Marx und die Sonntagsfrage

Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin

Bestseller-Autor Jürgen Neffe hat zum 200. Geburtstag von Karl Marx eine umfangreiche Biografie vorgelegt. Auf einer Lesung der Rosa-Luxemburg-Stiftung hat er sie vorgestellt.

Glaubt man seinem Buddy Friedrich E. aus B., dann hat Marx einmal gesagt: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin.“ Ob der Spruch nun so gefallen ist oder nicht, zumindest passt er ins Bild des Philosophen, Journalisten und Politikers, das der Bestseller-Autor Jürgen Neffe in seiner Biografie „Marx – Der Unvollendete“ zeichnet, die er Ende Oktober in Wiesbaden vorgestellt hat.

Neffe beschreibt einen Marx, der bis heute zu Unrecht für Regime verantwortlich gemacht würde, die nicht nur sein Konterfei, sondern auch seine vermeintliche Lehre in Stein gemeißelt hätten: „Sein zentrales Thema, von Skeptikern und Gegnern jeder Couleur noch immer leidenschaftlich bestritten, war die Freiheit. Und da, wo sie an ihre Grenzen stößt, die Befreiung.“ In einen wie auch immer abgeschlossenen „Ismus“ lasse Marx sich deswegen nicht pressen. Schon gar nicht vor dem Hintergrund, dass er rund zwei Drittel seiner Werke nie gedruckt gesehen habe. Um das zu unterstreichen, hat Neffe ihm offensichtlich das Attribut „unvollendet“ im Titel seines Buches zur Seite gestellt.

Den Abend im Wiesbadener Georg-Buch-Haus beginnt der eloquente und charismatische Autor mit einer Anekdote: Als er vor zehn Jahren einen Urlaub in Italien verbrachte und Geld abheben wollte, streikte der Automat. Es waren die Tage, als mit der Pleite der Lehmann Brothers die Finanzkrise ihren Lauf nahm. Zwar blieb der ganz große Crash aus und auch er habe am nächsten Tag wieder Geld aus dem Automaten bekommen, der offensichtlich nur technische Probleme hatte. Dennoch sei in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder ein und dieselbe Frage in den Headlines der Medien aufgetaucht – und zwar mehr oder weniger im identischen Wortlaut, was Redakteure ja eigentlich gerne vermeiden wollten: Hatte Marx doch recht?

Damals habe er beschlossen, genau dieser Frage nachzugehen – und zwar gründlich. Und wirklich hat sich der mehrfach ausgezeichnete Journalist, von Haus aus eigentlich Naturwissenschaftler und erst auf einem zweiten Bildungsweg der besonderen Art zur Philosophie und Politikwissenschaft gelangt, mehrere Jahre intensiv mit Marx beschäftigt. Mit einem kurzen Einblick in seine „Werkstatt“ erklärt er in Wiesbaden, welche Vorarbeiten für sein Buch nötig waren: Allein ein ganzes Jahr lang hätte er Marx-Schriften studiert, im Schnitt habe er mehr als acht Stunden am Tag gelesen. Und auch die „fünfundzwanzig (!) relevanten“ Marx-Biografien habe er durchgearbeitet. Auf die umfangreiche Sekundärliteratur, die mit Leichtigkeit die Räume einer durchschnittlichen Bibliothek sprengen würde, habe er dagegen verzichtet: Sie hätte den unparteiischen Zugang zu Marx’ Gedanken getrübt – und wäre für einen Menschen alleine sowieso nicht zu überblicken gewesen.

