinn, erst einmal bei einer größeren Firma anzuheuern, die mich “in meinem Fachbereich” beschäftigt und dann weiter zu sehen, wenn ich in meinem neuen Zuhause angekommen bin. Ich war damals 20 und mit meinem kapitalismuskritischen Anspruch noch weit von dem entfernt, was ich heute als meine politischen Werte bezeichne. Natürlich war mir sowas wie Antifaschismus und Systemkritik damals schon wichtig, aber ich hab mich mit dem Gedanken, mit zerrissenen Klamotten und Iro auf’m Kopp für so eine Firma zu arbeiten noch wohl gefühlt. Würde ich heute natürlich nicht mehr machen.

Was findest du hat sich seit der Zeit geändert, seit dem du das Ruder in der Hand hältst?

Beim Mailorder? Wir haben unser Zahlungsziel verkürzt. Ist jetzt natürlich eine sehr businessmäßige Antwort und wir sind da auch noch immer nicht perfekt, aber es war mir wahnsinnig wichtig, einige Dinge so zu verändern, dass unsere Lieferanten und vor allem DIY-Labels, mit denen wir arbeiten, nicht mehr so ewig auf ihre Kohle warten müssen.

Beim Heft war das ja eher ein schleichender Prozess, da mach ich ja schon seit ein paar Jahren oder so die „Chefredaktion“. Was nicht nur heißt, dass ich die Artikel einsammle und ein Heft draus mache, sondern auch viele Vorschläge zur generellen Entwicklung mache, neue Leute dazu hole, verschiedene Sachen abschaffe oder nicht weiter verfolge. Da gab’s aber eigentlich nichts, was ich erst nach Michas Weggang hätte anfangen oder beenden können oder im Alleingang entschieden hab.

Findest du der Job hat dich persönlich verändert, wurdest du evtl. sogar schon darauf angesprochen?

Auf jeden Fall. Aber das bringt auch eher der Mailorder als das Heft mit sich. Ich habe seit geraumer Zeit das Gefühl, mit verbundenen Augen freihändig Fahrrad zu fahren. Ich habe keine kaufmännische Ausbildung, bin nach der 9. Klasse mit ‘ner 6 in Mathe ohne Abschluss von der Realschule abgegangen und habe mich nie für Betriebswirtschaft interessiert. Ich muss jedes mal überlegen, bevor ich nen Dreisatz anwende und benutze beim Kopfrechnen meine Finger.

Natürlich habe ich Verlustängste, Versagensängste und Existenzängste. Weniger, weil ich denke, dass ich verhungern muss und meine 2-Zimmer-Wohnung verlieren könnte. Sondern weil ich panische Angst habe, wieder als Lohnarbeiterin anheuern zu müssen. Ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, nicht meine eigene Chefin zu sein und die ganzen Vorteile zu genießen. Aber ich muss natürlich auch zugeben, dass ich jetzt viele viele Stunden mehr arbeite und deutlich weniger Geld habe als beim H&M-Job, wo ich nach dem Einzelhandelstarif bezahlt wurde.

Und natürlich bringt mich das in eine Situation, in der ich oft Leuten vor den Kopf stoßen muss, ich beschäftige immerhin 3 Mitarbeiter_innen beim Mailorder. Klar ist das ätzend, wenn du denen sagen musst: „Gute Idee, die du da hast, aber wir machen das jetzt trotzdem so, wie ich das sage.“ Vor allem, wenn ich mir nach kurzer Zeit gar nicht mehr sicher bin, ob das, was ich da da gesagt hab, tatsächlich der beste Weg war. Aber ich will auch mal ganz deutlich sagen, dass ich mit dem Team beim Mailorder, das sich nach einigen Wechseln mittlerweile heraus kristallisiert hat, jetzt total happy bin.

Mailorder deluxe. Was es da alles gibt.

