STRASSENJUNGS – Hitz

Ausgelutscht

In einem anderen Jahrtausend bekam ich als kleiner Kiddiepunker nicht das gewünschte Piercingset, sondern ein Lexikon über Punk. Ich möchte dem Schenkenden durchaus gute Absichten attestieren, aber wenn Musikjournalismus, und der Autor fühlte sich laut Klappentext dieser Zunft zugehörig, und Punk aufeinandertreffen, dann ist meist Vorsicht geboten, so wurde mir unbedarftem kleinen Taubenküken irgendein New Wave-Müll als Punkrock präsentiert. Da schon damals mein Herz bei Deutschpunkbands besonders höher schlug, wurde ich auf die Strassenjungs aufmerksam, die es neben den Ärzten und Hosen noch in dieses Machwerk geschafft haben. So steht ihre LP DAUERLUTSCHER von 1977 bei mir im Plattenschrank und ich muss sagen, ich finde sie gar nicht schlecht. Meiner Meinung nach machten die Jungs zwar keinen Punk, aber ich habe von jemanden über fünf Ecken gehört, dass es auch außerhalb dieses Genres gute Musik geben soll. Ich ordne sie eher ein bei Rock à la früher Westernhagen und damit kann ich in manchen Momenten durchaus etwas anfangen.

So war ich durchaus ob dieser neuen Veröffentlichung überrascht und gespannt. Der Sound ist unverändert, jetzt kommt aber das ganz große ABER: Bereits im dritten Lied gibt es Lokalpatriotismus auf die Ohren, denn „haut euch das Schicksal total in die Fresse, das juckt uns gar nicht, denn wir sind Hesse“. Bin ich dem Handkäs mit Musik auch nicht abgeneigt, so gilt dies jedoch für jegliche Form des Patriotismus, kommt er auch noch so vermeintlich harmlos und bescheuert, wie hier geschehen, um die Ecke. Überzeugt euch selbst mithilfe des Youtube-Clips von dieser Karnevalsnummer. Die AFD ist bestimmt ätzender, trotzdem kommt mir so etwas nicht mehr auf den Plattenteller. Ich habe dies dann auch sofort umgesetzt. Humorlosigkeit wird mir sicher der ein oder andere unterstellen und das ist auch hier vollkommen richtig. Die Welt geht von so einem Schunkelscheiß sicher nicht unter, ich muss aber auch nicht die Dreistigkeit besitzen, so etwas als Punk zu bezeichnen, was die Band im Übrigen auf ihrem Promozettel tut. Dann höre ich mir doch lieber nochmal die neue Platte von INWIEFERN an.

 


Info:

Format: CD

Label: Tritt Records

Band Website: diestrassenjungs.de

Taube

Taube

Republikflüchtige Eltern entrissen mich wenige Wochen vor dem Mauerfall der DDR und so kam es letzten Endes, dass ich in Stuttgart als Columbidae sozialisiert wurde. Jeder, der das ehemalige Gestüt kennt, wird verstehen, dass es mich weiter zog. Da es mir an Kreativität mangelt, lebe ich heute (noch) in Berlin. Aber auch hier musste ich feststellen: Ich hasse Menschen! Musikalisch ist mein dilettantisches Schlagzeugspiel auf der ein oder anderen Deutschpunkplatte zu finden; dementsprechend fühle ich mich also dem Deutschpunk nicht entwachsen, sondern verbunden.
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5 Kommentare

  1. Hui, da kommt aber jemand schlecht mit Kritik klar.
    Kleiner Tipp: Wenn ihr nicht in die Punkschublade wollt, teilt das doch Eurem Vertrieb mal mit. Der kündigt nämlich an, dass Ihr “Punk-Rock Great Again” machen würdet. Was denn jetzt?

  2. Das ist eben keine Kritik, Falk Fäkal. wie gesagt Kein Wort über die anderen Songs und Texte, eben nur beschränkt im Hirn wie BILD-Zeitung u.Ä. Null Humor und totale Beschränktheit sind auch Merkmale der rechten Arschlöcher. Also du hast von Punk überhaupt nix kapiert. Großer Tip: einfach die Fresse halten.

    • Haha, Du bist ein Witzvogel, selten so gelacht. Sei doch froh, dass Taube nicht auf die anderen Texte oder Songs eingegangen ist, sonst wäre das Review vermutlich noch schlechter ausgefallen. Ich sag nur: “Klitschko, Du weißer Riese, hau uns aus der Bankenkrise” oder “Gen-Mais, was ein Scheiß”. Ja, ganz große Lyrik. Wie alt bist Du denn? 70 Jahre? Da sollte man eigentlich über der Kritik eines kleinen Zines stehen. Oder man sollte seinen Bauernrock nicht mehr in der Öffentlichkeit präsentieren, wenn man mit Kritik nicht umgehen kann. Aber eins muss ich Dir lassen: Falk Fäkal, klasse Wortspiel! Da hast Du Dir sicher fleißig auf die Schulter geklopft.

