The Prosecution – Karitativer Skapunk

Auch wenn The Prosecution als die deutsche Skapunk-Version von Anti-Flag verstanden werden kann, so gab es für mich nur eine Band, die diesen Sound spielten und mir auch gefielen. Das waren No Respect aus Göttingen.

Trotzdem hege ich seit eh und je große Sympathien für die Band aus dem Regensburger Raum. Nicht nur weil sie unbeirrt ihr Ding durchziehen und damit mittlerweile recht erfolgreich sind, sondern auch ihre Klappe pro Flüchtlinge aufreißen. Und das auch noch mit der gleichen Begründung wie ich das persönlich sehe: Kein Mensch ist illegal – überall!

Entsprechend freut es mich, dass mir Posaunist Valentin „Tini“ Damjantschitsch ein paar Fragen zu dem Thema beantwortet hat, nachdem ich fix die aktuelle Lage abgefrühstückt habe.

Ey Tini, danke für’s Beantworten der Fragen

2017 scheint das Jahr von The Prosecution zu werden. Festivalauftritte bis zum Abwinken und ab Ende September bis Mitte Dezember ständig auf Tour und das nicht nur an den Wochenenden. Wie groß ist die Freude im Vergleich zum Respekt zu dieser Ochsentour?

Wie groß die Freude ist kann ich gar nicht so wirklich in Worte fassen. Die Festivals und deren Partys liegen noch in den Knochen, das muss erstmal verarbeitet werden wie geil das alles war. Ich persönlich freue mich wahnsinnig auf die Clubtour. Ich mag das familiäre Feeling, wenn der Schweiß von der Decke tropft und den Kick, den man verspürt, wenn die Angst jede Sekunde das Mikro in die Fresse zu bekommen die Bühnenperformance dirigiert. Das Gefühl überwiegt auch gegenüber dem Respekt. Aber da tickt natürlich jeder von uns anders, da kann ich nur für mich sprechen – aber wir freuen uns alle wie Harry auf diese Tour und dass sie großartig wird … Da sind wir alle einer Meinung: Das wird sie!

Verfolgt ihr damit ein Ziel, das bis zum Abschlusskonzert am 15.12.2017 erreicht sein soll?

Das ein oder andere ausverkaufte Konzert wäre schön. Aber in erster Linie geht es uns darum, unser Album anständig zu feiern und den Leuten zu präsentieren, die uns seit Jahren helfen und unterstützen. Aber auch denen, die zum ersten Mal auf ein The Prosecution Konzert gehen. Auf den Festivals und Open Airs 2017 haben wir viele neue Freunde und Fans gewonnen. Da gehört der Einstand auf Clubbühnen natürlich dazu. Und Simon (unser Sänger) hat mal so schön in einem Interview gesagt: „Gebt uns eine Bühne und Bier – und wir haben Spaß.“ Damit ist eigentlich alles gesagt wie ich finde.

Erneut zeigt ihr euch von eurer sehr politischen Seite. Erklärt mir und den Lesern deshalb bitte folgende Aussage von euch: „Jeder soll dort leben dürfen, wo es einem besser geht oder besser gefällt.“

Ich finde es ist das Natürlichste auf der Welt, wenn ich mich in meiner Umgebung nicht wohl fühle oder schlicht und ergreifend kein sicheres Leben führen kann, sei es durch Krieg, Unterdrückung,Verfolgung oder auch, weil es mir da einfach nicht gefällt, dass ich mir eine für mich sicherere oder schönere Umgebung suche. Meiner Meinung nach spielen da die Gründe überhaupt keine Rolle. Nicht, wenn ich wegen eines Studiums von einem Kuhkaff in die nächstgrößere Stadt ziehe und schon gar nicht wenn ich um mein und das Leben meiner Familie und Freunde Angst haben muss und deswegen in ein anderes Land fliehe.
Im Gegenzug wünsche ich mir ja auch, wenn ich mich in einer beschissenen Situation befinde, dass mir die Tür geöffnet und nicht vor der Nase zugehauen wird. Es fehlt da vielen Menschen gehörig an Empathie und Einfühlungsvermögen. Man muss sich mal vorstellen, dass Menschen, die flüchten, das Risiko eingehen dabei zu sterben, um in ein Land zu kommen, dass ihnen dann erneut das Leben schwer macht.

Die deutsche Politik ist für euch offensichtlich sehr rassistisch und fremdenfeindlich. Könnt ihr bitte genauer erklären warum?