Meinung und Verantwortung

Fühlt es sich immer noch so an, dass es der richtige Schritt in deinem Leben war, soviel Verantwortung zu übernehmen? Also in Bezug auf uraltes Fanzine, das Meinungen bildet und Mitarbeiter im Mailorderbereich.

Eine gute Frage. Ich hab’s schon immer darauf angelegt, viel Verantwortung zu übernehmen. Ich glaub, das hat was mit dem Austesten meiner eigenen Belastbarkeitsgrenzen zu tun. Ob das eine gute Entscheidung war, bewerte ich jeden Tag neu, haha. Im Großen und Ganzen schon, weil ich damit echt viel Positives bewegen kann. Ich kann einem Haufen Leuten eine Plattform geben, auf der sie sich ohne persönliches Risiko (weder finanziell noch rechtlich) als Hobby-Journalisten ausprobieren können. Ich gebe vier Menschen (also einschließlich mir selbst) einen Vollzeitjob. Ich helfe Bands, ihre Platten zu veröffentlichen und gebe der Szene ein Kommunikationsmedium. Und ich/wir geben vielen Menschen ein Feindbild, das ist ja auch sehr wichtig, haha.

An manchen Tagen macht mich das alles sehr glücklich, vor allem natürlich, wenn es positives Feedback gibt. Aber manchmal, grade jetzt, wo mir die viele Arbeit mit dem 100sten Heft noch in den Knochen steckt, die Party ein Reinfall war, ist das nur halb so toll. Außerdem lässt mich die Tatsache, dass ich nächste Woche zum ersten mal in diesem Jahr eiiiine ganze Woche Urlaub habe und mir trotzdem Sorgen mache, dass alles glatt läuft, mich natürlich extrem unfrei fühlen.

Ich will zu deiner Frage aber auch noch sagen, dass jede_r selbst schuld ist, wenn sie/er sich von einem Fanzine „eine Meinung machen lässt“. Das sollte wirklich jede_r selbst tun, das ist nicht meine Aufgabe, die Leute dazu zu bringen oder sie davon abzuhalten.

Klar soll sich jeder seine eigene Meinung bilden. Doch diese wird eben auch ganz deutlich von dem beeinflusst, mit dem man sich regelmäßig beschäftigt. Insofern sehe ich das Plastic Bomb schon zu einem gewissen Teil als meinungsbildend. Aber machen wir mal weiter. Wie verhält sich das deiner Meinung nach? Ist das Fanzine der verlängerte Arm des Mailorder oder umgekehrt? Wäre das eine ohne das andere überhaupt denkbar?

Denkbar is ja irgendwie alles. Wenn’s mal wieder nur Kritik am Heft hagelt, alle unzufrieden sind, an allem nur rumgequengelt wird und die ganze Redaktion das Gefühl hat, es niemandem recht machen zu können, überlegen wir schon oft, ob wir’s einfach bleiben lassen sollen.

Ich denke nicht, dass ich das Heft weiter führen würde, wenn ich den Mailorder finanziell vor die Wand gesetzt hätte, das wäre vermutlich zu frustrierend. Aber ich könnte mir schon vorstellen, mich selbst eines Tages vom Heft zurückzuziehen und den Staffelstab weiterzureichen. Allerdings glaube ich nicht, dass sich da nochmal ne Irre findet. Wie gesagt, ich hab das Gefühl, dass die Szene immer kleiner wird, der Bedarf nach einem Zentralorgan nicht mehr so wirklich besteht und somit schafft sich das Heft vielleicht eh irgendwann von selbst ab. Aber ich kann dir sagen, wer das in der Hand hat: Die Leute, die es kaufen, oder eben nicht kaufen. Die sind unser einziges Bedarfs-Barometer.

Das neueste Release kommt im Oktober

Neben der Schreibarbeit für die Bombe musst du auch für den Mailorder und das Label ackern. Was sind konkret dort deine Aufgaben und in welchem Bereich liegt warum deine Priorität?

