Cock Sparrer, Sickboyz, The Lads – Karlsruhe/Weiße Rose, 02.10.2018

Are They Coming Back?

Als die Cock Sparrer Clubtour angekündigt wird, bin ich gerade im Urlaub und ein Kumpel fragt mich über’s Handy, ob er mir Tickets mitbestellen soll. Ich verneine, weil es bis dahin für mich gefühlt noch ewig Zeit ist – über zwei Monate.

Die Kartenaktion

Der Alltagswahnsinn lässt mich dann nicht mehr daran denken und auch der regelmäßige Countdown zum Auftritt in der Facebook-Timeline lockt mich nicht aus der Reserve. Irgendwie lasse ich mich nach wie vor nicht gerne aufgrund von Werbung zu etwas drängen. In den meisten Fällen bin ich dann auch ganz stolz auf mich. Als das Konzert am 25. Oktober schließlich ausverkauft ist, schaue ich dafür dann schon etwas doof aus der Wäsche. Allerdings wundere ich mich auch, wieso das so lange gedauert hat. Die Show musste zwei Monate beworben werden, damit sie ausverkauft ist und das obwohl der nächste Gig mehrere hundert Kilometer entfernt ist!? Komisch. Immerhin reden wir von DEM seit Jahrzehnten unangefochtenen Oi!-Flagschiff überhaupt. Hm. Die Verwunderung an dem Abend wird nicht kleiner, als ich sehe, dass hier vielleicht 600 Personen anwesend sind. Oder sollte ich mich derart verschätzen?

Wie dem auch sei, morgens am 2. Oktober entschließe ich mich bei der ersten Tasse Kaffee mal zu schauen, ob ich vielleicht doch noch zwei Tickets für meine bessere Hälfte und mich ergattern kann. Tatsächlich dauert es dann bloß bis circa 10:30 Uhr und der Eintritt ist geklärt. Irre wie einfach das ist am Tag des Konzerts noch zwei Karten von zwei verschiedenen Personen für den Abend zu organisieren. Selbst ein Bekannter, der mich gegen 15 Uhr fragt, ob ich ihm aus der Kartenlos-Patsche helfen kann, steht abends mit einem Bier neben mir. Da frage ich mich wirklich wofür es einen Vorverkauf überhaupt gibt, wenn das selbst bei einer Band wie Cock Sparrer so unspektakulär einfach ist. Wegen des Gelds, das man angeblich so sparen kann, sicher nicht. Weil mit den Gebühren ist man in der Regel sowieso maximal einen Euro günstiger dran als an der Abendkasse.

Klassentreffen und Vorbands

Die erste Karte von einer Bekannten in Empfang genommen, fühle ich mich bald darauf wie bei einem Klassentreffen nach 20 Jahren. Denn bis ich den ersten Blick auf die Bühne werfen kann, treffe ich massig Leute, die ich teilweise seit über zehn Jahren nicht mehr getroffen habe. Es dauert nicht lange und ich sage einem davon, dass wenn jemals nochmal etwas derartiges stattfindet, dann muss man sich mittags schon treffen. Um genügend Zeit zum quatschen und Blödsinn machen zu haben, bevor ein feines Konzert so einen Tag grandios abrundet.

The Lads, Counterculture aus Freiburg

Aufgrund der Gespräche, die mit großer Freude geführt werden, bekomme ich von The Lads herzlich wenig mit. So richtig ärgert mich das zwar nicht, aber da ihr Debüt bei Contra-Halunken-Kumpel Hechti erscheint, wäre ich gerne aufmerksamer gewesen. Gut, dann hole ich das eben bei Gelegenheit nach, da auf seinem Label, bis auf ein paar Ausnahmen, richtig gute Punk-, Oi!- und Streetpunkbands zu finden sind.

Beim aus dem Dunstkreis der Alten Hackerei kommenden Trio Sickboyz bin ich im Anschluss etwas aufmerksamer und drängele mich bis zur Bühne vor. Immerhin kenne ich deren Debüt und bin davon auch sehr angetan. Ein richtig geil bratziger Hardcore ‘n’ Roll-Schweinrock Bastardo, von dem ich an anderer Stelle schonmal schwärmte. An sich nicht so mein Öl, das die Maschine am knattern hält, doch deren Vinyl dreht auch bei mir daheim öfter mal seine Runden. Bloß bevor sie fertig sind, gehe ich nochmal schnell das Porzellan wässern, um rechtzeitig vor der Bühne zu stehen.