  3. Sehr geehrter Herr Selzer,
    nun fühle ich mich doch dazu verpflichtet, in der Ihnen bereits bekannten humorlosen Art und Weise auf Ihre Kritik meiner Kritik zu antworten, da Sie ja bereits andere Nutzer dazu auffordern, „ihre Fresse“ zu halten. Es handelt sich also hierbei um eine Kritik-Kritik-Kritik. Sie wissen aber, dass zweimal Spiegeln unzulässig ist, oder? Sicher erfährt man im ursprünglichen Text über Ihre aufwendig produzierte Langspielplatte, gespickt mit frischen Melodien und textlichen Provokationen, welche aber auf die Missstände unserer Zeit verweisen, welche Sie gar in einer investigativen Methodik zu Tage gefördert haben, recht wenig. Die Erkenntnis darüber trifft mich hart und lässt mir bereits jetzt das Sujet, v.a. bzgl. der internationalen Beziehungen in dieser unseren globalisierten Welt, in einem anderen Licht erscheinen. Vielmehr ist die Prämisse hierfür nicht darin zu suchen, dass ich aus benannten Gründen möglichst wenig Zeit für harmlose, unglaublich langsame, langweilige sowie textlich infantile, nicht aber jenes durchaus positiv Infantile manch ihrer MusikerkollegInnen, verwende, sondern an meinem eigenen Unvermögen die Schönheit des Lebens zu erkennen. Es führt diesen Sachverhalt in seiner Konklusion auch zu einem logischen Fehlschluss, sollte ich darauf verweisen, dass es sich bei diesem Gegenstand um ebenjene Besprechung handelt, welche für sich absolute Subjektivität in Anspruch nimmt, und es sich hierbei nicht um Musikjournalismus handelt.

    Vielmehr möchte ich Ihnen als Friedensangebot, aber auch, um selbst mein Antlitz im Spiegel zu ertragen, den Gefallen tun, das von Ihnen verlinkte Video GEN-MAIS zu besprechen:
    Musikalisch verwenden die hessischen Rolling Stones das klassische Schema des Rock. Besonders gut finde ich das langsame Tempo, sodass diese nie gehörten Akkordwechsel zur vollen Geltung kommen. Wie oft habe ich an Konzertabenden den Schlagzeugern dieser Welt entgegen gerufen: „Spiele langsamer, rhytmischer Freund. Man versteht ja gar nichts von den Texten und ich kann in meinen Cowboystiefeln auch gar nicht so schnell dazu wippen!“ (Ja, ich rufe wippen! – Wippen in der Straßenbahn!). So ist es dann auch möglich, durch Inanspruchnahme der Lyrik die Augen geöffnet zu bekommen: So sei der Gen-Mais Scheiß. Pfiffigerweise erfrischend wird weiterhin auf den Umstand verwiesen, die Volksmehrheit sei gegen den Mais, jedoch die Regierung, man möchte es erst gar nicht glauben, kümmere das erneut – genau – einen Scheiß. Ich finde es gut, wenn man sich nicht schämt als Argumentationsstütze auf künstliche Konstrukte wie ein Volk zu verweisen. Punk und Volk – das ist toll(k*)! Gerade die Deutschen haben hier stets ein sicheres Händchen bewiesen. Ich verstehe dieses Chanson auch als einen Appell für den Volksentscheid auf Bundesebene nach Schweizer Vorbild. Auch wagen sie es in diesen Lügenpressezeiten in gleichem besagten Mais-Feld die PolitikerInnen als „Volksverräter“ zu bezeichnen. Eine völlig unverbrauchte Wortschöpfung, welche sicher durchaus berechtigten Anspruch auf das Wort des Jahres hat und Ihnen einen himmlischen Gruß von Che Guevara sichert. Abgerundet wird dieses Video natürlich durch eine Visualisierung, welche jedem Filmfestival standhält. Vermutet man im ersten Moment – Angela Merkel sagt völlig unverblümt, das gegessen werde, was auf den Tisch kommt – eine Zusammenarbeit der Band mit Günter Wallraff (sie müssen ja irgendwie an diese schmerzlich ehrliche Aufnahme gekommen sein?!), erkennt man kleine Anzeichen einer Animation. Ich vermute hier Disney oder Pixar als heimliche Stütze dieses ehrenwerten Anliegens. Ganz ohne Animation schaffen Sie, Herr Selzer, es aber mit Deutschlandschal und dem dazugehörigen Hütchen durch das Bild zu tanzen, entschuldigen Sie, zu wippen. Danken wir der Weltmeisterschaft 2006, die solchen frech-punkigen Patriotismus möglich gemacht hat.

    Herr Selzer, verstehen Sie mich nicht falsch: Man muss nicht textlich und musikalisch das Rad neu erfinden, das habe ich auch noch nie getan, und so mancher meiner eigenen musikalischen Ergüsse fand keinen Anklang bei der gesamten Zuhörerschaft und wurde als Rumpelpunk beschrieben bzw. war textlich ein Griff in die Latrine. Das ist auch gut so, wenn man wirklich mag, was man macht, und man muss das aushalten. Genauso müssen Sie aushalten, dass es gerade in der Punkszene Menschen gibt, welche Ihre Musik aus den in meiner Kritik genannten Gründen nicht hören möchten, da es sich bei Punk eben nicht nur lediglich um Musik handelt. Ich gehöre selbstverständlich nicht mehr dazu, muss aber feststellen, dass ich für diesen Kommentar jetzt mehr Zeit verwendet habe, als für die ursprüngliche Kritik, und kann diesem Umstand sogar etwas Komik entnehmen. Sie auch?
    Versöhnliche, fast schon karnevaleske Grüße mit folgendem kleinen Video
    https://www.youtube.com/watch?v=E5BOLQhG_7k

    Taube
    (*Hinzufügung aus Gründen der Semantik)

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