Ich sitz im Tresor und zähl das Geld. Wenn ich damit fertig bin, geh ich mein Pony striegeln, fahr ne Runde mit dem Jetski und nachmittags geh ich shoppen. Ne, also hauptsächlich schreib ich tatsächlich den Tag über massenhaft Emails. Kundenkommunikation vom Mailorder, also Fragen, Retouren, mich entschuldigen, wenn was schief gelaufen ist. Ich hole neue Klamotten in den Shop, also Bandshirts, Hosen, Jacken, Schuhe,etc.. Ich koordiniere die meisten Label-Releases, von der Bandkommunikation bis zur Frage, wo das Geld dafür herkommen soll. Ich frage Bands, ob sie auf die CD-Beilage vom Heft wollen und Labels, ob sie eine Werbeanzeige schalten wollen. Und es gibt tatsächlich ne Menge Sachen, um die man sich kümmern muss, wenn man eine Firma führen will. Ich mache zwar nicht die Buchhaltung, aber mit vielen gewerblichen Sachen musste ich mich schon erst mal auseinander setzen, damit das jetzt alles so läuft, wie eine GmbH halt laufen soll. Ich wachse da nach und nach mit meinen Aufgaben und frage mich von Zeit zu Zeit, wie Micha das alles ignorieren konnte, haha. Weißt du, wie man eine betriebliche Auswertung, bzw. einen Monatsabschluss liest? Ich inzwischen schon.

Ich hol morgens als erstes digital die Bestellungen vom Shop in die Datenbank, dann wissen Rob (der sich um die Tonträger kümmert) und ich (bei Klamotten), was wir nachbestellen müssen oder was aus dem Shop fliegt, weil es nicht mehr lieferbar ist. Das ist echt eine sinnhafte Tätigkeit, denn nur so krieg ich genau mit, was die Leute überhaupt bestellen. In welcher Kombination, wie viel Geld die im Schnitt bei uns lassen und wie die Woche finanziell gelaufen ist. Nur so kann ich, bzw. können wir unser eigenes Publikum einschätzen und schauen, was die Leute überhaupt kaufen wollen, was sich lohnt, ins Sortiment aufzunehmen und wovon wir die Finger lassen, weil am Ende eh nur gemault wird, dass das zu teuer ist. Der Shop darf ja nicht zuuu voll werden, sonst wird’s unübersichtlich. Aber es wäre auch dumm, den Releasetermin der neuen Slime-Scheibe zu verpassen.

Wir diskutieren übrigens wahnsinnig viel, welchem Anspruch wir gerecht werden wollen und welchem nicht. Amazon hat die Onlineshopper echt versaut, das macht auch vor Punx und Musik-Nerds keinen Halt. Die Leute wollen ihre Ware am liebsten noch am gleichen Tag, am liebsten portofrei, fast geschenkt und natürlich in bestem Zustand, das können und wollen wir mit einem Mini-Betrieb wie unserem gar nicht leisten. Und natürlich merken wir, dass wenn wir da einfach nur den Mittelfinger zeigen würden, die Leute wirklich zu Amazon abwandern, so bedauerlich das ist. Aber es wäre auch ein Wahnwitz zu versuchen, mit denen mitzuhalten.

Gibt es sowas wie ein Ziel, das du mit deiner Arbeit beim Plastic Bomb verfolgst?

Ja. Sicherheit. Total unpunkrockig, ich weiß. Das gilt jetzt auch in erster Linie für den Mailorder. Aber mein wichtigstes Ziel ist es, dass am Monatsende alle Gehälter bezahlt sind und alle Rechnungen und wir mit einer schwarzen Null da stehen. Keine Gewinnerwartungen, keine Profitmaximierung. Einfach das zahlen können, was wir zahlen müssen. Das ist, grade was die Gehälter angeht, eigentlich echt kein hoher Anspruch. Und wenn ich dann vielleicht eines Tages mal meine 4-Tage-Woche zurückkriege, wär’ ich überglücklich.