With courtesy of Paul Needham the incredible Sickboyz

Cock Sparrer hautnah

Aber so wirklich richtig vor der Bühne. Bis kurz bevor Cock Sparrer mit Riot Squad eröffnen, bin ich maximal einen Meter davon entfernt. Irgendwie dann schon wieder irre. Da sieht man diese Band mal nicht auf einem Festival aus wasweißich wie vielen Metern und dann steht da nicht mal irgendein Gitter vor der Bühne. Großartig! Und schön, dass der Gruppenzwang mich überhaupt dorthin bringt. Von alleine wäre ich mal wieder nicht auf die Idee gekommen. Während Riot Squad orientiere ich mich maximal zwei Meter nach hinten und habe extrem viel Platz. Optimal, hier bleibe ich und verfolge wie die Engländer Hit nach Hit rausfeuern. Das macht schon ganz schön viel Spaß so eine Band aus dieser Entfernung zu sehen. Ein Kumpel, der tatsächlich mit den Beinen an der Bühne lehnt, könnte Mick Beaufoy problemlos die ganze Zeit ins Knie beißen oder wahlweise die Wampe streicheln. Er macht aber weder das eine noch das andere – die Info der Vollständigkeit halber.

Nach relativ kurzer Zeit stellt sich eine Frau mit ner affigen Kaufhaus-Lederjacke und dickem Wollschal auf die Bühne, um mitzutanzen. Als sie nach einer Minute noch nicht weg ist, geht mir die Olle langsam auf die Nerven. Denn anstatt durchzudrehen oder ähnliches, scheint sie ziemlich besoffen und ihren Bewegungen nach normalerweise Ballermann-Gejuckel zu hören. Zum nächsten Song dreht sich Frau Besoffski lediglich zum Publikum um. Anstatt die Sicht freizumachen, breitet sie die Arme aus und beginnt das Publikum auf sie anzufeuern. Ihrem Gesichtsausdruck nach aber ohne überhaupt noch irgend etwas mitzubekommen. Langsam beginnt es Spaß zu machen, denn Sänger Colin McFaull weiß sich auch nicht recht zu helfen. Er nimmt sie zwar mal kurz in den Arm, in der Hoffnung sie steigt dann von der Bühne, aber nix da. Der dritte Song mit ihr als Frontsau beginnt und Madame feiert sich torkelnd weiter. Ein Kumpel und ich sind uns mittlerweile einig, das ist so ne Professionelle. Bestimmt so ne Agente Provocateuse vom Verfassungsschutz, die provozieren soll, damit es gleich mal so richtig Mische gibt. Ihr Geld ist sie leider nicht wert. Niemand zerrt sie runter, schmeißt ihr Bier oder geschweige denn einen Becher ins Gesicht. Stattdessen schütteln mehrere den Kopf oder rufen ihr was zu, keiner rotzt sie aus voller Kehle an. Als Person im besten Alter bin ich vom Publikum vor der Bühne enttäuscht. Wobei, das ist ja auch nicht wirklich viel jünger als ich. In solchen Situationen wünsche ich mir die Zeit im JUZ Mannheim zurück, wo auf den Flyern scherzhalber stand, dass man Stühle zum werfen mitbringen soll und hinterher wirklich fast ein Dutzend im Ogerwahnsinn zerdeppert wurden. Nachträglich ein Dank an die Spender.

Da isse die Agente Provocateuse – leider bloß von hinten

Logisch verlässt die Frau doch nochmal die Bühne und man kann Cock Sparrer wieder ablenkungsfrei folgen. Hoffentlich wird die Hupfdohle zusammen mit Hans-Georg Maaßen entlassen. Die hat nix getaugt und für sowas soll ich Steuern zahlen? Nein! Nach einem fulminanten Start, folgt ein eher entspannter Mittelteil, damit sich die alten Recken etwas entspannen können. Völlig daneben kommt jedoch die Ansage, dass die Tour bislang ja richtig cool ist, doch in Karlsruhe das mit Abstand lauteste Publikum steht um dann Where Are They Now a capella zu singen. Uiuiui, soll das ein Griff in die Trickkiste sein? Egal, den angehenden Senioren verzeihen wir das mal. Auf der Zielgerade mit der Zugabe schmeißt man mit Argy Bargy, England Belongs To Me ( da mache ich mich mit meinem Agent-Provocateuse-Nachbar über die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten nach dem Brexit lustig) und We’re Coming Back nochmal drei Fackeln ins feierwütige Publikum. Dort lässt man keinen Zweifel aufkommen, dass man gerne gleich morgen nochmal die selbe Party wieder feiern würde. Entsprechend froh und respektvoll verabschiedet man sich schlussendlich nach immerhin gut 80 Minuten voneinander. Von Fanseite aus jedoch bestimmt etwas anders. Denn sind wir mal ehrlich, ich glaube nicht, dass man Cock Sparrer noch einmal in so einem Rahmen sehen wird. In meinem Fall also vielleicht drei Meter vor einer vielleicht 1,20 Meter hohen Bühne ohne Gitter. Das war schon ne recht coole Aktion der Band.


Info

Cock Sparrer: Homepage, Facebook, Bandcamp

Sickboyz: Homepage, Facebook, Bandcamp

The Lads: Homepage, Facebook

Paul Needham: Photos

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky
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