A Global Mess – Ein Kurzgespräch

Der Zusammenhalt ist größer als bei uns

Journalistin Diana Ringelsiep und Musikmanager Felix Bundschuh sind in Südostasien der Frage nachgegangen, was Subkulturen weltweit verbindet.

Die Ergebnisse ihrer mehrmonatigen Recherchereise haben sie in einem Buch, einem Film und auf einem Sampler veröffentlicht (Polytox berichtete).

Ende August startet ihre Lese- und Filmtour quer durch Deutschland; zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hessen hat Polytox die beiden „Messies“ für den 27. September in die Wiesbadener Kreativfabrik eingeladen – und zur Einstimmung noch mal mit ihnen gesprochen.

Die Beiden vor Ort auf der Suche nach Abenteuern

Felix, du hast während der Reise ein Interview für die philippinische Radiosendung „The Punk Connection“ gegeben. Dort hast du gesagt, euer Ziel sei es auch, die Szene besser international zu vernetzen. Sind diesbezüglich konkrete Schritte geplant, also zum Beispiel Bands nach Europa zu holen?

Felix: Das wäre natürlich die Königsdisziplin und prinzipiell könnten wir uns das vorstellen, doch dahingehend ist noch nichts geplant. Die Vernetzung der Szene fängt jedoch bereits viel früher an. Zum einen wird der Film helfen, die Szene in Südostasien weiter zu vernetzen, zum anderen werden unsere Releases diesen Zweck bestenfalls auch interkontinental erfüllen. Viele Menschen hier in Deutschland und den westlichen Ländern allgemein schauen nicht über ihren eigenen subkulturellen Tellerrand. Warum auch, wir schwimmen bereits in einem Überangebot an Bands aller Genres. Wir wollen zeigen, dass es auch in anderen Teilen der Erde Gleichgesinnte gibt, auch an Orten, an denen man zunächst keine Subkulturen vermuten würde. Und das, was die Leute dort mit wenig Mitteln auf die Beine stellen, ist extrem beeindruckend.

Der westliche Einfluss ist vor allem musikalisch sehr groß“

Ihr berichtet wiederholt vom westlichen Einfluss auf die örtliche Szene, der teilweise. auch von „hängengebliebenen“ Backpackern kommt. Wie eigenständig ist die Szene in Südostasien? Gibt es etwas, das sich die westliche Szene von Südostasien abschauen sollte? Was können wir von der Szene in Südostasien lernen?

Diana: Der westliche Einfluss ist vor allem musikalisch sehr groß. Neunzig Prozent der Bands, die wir getroffen haben, singen auf Englisch. Und oftmals hört man auch den unverkennbaren Sound ihrer Idole heraus. Green Day wurde beispielsweise immer wieder genannt, was daran lag, dass es Anfang der Neunziger die erste Majorlabel-Punkband war, die in Asien auf Tour gegangen ist. Das hat die Jugendlichen wachgerüttelt und nachhaltig beeindruckt, daher haben die alten Platten der Band bis heute einen großen Einfluss.

Die gestrandeten Backpacker gab es tatsächlich nur in Bangkok, wo die Punk- und Hardcoreszene auch sehr groß ist. Sie gestalten die Szene dort aktiv mit und setzen sicherlich auch mal neue Impulse, doch sie sind nur ein kleiner Teil der Szene, die auch gut ohne die Zugewanderten auskommen würde.

Was die zweite Frage betrifft: Es gibt einiges, was wir uns von der südostasiatischen Szene abgucken können. Durch die hiesige Übersättigung haben sich die Subkulturen in den westlichen Ländern in Hunderte Gruppen gespalten. Wir können es uns erlauben, nur Rap, nur Hardcore oder nur Punk zu hören. Allein im Punk unterscheiden wir mittlerweile zwischen Skate-, Hardcore-, Street-, Oi-, Crust- und Deutschpunk sowie zig anderen Subgenres. Und wenn wir wollen, müssen wir uns nicht mit anderen auseinandersetzen, wir können es uns in einer dieser Nischen bequem machen. Das geht in Südostasien nicht, da das subkulturelle Angebot dafür zu überschaubar ist. Deshalb spielen dort bei einem Konzert oft Bands unterschiedlichster Genres und das Publikum feiert alle gleichermaßen ab. Man ist offener für das, was andere machen, und der Zusammenhalt ist größer als bei uns. Die Leute dort verstehen sich viel mehr als Underground-Kids und nehmen alles mit, was sich ihnen bietet.

