Die Banalität des Bösen?

Schlimmer geht immer

Der Tag hat es bislang nicht sonderlich gut mit mir gemeint. Zum Teil bin ich ja selbst daran schuld. Wer viel möchte, muss eben auch viel investieren. Wenn dann zwei oder drei Dinge gleichzeitig nicht so richtig rund laufen, wird es anstrengend. Über den ganzen Tag. Langsam neigt dieser sich glücklicherweise dem Ende zu. In dem Moment ahne ich noch nichts von seinem Höhepunkt, von dem ich dachte ihn endlich überwunden zu haben.

Langsam und schlapp laufe ich auf eine Gruppe Bekannter zu. Drei Personen stehen um eine vierte herum, die offensichtlich irgend etwas auf ihrem Smartphone zeigt. Da ich die Leute nicht wirklich gut kenne, mich aber grundsätzlich interessiert worüber sich Leute unterhalten, mit denen ich auch nur wenig zu tun habe, stelle ich mich dazu und werfe einen Blick auf das Display.

Während ich mich nach vorne beuge, um zu sehen, um was es geht, erfahre ich parallel, dass der Smartphonehalter als Soldat in Afghanistan war. Da ich in den letzten Jahrzehnten schon verschiedene Veteranen kennen gelernt habe, bin ich jetzt nicht sonderlich beeindruckt. Überrascht bin ich allerdings mit welchem Eifer und welcher Freude dieser Mensch von seinem Einsatz in Afghanistan berichtet. Seine Finger fliegen förmlich über das Display, er switcht von einem Bild zum anderen und seine Augen funkeln dabei. „Hm“, sage ich mir, „was für ein Depp“. In dem Moment stellt jemand aus der Runde die Frage, ob er vor Ort jemanden getötet hat. Noch bevor ich mir die Frage stellen kann, wie ich die Frage einsortieren kann. Also, ob man einen Ex-Soldaten so etwas fragen kann, oder sollte, da wir uns hier alle nicht gut kennen, beantwortet dieser die Frage beiläufig mit „Ja, zwei“ und schiebt hinterher „Zwei und bei 15 weiteren bin ich mir nicht sicher“.

Mir schnürt es augenblicklich die Kehle zu. Doch in erster Linie nicht, weil der Typ so viele Menschen umgebracht hat, sondern mit welcher Gleichgültigkeit er darüber spricht. Für ihn scheint es ein ganz normaler Vorgang zu sein, wie wenn man Durst hat, dass man etwas trinkt. Ich bin platt. In meiner Fassungslosigkeit bin ich paralysiert und höre einen Augenblick lang nicht, was die anderen sprechen. Langsam finde ich wieder in das Gespräch hinein. Die Finger flitschen immer noch rastlos über das Display. Mittlerweile dürfte ich 40 bis 50 Bilder gesehen haben. Zusammen mit den menschenverachtenden Aussagen genug, um mich wieder aus der Runde zu verabschieden. Doch frage ich mich, ob ich je nochmal die Gelegenheit bekomme, mich mit so einem Menschen zu unterhalten. In meinen Augen ein gewissenloser Typ, ein Mensch ohne Werte, ein Lemming, ein astreiner Vollhorst der Marke „ich kann nichts, ich bin nichts, gebt mir eine Uniform“.

Wie zu erwarten bleibe ich stehen, denn ich möchte noch ein paar Fragen stellen. Was ich damit bezwecke weiß ich gerade selbst nicht recht. Will ich ihn provozieren, indem ich ihn vom hohen Ross hole? Kann gut sein, so wie ich mich kenne. Weil nach wie vor zeigt er den Umherstehenden protzig, was er für ein geiler Typ ist. Ich reiße mich zusammen und höre aufmerksam zu. Zwischenzeitlich sind wir in einem Ordner mit Bildern von Autowracks, zerstörten Häusern oder anderen Ruinen angekommen, auf denen der Ex-Soldat posiert. Urlaubsfotos von Sehenswürdigkeiten, auf die man sich irgendwie noch versucht zu drängen, finde ich schon reichlich dämlich. Doch das hier ist asozial deluxe. „Du selten dumme Sau“, fährt es mir einmal quer durch die Hirnrinde.

Langsam verlieren zwei Zuschauer das Interesse und gehen wieder ihren Dingen nach, wir sind bloß noch zu dritt. Ausführlich schildert der Ex-Soldat wie Talibankämpfer in der Regel Bomben unter Straßen deponieren und wie man mit denen umgeht. Da mir das Gelaber auf den Sack geht und ich genug gehört habe, möchte ich wissen, woher er bei zwei Menschen genau weiß, dass er sie getötet hat und bei 15 anderen nicht. „Neben dem einen stand ich, den hatte ich in den Bauch geschossen. Der starb daran. Zu dem anderen sind wir nicht hingefahren, der lag auf einem Hügel. Das war zu gefährlich, da hätten Minen liegen können, weißt du.“ Schon wieder ekelt mich diese Abgebrühtheit in der Stimme an, weshalb ich wissen möchte, was er den gefühlt hat, als er neben einem Menschen stand, den er erschossen hat. Auf die Antwort bin ich gespannt, denn in der Art, in der ich jetzt mit ihm rede, muss man mir meine Abneigung ihm gegenüber anmerken.