Eigentlich reicht es zu der Frage, sich einfach mal Artikel 3 aus dem GG vor Augen zu halten. Den sollten sich nicht nur Politiker mal an den Badezimmerspiegel hängen:
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) 1Männer und Frauen sind gleichberechtigt. 2Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) 1Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. 2Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Die Flüchtlingsthematik liegt euch sehr am Herzen. Gibt es etwas, was jeder „Durchschnittsbürger“ im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit wissen sollte, bevor er seine Meinung kund tut?

Zunächst einmal sollte sich jeder mal in die Lage eines Flüchtigen versetzen und genauer recherchieren, bevor man Rattenfängern und politischen Brandstiftern wie etwa der AfD nach dem Mund redet. Hinterfrage alles und jeden und die Absichten, die dahinter stecken könnten.
Das Ziel sollte immer sein gemeinsam mit allen Beteiligten nach einer Lösung zu suchen, bis man eine findet. Dabei ist wichtig zu wissen, dass es auf komplexe Fragen keine einfach Lösungen gibt, wie sie die AfD verspricht. Und wozu Hetze und Ausgrenzung, wie sie die AfD betreibt, führen können, wissen wir spätestens seit 1945.

Die Tour hat schon begonnen, hier ein Bild aus Leipzig

Wieso findet ihr, hat Musik etwas mit Politik zu tun? Immerhin nutzt ihr diese, um eure Statements zu setzen.

Als wir mit der Band angefangen haben Musik zu machen, ging es uns eigentlich nur ums Rauchen, Saufen und Mädchen beeindrucken. Wir wurden aber zunehmend durch Bands, die wir beim Skaten oder Weggehen gehört haben politisiert. Da waren für uns z.B. Anti-Flag extrem wichtig. Uns wurde mehr und mehr klar, wie viel Einfluss man als Musiker oder Band auf Menschen hat. Je größer also die Band oder der Künstler, desto größer das Wirken auf viele Menschen, desto größer die Verantwortung. Und dieser Verantwortung wollen wir uns stellen.  
Und die Frage, ob wir politische Musik machen wollen haben wir uns nie stellen müssen. Für uns war das von Anfang an klar, dass das zwei untrennbare Dinge sind – auch wenn wir inzwischen den ein oder anderen Song haben, der Themen wie Liebe oder Freundschaft behandelt, ist die Brücke zu gesellschaftlichen oder politischen Inhalten immer vorhanden.

Schon seit Jahren sammeln The Prosecution auf ihren Shows oder mit Veröffentlichungen für Pro Asyl. Was motiviert euch dazu und warum hängt ihr das derart groß an die Glocke?

Für uns ist das als Band und Privatpersonen eine Herzensangelegenheit. So arbeitet Simon mit und für unbegleitete minderjährige Flüchtige, Lookie und ich sind mehrmals im Jahr an einer Workshopreihe beteiligt, die Sprachvermittlung durch Popkultur an Asylbewerber in Berufsschulklassen vermittelt und Jo war 2015 an der serbokroatischen Grenze und hat mit Aktivisten aus dem Nichts eine Feldküche aufgestellt und die ankommenden Menschen versorgt.
Die Motivation finden wir unter anderem darin, dass wir unseren Traum leben können. Wir sind jedes Wochenende in einer anderen tollen Stadt und es kommen so viele Menschen zu den Konzerten, weil sie genau unsere Musik hören wollen. Das beflügelt so unglaublich und ist meiner Meinung nach auch wichtig. Die Energie und Kraft für andere einzustehen, schöpfen wir zum Teil daraus, dass wir im Grunde ein glückliches und zufriedenes Leben führen.
Als Band hat man eine große Reichweite. Damit geht auch Verantwortung einher. Wir wollen einfach mit einem guten Beispiel voran gehen. Außerdem untermauern wir mit unseren Engagement auch unsere politischen Aussagen. Nichts ist unglaubwürdiger als viel labern und Parolen schwingen und dann aber selbst nicht aktiv sein. Deswegen hängen wir das an die „Glocke“.

Was gibt es von eurer Seite aus zur AfD zu sagen?
Ich mag die nicht. Ein Sammelsurium von Personen, die rechtes Gedankengut gesellschaftsfähig machen wollen.


Info:

Bandhomepage – mit den aktuellen Tourdaten: the-prosecution.com

Facebook: facebook.com/prosecution

Label: longbeachrecords.de

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky

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