Wir wollten der Szene etwas zurückgeben“

Diana und Felix haben sich nicht ausschließlich auf subkulturelle Musik beschränkt

Ihr habt eure Jobs gekündigt, um das Projekt umzusetzen und konntet Buch, Film und Sampler nur mithilfe von Crowdfunding umsetzen – hat sich das alles „gelohnt“?

Diana: Wir haben das Projekt ja nicht ins Leben gerufen, um daran zu verdienen. Es ging uns in erster Linie darum, nach jahrelangem Angestelltenverhältnis mal wieder etwas aus voller Überzeugung und mit Herzblut zu tun. Es ging um Selbstverwirklichung und wir wollten der Szene etwas zurückgeben, die uns selbst über Jahre sozialisiert hat. Wir werden nicht einmal Ansatzweise herausbekommen, was die Realisierung des Projekts „gekostet“ hat, denn die Reise- und Equipmentkosten sind ja nur der kleinste Teil. Im Anschluss an die Reise haben wir acht Monate lang zu zweit an der Umsetzung von Buch, Film und Sampler in Vollzeit gearbeitet, weshalb man unterm Strich strenggenommen auch die Verdienstausfälle für einen Zeitraum von einem Jahr hochrechnen müsste. Denn wir haben bloß die nötigsten Aufträge in der Zeit angenommen, die wir nach Feierabend und an den Wochenenden abgearbeitet haben, um unsere Rechnungen zahlen zu können. Hinzu kommen die Produktionskosten der einzelnen Releases, denn für den Farbdruck mussten wir beispielsweise dem Verlag unter die Arme greifen und der Film ist komplett in Eigenregie ganz ohne Partner entstanden. Die 14 500 Euro aus dem Crowdfunding, von denen auch noch ein nicht geringer Betrag für Steuern, Plattformgebühren und Portokosten abgeht, waren so gesehen bloß ein Tropfen auf dem heißen Stein. Doch wir sehen das Ganze nicht als etwas, bei dem wir draufzahlen, sondern eher als eine Art Investition. Denn wir haben unfassbar viel in der Zeit gelernt und zudem noch nie so viel Spaß an der Arbeit gehabt.

Das Buch

Ringelsiep, Diana/Bundschuh, Felix (2019): A Global Mess. Eine SubkulTOUR durch Südostasien. 280 Seiten, farbig bebildert, Ventil Verlag, ISBN 978-3-95575-112, 27 Euro

Der Film

Kleinstauflage ohne Label; auf Lese- und Filmtour zu haben

Der Sampler

V.A., A Global Mess – Vol. One: Asia, Concrete Jungle Records, LP & CD, Download, 17,90 Euro

Alle Tourdaten, mehr Infos und Kontakt unter www.aglobalmess.com

Tilmann Ziegenhain

Der leicht adipöse Mittdreißiger kann von vielem etwas, aber nichts richtig und hatte damit die besten Voraussetzungen, um irgendwas mit Medien zu machen. Wenn er nicht in Mannheim als Redakteur arbeitet, studiert er in Frankfurt, lebt in Darmstadt oder fällt in seinem Geburtsort Wiesbaden rum.
Hätte er mehr Zeit, würde er gerne Sütterlin und Blues Harp lernen – oder öfter die Rüsselspringer im Zoo besuchen. Weil er aber immer noch nicht das Zehnfingersystem beherrscht, hat er keine.
Eine der letzten ungeklärten Fragen unserer Zeit ist ihm zufolge, wie Vegetarier eigentlich zu fleischfressenden Pflanzen stehen.
Nachdem er heute zum ersten Mal in der dritten Person über sich geredet hat, fragt er sich außerdem, ob es nicht Zeit für einen Künstlernamen wäre.
Tilmann Ziegenhain

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