Feine Sahne Fischfilet – Monchi treffen

Maul aufmachen und was reißen

Sie kommen von dort wo niemals Ebbe ist. Doch ich habe Feine Sahne Fischfilet das erste Mal beim Back to Future 2010 gesehen. Und wie! Eine Geschichte, die ich nicht müde werde zu erzählen, weil sie einfach grandios ist. Damals schlappte ich wie immer als einer der Ersten aus dem Waldbad zum Festivalgelände, damit der Samstag-Opener noch eine Person mehr zu unterhalten hat, während der Großteil noch auf der Wiese rund ums Wasser döst.

Mich interessierte aber auch wer hinter dem Album „Backstage mit Freunden“ steckt, weil ich das Cover und den Titel so sympathisch fand. Was sich mir präsentierte war eine Situation, die zu dem Bild auf dem Artwork führt: Vollkontaktsaufen. Monchi stapfte damals schon mit Shorts und Badeschlappen rum. Und das hammergranatendicht vor der Bühne mit dem Mikro in der Hand. Zum Singen nutzte er das jedoch nicht so wirklich oft, denn er war regelmäßig damit beschäftigt einen seiner Latschen zu suchen, die er im Suff ständig verlor. Aber nicht, weil da wie blöd Pogo war. Nö, der Kerl war bloß heillos damit überfordert Singen, Torkeln und Badelatschen auf einmal koordiniert zu bekommen. Ein Anblick für die Götter, wie man sich vorstellen kann. Ich war hin und weg, dass man so zertrümmert den Haupttag eines Festivals beginnt. Hut ab, seit dem Tag bin ich Fan und freue mich sie dort 2018 wieder zu sehen. Doch diesmal als Headliner!

So ein Stress

Wäre ich heute immer noch nur ein Fan, hätte ich mir den Weg nach Heidelberg sicher gespart. Da mich die Tage zuvor diese fies grassierende Grippe auch erwischt hatte und ich noch nicht wieder richtig fit war. Doch weil Monchi und ich uns nur selten sehen, schleppe ich mich in die Nachbarstadt von Mannheim und hatte mit meinem körperlichen Zustand den perfekten Einstieg gefunden. Denn immerhin fielen die ersten drei Warm-up-Shows von Feine Sahne Fischfilet in Österreich aufgrund einer heftigen Erkrankung Monchis aus. Allerdings wurde man aus seinem Facebook-Statement nicht so richtig schlau. Hat ihn ebenfalls die Grippe niedergestreckt, oder hat das mit den Anstrengungen zu tun, die er die letzten Wochen rund um den Veröffentlichungstermin zu „Sturm und Dreck“ zu bewältigen hatte?

Eine Frage, die mich beschäftigt, weil Monchi mir vor etwas über einem Jahr erzählte, dass er seinen derzeitigen Lebenswandel nicht als stressig bezeichnen kann, wenn er ihn mit jemandem vergleicht der 40 Stunden pro Woche malochen geht. „Ich bin ja kein Arzt“, beginnt er, „ich kann dir aber sagen, dass ich nicht auf meinen Körper gehört habe. In den Wochen davor war ich immer wieder mal krank und habe das ignoriert. Die letzte Zeit war eben auch ziemlich anstrengend. In den letzten sechs Monaten war ich genau drei Wochenenden daheim“. So lenkt er ein wenig ein, dass auch positiver Stress nicht zwangsläufig nur gesund ist. Dennoch „meine damalige Aussage würde ich wiederholen. Denn was im Moment läuft ist einfach bloß verrückt. Daran haben wir eineinhalb Jahre gearbeitet und jetzt geht’s endlich los. Der Stress ist der Preis, den wir aufgrund des ständigen Unterwegssein zu zahlen haben.“

Völliger Abriss

Was mir die letzten Wochen wieder vermehrt auffiel, wie viel Energie Feins Sahne Fischfilet in Halli Galli investiert. Auf mich macht das den Eindruck, dass ihnen das auch ganz wichtig ist. „Wenn das so rüberkommt, dann ist das schade. Denn das sind wir nicht.“, fällt mir Monchi ins Wort, während ich noch gar nicht fertig war, und wundert sich über die Wahrnehmung. Weil ihm kommt es eigentlich so vor, dass sie sehr unterschiedlich wahrgenommen werden: Als die linken Spinner, Prolls oder öfter auch mal als Weicheier. Letzteres weil sie insbesondere live auch immer wieder ruhigere und bedächtigere Parts haben.