Die Investition hat sich ausgezahlt, denn in seiner Biografie gelingt Neffe nicht nur die spannende Schilderung eines bewegten Lebens voller Widersprüche und eine verständliche, erfrischend unideologische Einführung in Marx’ Theorie, sondern vor allem eine Auswahl marxscher Gedanken, die noch heute relevant sind. Und die beschränkt sich eben nicht nur auf die Analyse der „ökonomischen Scheiße“, wie Marx seine nicht enden wollende Arbeit am „Kapital“ bezeichnete. Natürlich hat auch Neffe einen großen Teil seines Buches dem Hauptwerk gewidmet. Dabei hat sich sogar sein Humor Bahn gebrochen: Es ist Kapitel Nr. 23 des Buches, das nicht nur chronologisch, sondern auch thematisch geordnet ist und damit – der Doppelcharakter lässt grüßen – nicht nur als Biografie, sondern auch als Nachschlagewerk taugt: In den berühmten blauen Marx-Engels-Werken aus der DDR ist das Kapital nämlich Band Nr. 23 von 44 – Absicht, wie Neffe amüsiert auf die Nachfrage bestätigt, die ihm zuvor noch niemand gestellt habe.

Ein Beispiel für die marxsche Vielseitigkeit, die Neffe dokumentiert, ist die Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in der Marx den Staatsstreich Louis Napoleons (1808–1873, der andere Napoleon) analysiert. Neffe und sein Marx-Zitat aus dieser Schrift: „Die Muster der Macht, wie Marx sie im demokratischen Coup Napoleons III. erkennt, sind so zeitlos, dass sie sogar Donald Trumps Regierungsübernahme noch erstaunlich gut treffen: ,Von den widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt, zugleich wie eine Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich … gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu verrichten, bringt er die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet alles an … und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht.“

Doch wen würde Marx heute wählen? Mit einem Augenzwinkern in Richtung Veranstalter und Publikum meint Neffe, er müsse sie enttäuschen: Marx würde wahrscheinlich nicht die Linkspartei wählen – sondern, eventuell, gar nicht.


Der Autor

Der mehrfach ausgezeichnete Journalist Jürgen Neffe ist von Haus aus Naturwissenschaftler und hat nach einer Promotion in Biochemie – sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg – ein Zweitstudium in Philosophie und Politikwissenschaft absolviert.

Er hat bereits Biografien über Albert Einstein (2005) und Charles Darwin (2008) vorgelegt, auch die waren Beststeller – nach eigener Aussage fehle ihm jetzt nur noch ein großer Denker der Moderne: Sigmund Freud.

Marx Der Unvollendete von Juergen Neffe

Das Buch

Neffe, Jürgen (2017): Marx. Der Unvollendete. 656 Seiten, ISBN 978-3-570-10273-2, C. Bertelsmann, 28 Euro

Flimmerkiste: Neffe zu Besuch in „Druckfrisch“

https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/videos/juergen-neffe-karl-marx-video-100.html

Tilmann Ziegenhain

Tilmann Ziegenhain

Der leicht adipöse Mittdreißiger kann von vielem etwas, aber nichts richtig und hatte damit die besten Voraussetzungen, um irgendwas mit Medien zu machen. Wenn er nicht in Mannheim als Redakteur arbeitet, studiert er in Frankfurt, lebt in Darmstadt oder fällt in seinem Geburtsort Wiesbaden rum.
Hätte er mehr Zeit, würde er gerne Sütterlin und Blues Harp lernen – oder öfter die Rüsselspringer im Zoo besuchen. Weil er aber immer noch nicht das Zehnfingersystem beherrscht, hat er keine.
Eine der letzten ungeklärten Fragen unserer Zeit ist ihm zufolge, wie Vegetarier eigentlich zu fleischfressenden Pflanzen stehen.
Nachdem er heute zum ersten Mal in der dritten Person über sich geredet hat, fragt er sich außerdem, ob es nicht Zeit für einen Künstlernamen wäre.
Tilmann Ziegenhain

Letzte Artikel von Tilmann Ziegenhain (Alle anzeigen)

Hat Dir der Beitrag gefallen? Dann tritt unserem SUPPORTERS CLUB bei und unterstütze uns bei Patreon!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Ich stimme zu.

*