Brecht: Neues Dokudrama von Heinrich Breloer

Filmkritik

Bertolt Brecht Heinrich Breloer

„Brecht ist ein Schwein. Dass solche Stücke gespielt werden!“ Die Empörung seiner frömmelnden Deutschlehrerin macht Heinrich Breloer erst recht neugierig: Wer im erzkatholischen Internat als Schwein gilt, den muss man lesen!

Seit seiner Schulzeit in den Sechzigerjahren hat sich der Autor und Filmregisseur Breloer, Jahrgang 1942, ausgiebig mit dem Dramatiker und Lyriker Brecht, Jahrgang 1898, beschäftigt. Über die Jahrzehnte hat er umfangreiches Material gesammelt sowie mit zahlreichen seiner Weggefährten, Freunde und Frauen gesprochen – und das Ganze nun in einem zweiteiligen Dokudrama und einem Buch verarbeitet.

Breloers Erfindung: das „Dokudrama“

„Dokudrama“, das ist das maßgeblich von Breloer entwickelte Genre, in dem dokumentarische historische Aufnahmen und neu inszenierte Spielfilmszenen zu etwas Neuem verbunden werden. Mit diesem Konzept hat Breloer sich in der Vergangenheit schon dem Hitler-Architekten Albert Speer („Speer und er“) und der Schriftstellerfamilie Mann („Die Manns – ein Jahrhundertroman“) gewidmet – und zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Weil ein Stückchen vom epischen Theaters auch in Breloers Konzept steckt, nun also das große Vorbild: Brecht, der sich bereits als 17-jähriger Schüler in Augsburg in eine Reihe mit den Klassikern stellt („Ich komme gleich nach Goethe“), in der Weimarer Republik mit der „Dreigroschenoper“ tatsächlich weltberühmt wird (Teil 1) und nach Flucht und Exil schließlich in die DDR zurückkehrt, wo er mit dem „Berliner Ensemble“ endlich sein eigenes Theater bekommt (Teil 2).

„Mich kannte er sehr gut, ihn konnte man nicht kennen“, äußert sich in Film und Buch die Schweizer Schauspielerin Regine Lutz, die lange mit Brecht arbeitete und, folgt man dem Film, eine der offensichtlich wenigen Frauen aus seinem Umfeld ist, die keine Affäre mit ihm angefangen haben.

Prädikat: problematisch

Auch Zuschauer und Leser kennen Brecht nach drei Stunden Film und gut fünfhundert Seiten Buch nicht wirklich besser – geschweige denn seinen künstlerischen Output. Während das erste vor allem an Brecht selbst liegt, ist das andere das Versäumnis Breloers: Über das bruchstückhafte Bild eines Lebemenschen und Weiberhelden geraten Brechts Werk und die Umstände, in denen es entstand, in den Hintergrund. Was damals das Neue an Brechts Inszenierungen war, begreift der Zuschauer deshalb nicht.

Zielgruppe Bildungsbürgertum

Ähnliches gilt für Brechts Reaktion auf den 17. Juni 1953, als die Bevölkerung mit Massenstreiks und Demonstrationen gegen das DDR-Regime protestierte. Wer nicht halbwegs mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts vertraut ist, versteht weder, was damals in Ostberlin geschah, noch warum Brecht reagierte wie er es tat.

Bleibt also die Frage, für wen Breloers Dokudrama gemacht ist. Vielleicht für die Deutschlehrer des neuen Jahrtausends. Wenn sie ihren Schülern das „Schwein“ damit wenigstens etwas schmackhafter machen können, hat Breloers Projekt vielleicht doch noch einen Zweck erfüllt. Die Debatte darüber, was er uns heute noch zu sagen hat, müsste dann freilich noch folgen.

Weitere Besprechungen in der Presse

In der taz: www.taz.de/!5579980/

In der SZ: www.sueddeutsche.de/medien/bertolt-brecht-heinrich-breloer-doku-drama-arte-ard-1.4375793

Im Spiegel: https://www.spiegel.de/kultur/tv/brecht-von-heinrich-breloer-in-der-ard-dichter-denker-schwein-a-1251459.html

Das Dokudrama lief bereits auf ARD und Arte und ist nun ab 14,99 Euro auf DVD erhältlich.

Offizieller Trailer zur DVD (FSK 12)

Das Buch liefert detailliertere Informationen als der Film – wer es vorher gelesen hat, versteht mehr vom Zweiteiler. Allerdings ist es auch durch großflächig abgedruckte Bilder vom Set („Hinter den Kulissen“) in nicht unerheblichem Umfang künstlich angedickt.

Breloer, Heinrich (2019): Brecht. Roman seines Lebens, 528 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05198-8, 26 Euro.

Tilmann Ziegenhain

Der leicht adipöse Mittdreißiger kann von vielem etwas, aber nichts richtig und hatte damit die besten Voraussetzungen, um irgendwas mit Medien zu machen. Wenn er nicht in Mannheim als Redakteur arbeitet, studiert er in Frankfurt, lebt in Darmstadt oder fällt in seinem Geburtsort Wiesbaden rum.
Hätte er mehr Zeit, würde er gerne Sütterlin und Blues Harp lernen – oder öfter die Rüsselspringer im Zoo besuchen. Weil er aber immer noch nicht das Zehnfingersystem beherrscht, hat er keine.
Eine der letzten ungeklärten Fragen unserer Zeit ist ihm zufolge, wie Vegetarier eigentlich zu fleischfressenden Pflanzen stehen.
Nachdem er heute zum ersten Mal in der dritten Person über sich geredet hat, fragt er sich außerdem, ob es nicht Zeit für einen Künstlernamen wäre.
Tilmann Ziegenhain

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