Um meine Empfindung zu verdeutlichen, stelle ich klar, dass ich Feine Sahne Fischfilet eindeutig nicht darauf reduzieren möchte, doch schon finde, dass Spaß haben, Feiern, den Ab- und Zusammenriss zu zelebrieren ganz klar eine dominante Facette der Band ist. Dies wiederum möchte Monchi auch gar nicht kleinreden: „Aktuell bestimmt, also klar, wir lieben es zu feiern. Da brauchen wir auch gar nicht drumherum reden. Ja, wir lieben es zu feiern!“ Sozusagen als Bestätigung setzt er noch eine Geschichte obendrauf, die sich nach dem Konzert in Wiesbaden ergeben hat. Dort sind ein paar Kumpels aus Rostock aufgetaucht, mit denen er so richtig Alarm gemacht hat, bis er in den Nightliner hätte steigen sollen. Dem hat er jedoch bloß nachgewunken und weitergezecht. Verabschiedet hat er hat sich mit den Worten, dass er schon irgendwie wieder heimkommt. Das sind ja dann auch bloß knapp 700 Kilometer von Wiesbaden nach Rostock.

Sex an Rock ‘n’ Roll

Was ich dann schon immer mal eine Band fragen wollte, es sich aber noch nie so wirklich ergeben hat, ist, wie es sich eigentlich mit Groupies verhält. Denn irgendwie passt das ja auch so’n bisschen zu diesem Hedonisten-Image, dass man das Hier und Jetzt so richtig genießt, ausreizt und etwas vom süßen Nektar der Popularität ausprobiert. Also, raus mit der Sprache, hat Feine Sahne Fischfilet, hat Monchi was mit Groupies zu tun? Etwas überrascht, doch wie immer offen entgegnet er, dass er nicht der Typ sei, der behauptet, das würde er nie machen. Bei ihm sei alles möglich. Zudem sei es bestimmt normal, dass umso bekannter und größer eine Band wird, es desto mehr Angebote in der Richtung gibt. Damit sind aber nicht jene Situationen gemeint, in denen man nach einem zweistündigen Auftritt Fotos mit weiblichen Fans am Merch macht und die einem lauthals ihre Liebe gestehen. Diese angebliche Liebe weiß Monchi gut einzusortieren.

„Weißt du, wir leben auch mal Rock ‘n’ Roll“, fährt er fort, „Ich bin jetzt aber nicht jemand, der nach einer Shows fünf Mädels mit in den Backstage nimmt und sich anlächeln lässt. An sowas habe ich kein Interesse. Denn, wenn man angehimmelt wird, dann wird so eine Situation auch gleich sehr, sehr komisch. Bloß lernt man jemanden kennen und es ist für beide Seiten okay, dann ist das doch cool.“ Wie nicht anders zu erwarten, hat auch diese Seite der Band eher etwas Gentlemanhaftes, anstatt klischeehaft diversen abgehalfterten Vollidioten nachzueifern, die keinen Respekt mehr vor sich selbst haben.

Pressetermine, die Arbeit neben der Arbeit

Wir machen einen harten Schnitt und wechseln wieder zur Arbeit. Neben dem Schreiben von neuen Songs, die in einem Studio verarbeitet werden, gehört dazu die Pressearbeit. Sprich ein Interview nach dem nächsten führen. Bei der Fülle von Interviews, die Feine Sahne Fischfilet mittlerweile gibt, stechen dabei wenige besondere Artikel hervor. Vieles davon muss man gar nicht erst groß lesen, hören oder sehen. Wer die Band schon länger als die beiden letzten Alben kennt, erfährt nichts neues, sondern weiß mehr über sie als in Wikipedia steht. Trotzdem gab es ein Bericht, über den sich Monchi wirklich freut, weil sich der Autoren länger Zeit nehmen konnte, als die üblichen 30 bis maximal 60 Minuten. Die Rede ist von der Visions-Titelstory der Februarausgabe. Dafür wurden sie von dem Schreiber und einer Fotografin drei Tage durch Loitz begleitet. Das ist die kleine Stadt, in der Feine Sahne Fischfilet ihren ersten Proberaum hatten und für „Sturm und Dreck“ ihre Releaseparty feierten. Doch der Einstieg war gar nicht so einfach, denn „der Autor ist ganz anders als die Band. Der war ziemlich verschlossen. Wäre das nur die übliche halbe Stunde gewesen, wäre das voll der Müll geworden. Doch nach einer gewissen Zeit brach dann das Eis. So wurde es dann wie es ist: Sehr geil.“, so das Resümee.