Ich fänd’s auch toll, wenn wir nicht mehr so hart um jeden Kunden kämpfen müssten, aber das ist vermutlich utopisch, auf einem so hart umkämpften Markt und der aktuellen „Konkurrenz“.

Beim Heft fänd’ ich es schön, wenn alle Redakteur_innen, Werbepartner und Bands nochmal das Wort „Deadline“ nachschlagen könnten. Ich verbringe sehr viel Lebenszeit damit, Leuten hinterher zu rennen, sie an Termine zu erinnern und stelle am Ende oft fest, dass vieles nur dummes Geschwätz war und ich umsonst gewartet habe. Das könnte mal aufhören. Und natürlich wär’s geil, wenn wieder mehr Leute das Zine kaufen würden, aber ich denke nicht, dass sich der sogenannte Printmarkt nochmal erholt.

Was möchtest du zum Schluss noch loswerden?

Ich bin zur Zeit sehr nachdenklich. Nicht nur wegen der Bombenparty. Sondern weil es mir echt zu denken gibt, dass es trotz der vielen Glückwünsche zur 100sten Ausgabe und auch vielen aufbauenden Worten und solidarischen Handlungen so unglaublich viel Kritik gibt. Mir kommt es so vor, als bräuchten die Leute immer etwas, was sie scheiße finden könnten. Und gleichzeitig fordern sie genau das ein.

Zum Beispiel: Die meisten Leute geben an, dass sie die Führerecke immer wahnsinnig witzig finden und gern lesen. Aber das darf natürlich nie eine Band treffen, die man selbst mag oder in der man selbst mitspielt.

Wir sollen bissig sein, aber bitte nicht so gemein. Wir sollen kritisch sein, aber bitte den eigenen Wohlfühl-Raum nicht ankratzen. Wir sollen innovativ sein, aber bitte auch nicht zu viele Ansprüche oder Forderungen stellen. Und am besten sollen wir noch möglichst viel von unserem Privatleben preisgeben, damit sich alle schön RTL2-mäßig unterhalten fühlen.

Und oft wird beim Feedback dann der Ton gleich so derartig derb und beleidigend, dass man denkt: „Jetzt macht euch doch mal locker und nehmt auch uns nicht so wahnsinnig wichtig und ernst…“.

Aber um noch was positives zu sagen: Es gibt so unglaublich viele gute Bands, sie ich grade abfeiere, so viele Konzerte, die ich mir anschau (die meisten allerdings nicht im Pott) und so viele Freunde, auf die ich mich verlassen kann … das ist schon alles sehr sehr gail, main Froind.

Wir sollen bissig sein, aber bitte nicht so gemein. Wir sollen kritisch sein, aber bitte den eigenen Wohlfühl-Raum nicht ankratzen. Wir sollen innovativ sein, aber bitte auch nicht zu viele Ansprüche oder Forderungen stellen. Und am besten sollen wir noch möglichst viel von unserem Privatleben preisgeben, damit sich alle schön RTL2-mäßig unterhalten fühlen.

Und oft wird beim Feedback dann der Ton gleich so derartig derb und beleidigend, dass man denkt: „Jetzt macht euch doch mal locker und nehmt auch uns nicht so wahnsinnig wichtig und ernst…“.

Aber um noch was positives zu sagen: Es gibt so unglaublich viele gute Bands, sie ich grade abfeiere, so viele Konzerte, die ich mir anschau (die meisten allerdings nicht im Pott) und so viele Freunde, auf die ich mich verlassen kann … das ist schon alles sehr sehr gail, main Froind.


Info:

Fanzine-Homepage: plastic.bomb.eu

Mailorder-Homepage: plasticbombshop.de

Die erste Ausgabe als PDF

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
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