Falsch gedacht. Der Vogel schaut mich mit großen Augen fragend an, senkt wieder seinen Kopf Richtung Smartphone, zuckt kurz mit den Schultern und kommentiert „Nichts, was soll ich da denn fühlen?“. Krass, ich bin beeindruckt. Was ist das für ein Mensch, der da neben mir steht!? So hart und respektlos einem Menschenleben gegenüber kann der doch gar nicht sein. Ich meine der Kerl ist gerade einmal dreißig Jahre alt und aus Europa. Der hat nie einen Krieg erlebt, auch keinen kalten. Klar, weiß ich nicht, was ihm bislang widerfahren ist. Aber so schlimm kann es nicht sein. Er wirkt weder böse, noch aggressiv. Außerdem hat er schon zigmal seine Frau erwähnt und ein Kind hat er auch.

Ich bin noch in meinen Gedanken verfangen, als dem Ex-Soldat die Idee kommt, dass wenn ich ihn schon nach Toten frage, er mir noch schnell eine „Präsentation“ zeigen kann – tatsächlich ist es ein selbst zusammengebastelter Clip. Mit Stolz geschwellter Brust verkündet er „Den habe ich selbst gemacht“. Was folgt muss getriggert werden. Denn das ist kein FSK 18, sondern weit darüber hinaus. Die Fotos sind kein Fake, sondern echte Bilder. Der dreiminütige Clip startet mit einem Gehirn. Da es ohne Körper im schmutzigen Gras liegt, muss ich nochmal nachfragen, ob das eben ein Gehirn war. „Ja, das ist ein Gehirn“. Während im Hintergrund wohl ein Soldatenlied oder ähnlich pathosgeschwängerter Scheiß läuft, wurde tief in die billige Trickkiste von Powerpoint gegriffen. In ständig wechselnden Überblendungen liegt zuerst ein Kopf auf der Erde, der hinten aufgeplatzt ist und das Blut heraus gespritzt ist, gefolgt von einem Kopfschuss, von dem ca. ein Viertel fehlt, gefolgt von einem Kopfschuss, aus dem Gehirnmasse heraushängt, gefolgt von einer Großaufnahme, wie eine Kugel ein Bein zertrümmerte, gefolgt von, gefolgt von, gefolgt von …

Auch jetzt schockieren mich die Bilder wenig. In drei Jahren Flüchtlingshilfe hört man Geschichten, die deutlich heftiger sind und sieht Bilder, die dem in nichts nachstehen. Nach wie vor widert mich die Art und Weise an, wie der Ex-Soldat dasteht und er sich verhält. Da blitzt nicht nur eine hundertstel Sekunde Reue, Nachdenklichkeit oder Reflexion auf. Stattdessen steht er kerzengerade da – Arsch zusammengepetzt, Brust raus und der Arm, in dem er sein Smartphone hält, steht unter Körperspannung. Ein Bild von einem echten Soldat, wie ihn sich jedes Land wünscht: Dick (das ist er wirklich), dumm und wasserdicht. Ich fasse es nicht, kann man wirklich so matt im Kopf sein?

Ich starte einen letzten Versuch und möchte wissen für wen oder was er da eigentlich gekämpft hat. Halt in der Hoffnung, dass er meine Frage versteht und endlich vielleicht aggressiv reagiert. Oder mich wenigstens fragt, was ich damit meine, falls er nicht folgen kann. Ohne um den heißen Brei zu reden, es ist ein Schlag ins Wasser. Erneut schaut er mich mit großen Augen an und erwidert: „Weil es mein Job war? Ich war Soldat, ich habe nichts anderes gelernt.“ Zum x-ten Mal führt er aus, dass dies für ihn der beste Job sowie die beste Zeit in seinem Leben war und er gerne wieder Soldat wäre, wenn ihn seine Frau nicht davon abhalten würde.

Ich bin durch mit ihm und außerdem überaus perplex. In meinem Leben habe ich durchaus schon einige Personen kennengelernt, mit denen ich weniger als nicht einer Meinung war, weil sie in meinen Augen krude Menschen sind. Doch bis jetzt waren diese alle von Grund auf charakterliche Hinterwäldler, die, aus welchen Gründen auch immer, Ziele verfolgten, die sich mit meinem (hoffentlich) humanistischen Weltbild nicht vereinen ließen. Aber jener Ex-Soldat hier ist kein klassischer Bösewicht. Nö, der ist einfach nur schreiend dumm. Schreiend dumm. Ist er so eine Person, die Hannah Arendt mit der Banalität des Bösen beschreibt?

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky
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