Doch es kam auch zu weniger schönen Vorkommnissen, aus denen gelernt werden soll. Beispielsweise waren Monchi und Gitarrist Christoph bei Radio Bremen und anderen Medien in Bremen eingeladen. „Das war ungefähr eine Woche bevor ich richtig krank wurde. Da hatte ich aus dem Fenster des fahrenden Autos gekotzt und wir mussten ständig halten, weil ich Durchfall hatte ohne Ende. Da rief ich auf der Höhe von Hamburg an, damit Christoph die Interviews alleine macht, was er auch getan hätte. Allerdings hätten die Interviews ohne mich nicht stattgefunden. Wir hätten sie abgesagt bekommen, weshalb ich doch hingefahren bin. Und da hätte man Nein sagen müssen. Das sind Dinge, die man lernen muss.“

Hoch den Arsch

Das letzte Thema, das ich anspreche, ist die offensichtlich verrückt gewordene Welt. Der Krieg in Syrien ist mittlerweile im siebten Jahr und scheint schlimmer als je zuvor, der komplette Nahe Osten ist eigentlich seit Jahrzehnten in hellem Aufruhr. Hinzu kommen die unfairen Freihandelsabkommen mit sozusagen ganz Afrika, aber auch vielen anderen Staaten weltweit, oder die kranke westliche Textilindustrie, die vornehmlich in Asien produzieren lässt. Die Liste ließe sich nun beliebig weiterführen, bevor man auf die immer drängenderen klimatischen Themen zu sprechen kommt. Da frage ich mich wie man sich täglich selbst zum Aufstehen motivieren soll. Zudem, wenn man wie im Song „Suruc“ verarbeitet, gerade so einem Anschlag entkommt, der knapp drei Dutzend Menschen das Leben kostet.

Von Vorne beginnend sagt Monchi „Diese Motivation ist doch gar nicht meine Aufgabe“, da hat er wohl recht, doch schiebt er gleich nach „aber ich weiß, was du meinst. Ich finde es gibt genügend Bands, die Weltuntergangsstimmung verbreitet haben, die ist bei mir aber gar nicht da. Ich finde wir leben hierzulande noch sehr, sehr gut gebettet.“ Da möchte ich ihm auch gar nicht widersprechen, weil verglichen mit ganz vielen Menschen auf der Erde sind wir, KönigInnen in einer Art Neo-Feudalismus.

„Weil du Suruc ansprichst,“ fährt er fort „wenn du gesehen hättest wie viel Lebensfreude da war, obwohl 31 Leichen zu beklagen waren. Ich habe viele Gespräche geführt und war auch bei Beerdigungen mit dabei. Die Menschen haben eine Menge Kraft und Mut, die sagen auch solche Sätze wie für das Leben gegen den Tod oder wir haben es verteidigt, wir bauen es gemeinsam wieder auf. Das war sehr, sehr beeindruckend.“ Es folgt eine kurze, schwere Verschnaufpause, bevor es weitergeht: „Wie soll ich schon jetzt keinen Bock mehr haben, wenn Leute in solchen Situation sich so verhalten und sich nicht unterkriegen lassen?“

Trotzdem kann Monchi auch Menschen in Deutschland, die unter Schockstarre leiden, verstehen. Eben weil es so viele unterschiedliche Probleme gibt und selbst das ganz normale Leben kompliziert geworden ist. „Aber,“ führt er weiter aus „es ist jetzt ganz wichtig, dass die coolen Leute was reißen und ihr Maul aufmachen.“ Und um den Bogen noch einmal zu Eingangfrage dieses Absatz zu spannen, endet er mit „Ich freue mich, dass wir momentan über Feine Sahne Fischfilet die Möglichkeit bekommen wenigstens ein bisschen was bewegen zu können.“


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Alle Credits der Bilder vom Konzert in der Heidelberger Halle02, wo auch das Interview stattfand, gehen an Chris Krosz. Besten Dank dafür.

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
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