Fuck Utopia

Fatal Error

In den USA sitzt ein wahnsinniger Idiot im Weißen Haus, über den man pausenlos lachen müsste, wenn sein Narzissmus, sein Rassismus und sein Egoismus nicht so widerwärtig und gefährlich wären. In Deutschland sitzt erstmals seit dem 2. Weltkrieg eine offen rechtsextreme Partei im Bundestag. In Österreich ist sie an der Regierung. Gleiches gilt für Ungarn und etwas abgeschwächt für Polen. In den meisten anderen europäischen Ländern sind rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien auf dem Vormarsch. Großbritannien wird demnächst die EU verlassen. In der Türkei baut Erdogan den Staat zur Diktatur um, inhaftiert alle, die nicht seiner Meinung sind, während er gleichzeitig mit deutschen Waffen in Syrien einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Kurden führt. Jene Kurden, die zuvor vom Westen mit Waffen ausgestattet wurden, um gegen den IS zu kämpfen. Aber in Syrien kämpft ja jeder irgendwie gegen jeden. Mit dabei ist auch Putins Russland, das zumindest im Westen wieder als der alte Bösewicht aus dem Kalten Krieg angesehen wird. Aber: auch wenn sicher nicht jeder Hackerangriff und Giftmord von Russland initiiert wurde, von den allgemeinen Menschenrechten hält die russische Regierung trotzdem nicht viel. Schwule, Lesben, transsexuelle Menschen oder Journalisten sind in Putins Reich so beliebt, wie Cem Özdemir oder Angela Merkel (oder Claudia Roth oder Volker Beck oder Jerome Boateng oder Michel Friedmann oder Du, Du linksgrünversiffter Antifa-Terrorist) beim AfD-Stammtisch in Bautzen. Auf den Philippinen lässt der Präsident ganz ungeniert morden, in China darf Präsident Xi Jinping jetzt so lange regieren bis er tot umfällt und Nordkorea hat die Bombe.

Eine Welt ohne Flüchtlinge ist eine schöne Utopie

Und sonst so? Die Zahl der Menschen, die weltweit vor Hunger, Krieg, Folter oder Naturkatastrophen fliehen, wird jedes Jahr größer. Derzeit sind laut UN-Flüchtlingswerk rund 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Also praktisch Deutschland minus Nordrhein-Westfalen. Rohstoffausbeutung, Menschenhandel, Umweltzerstörung, Hunger oder Dürren spare ich mir an dieser Stelle, damit dieser Text nicht endlos wird.

Angesichts dieser unvollständigen Aufzählung fällt es schwer, mir irgendwelche Utopien vorzustellen oder sogar daran zu glauben. Und an welche Utopie überhaupt? Selbst Nicoles „Ein bisschen Frieden“ ist doch schon utopisch. Und wenn schon ein bisschen Frieden Utopie ist, dann sind wir ganz schön im Arsch. Dann ist die Utopie tot. Mausetot.

Die Utopie ist mausetot

Es spricht auch nicht gerade für all die ganzen anderen Utopien, für den Kommunismus, den Anarchismus oder von mir aus auch den Kapitalismus, vom dem in der Theorie ja auch alle profitieren sollen. Denn letztendlich wollen all diese Theorien, diese Utopien, einen Zustand erreichen, der Thomas Morus‘ Utopia nahe kommt. Allen geht es gut, alle sind glücklich. Und dieses Utopia, diese nicht existente Insel, ist bei genauer Betrachtung nur eine andere Umschreibung für das Paradies, das die Religionen uns versprechen. Einziger Unterschied: Die Utopien sollen im Diesseits real werden, während das himmlische Paradies als Belohnung für ein frommes Leben erst im Jenseits wartet. Erleben werden wir beides nicht.

Du kannst doch nicht den Anarchismus mit Religion vergleichen, höre ich gerade einige murmeln. Doch, kann ich. Ich kann alles vergleichen. Sogar Äpfel mit Birnen. Dann stelle ich nämlich fest, dass der Apfel rund ist und die Birne aussieht wie Helmut Kohls Kopf. Dass es sich also um zwei verschiedene Obstsorten handelt. Ohne Vergleich wäre ich nie darauf gekommen. Aber das Menschen aufhören zu sagen: „Das kannst Du aber nicht miteinander vergleichen“ ist vermutlich genauso eine Utopie wie der Kommunismus aus dem Theoriebuch. Und der ist so fern wie das himmlische Paradies. Oder wie lange hätte der real existierende Sozialismus noch existieren sollen bis der Übergang zum Kommunismus klappt? Die DDR oder die UdSSR hätten noch 200 Jahre bestehen können und wären vom Kommunismus genauso weit entfernt wie vor ihrem Zerfall vor 30 Jahren.

Die Arschlochdichte bleibt hoch

Selbst die kleinsten Konzertkollektive oder Hausprojekte zerbrechen irgendwann. Manchmal ist Druck von außen der Grund. Oft genug zerbrechen sie aber auch, weil sich die Kollektivisten entweder heillos zerstreiten, jemand in die Kasse greift, weil die Arbeit immer an einigen wenigen hängen bleibt, die irgendwann auch keinen Bock mehr haben alles alleine zu machen, oder einfach aus Trägheit.

Die Arschlochdichte mag in unseren Szenekreisen geringer sein als im Rest der Gesellschaft. Aber dafür, dass Punk, Alternativ oder links einen besseren Gesellschaftsentwurf anstrebt, läuft einiges verkehrt. Die jüngst bekanntgewordenen sexuellen Übergriffe oder Vergewaltigungen einiger Mitglieder von bekannteren Hardcorebands sind da nur die Spitze des Eisbergs. Oder die Klagen über Abzocker, die ihre Rechnungen nicht bezahlen, sich nicht an Absprachen halten und andere nach Strich und Faden verarschen oder Geschäfte in der Grauzone machen, die kennt man ja auch. Oder schlicht, dass man auf Konzerten Platten zockt oder Bands und Veranstaltern Equipment stiehlt; die Arschlochdichte ist auch bei denen, die vorgeben die herrschende Gesellschaft und ihre Ideale abzulehnen, erstaunlich hoch.

Nicht der Kapitalismus ist schuld, sondern Du!

Eine gängige Erklärung lautet, die kapitalistischen Verhältnisse seien schuld. Erst wenn der Kapitalismus auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt sei, könne sich das soziale Wesen des Menschen vollkommen entfalten. Die kapitalistischen Verhältnisse machen manches schwerer, keine Frage. Aber mir ist das als Rechtfertigung zu billig. Ich tippe ja, es liegt daran, dass der Mensch einige Verhaltensweisen wie Trägheit oder Egoismus nur schwer ablegen kann. Manche sind halt schon froh, wenn ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind und sie sich sonst um nichts kümmern müssen. Andere sind bereit, für ihren eigenen Vorteil über Leichen zu gehen. Diese Menschen wird man nicht zum Kommunismus oder Anarchismus bekehren können.

Machen wir uns nichts vor. Utopien funktionieren nur, wenn alle mitmachen wollen, wenn alle wollen, dass diese Utopie Realität wird. Aber da sich niemals alle auf eine Utopie einigen werden, wird der Mensch nicht aufhören, den Mensch und seine Umwelt auszubeuten. Außer natürlich die Menschen werden dazu erzogen. Aber dann sind wir wieder bei FDJ und Zwang. Dass das nicht funktioniert, wissen wir mittlerweile. Und das es scheiße ist, sowieso.

Stop being an asshole!

Was also dann? Es wäre bestimmt ein Anfang, wenn wir einfach mal begreifen würden, dass wir nichts Besonderes sind. Dass wir blöden Menschen nur eine Laune der Natur und nicht die Krone der Evolution sind, sondern nur ein Zufall, nichts weiter. Dass wir nicht mehr einer fernen Utopie nach rennen, sondern einfach mal bei uns anfangen und aufhören, uns wie ein Arschloch zu verhalten. Der eine hat dafür mehr, die andere weniger zu tun. Aber zu tun haben wir alle. Das wäre zumindest mal ein Anfang. Das ist zwar so utopisch, wie, das morgen Bakunins Anarchismus Realität wird. Aber andererseits gäbe dann vielleicht ein bisschen mehr Frieden.

Deshalb: Fuck Utopia and stop being an asshole!

Dieser Text ist ursprünglich in der sehr guten Utopie-Ausgabe des Alleiner Threat Zines erschienen. Falls Ihr noch keine Ausgabe besitzt: es wird höchste Zeit!

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Falk Fatal

Lügenbaron, Tunichtgut, Aushilfsmisanthrop. Zudem Herausgeber des fulminant-famosen Fanzines Der gestreckte Mittelfinger, Sänger der Oldiepunkband FRONT und Gelegenheitsschmierfink für diverse Schundpublikationen. Mimt hier eine Hälfte der Chefredaktion.
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