Melodien für Milliarden

Interview mit Berthold Seliger

Berthold_Seliger
Foto: Matthias_Reichelt

Wenn der Laden, die Halle, vielleicht sogar das Stadion ausverkauft ist, sollten sich Konzertveranstalter und Promoter freuen. Glaubt man Berthold Seliger, gilt das aber nur noch für Kulturschaffende der alten Schule. Die Vertreter der heute den Markt dominierenden internationalen Großkonzerne zögen aus einer ausverkauften Location einen ganz anderen Schluss: Die Tickets waren zu billig.

Es gibt gute Gründe, Seliger zu glauben. Sein neuestes Buch „Vom Imperiengeschäft“ ist nicht nur ein leidenschaftliches Plädoyer für kulturelle Selbstbestimmung jenseits kapitalistischer Verwertungszwänge, sondern auch eine Analyse mit solidem Fundament: Seit Ende der Achtzigerjahre selbst europaweit als Veranstalter von Konzerten und Tourneen tätig, zeichnet Seliger mit reichlich Zahlen, Daten und Fakten nach, wie wenige große Firmen Konzerte zu Events degradieren, bei denen es am Ende nur um eines geht: Das Publikum mit Raubrittermethoden auszunehmen, es von Tickets, über Getränke bis hin zu Merchandise über die sprichwörtliche Theke zu ziehen, wo immer es möglich ist.

Kein Interesse an kultureller Vielfalt

Die Lektüre des Buches macht deshalb nicht nur schlauer, sondern auch sauer. Doch weil Seliger auf die Erinnerung an die in der Musikbranche mitunter tatsächlich guten alten Zeiten zurückgreifen kann und seine Analyse mit Adorno und Marx im Gepäck in den größeren, neoliberalen gesellschaftlichen Zusammenhang stellt, lässt er den Leser mit seiner Wut auf das Konzert der Großkonzerne nicht allein und liefert konstruktive, konkrete Vorschläge, um die gefährliche Macht von Firmen wie „Live Nation“ oder „CTS Eventim“ zu brechen, die nur an Superstars, nicht aber an kultureller Vielfalt interessiert sind.

Gegen die Machenschaften der großen, marktbeherrschenden Ticketfirmen, die trotz geringem unternehmerischen Risiko absurde „Servicegebühren“ fordern – wie die vom Bundesgerichtshof 2018 in ihrer damaligen Form verbotene Gebühr für „Print at Home“, also das eigenständige Ausdrucken von Konzertkarten am eigenen PC –, helfe zum Beispiel neben einer Regulierung des Marktes auch die Gründung einer öffentlichen, nicht-kommerziellen Ticketplattform. Und als Maßnahme gegen die stetige Gentrifizierung fordert Seliger einen umfassenden „Kulturortschutz“, der die Existenz soziokultureller Zentren und Clubs analog zum Denkmalschutz dauerhaft sichert.

Vor allem aber gelte es, die prekären Arbeitsbedingungen in der Musik- und Kulturindustrie nicht als Lebensstil der Bohème zu verklären. Vielmehr sollten Kulturschaffende sich wieder als Arbeiter verstehen, sich organisieren und für ihre Rechte einstehen. Seligers Buch endet dann auch mit einem bekannten, leicht modifizierten Aufruf: „Musiker*innen aller Genres, organisiert euch!“

„Musik kann die Hoffnungslosen aufrichten“

Berthold Seliger über die Scheißigkeit der Verhältnisse und utopische Orte für eine unabhängige Kultur

Herr Seliger, Sie haben im „Imperiengeschäft“ einige konkrete Vorschläge formuliert, wie den Machenschaften der Großkonzerne im Konzertbereich Einhalt geboten und die prekäre Situation Kulturschaffender verbessert werden kann. Welche Chancen sehen Sie, dass diese Forderungen in der Politik gehört werden? Und, noch wichtiger, wie können wir als Konzertbesucher Einfluss nehmen? Vor allem, wenn wir ausnahmsweise doch mal Fans eines Superstars sind, den wir verdammt noch mal sehen wollen … Gibt es denn gar kein richtiges Live-Erlebnis im falschen?

Seliger: Das eigentliche Live-Erlebnis, also das Konzert selbst, ist ja weitgehend unabhängig von seinen Herstellungsbedingungen. Wer im Konzert ist, kann dieses ja durchaus unbefangen genießen – oder auch nicht –, solange er oder sie sich das Ticket leisten kann …

Ich glaube, es ist generell ein Denkfehler, wenn man politische Veränderungen auf eine private Verhaltensänderung oder Konsumentscheidung zu reduzieren versucht. Die Einzelnen können durch ihr Verhalten nur sehr wenig ändern – natürlich ist es unvernünftig, innerdeutsch zu fliegen, statt Bahn zu fahren, aber die Welt ändert sich nicht wirklich, wenn jemand auf diese Flüge verzichtet. Und so ist es auch bei den Konzertbesuchen – warum sollten Musikfans auf Konzerte verzichten, wo doch angesichts der Scheißigkeit der Verhältnisse der Trost, den Konzerte bieten können oder ein gewisser Eskapismus so dringend benötigt werden? Es kommt doch vielmehr darauf an, politisch andere Verhältnisse zu erreichen – wer an die Parteiendemokratie glaubt, kann versuchen, auf Politiker*innen und Parteien Einfluss zu nehmen, andere werden es eher außerparlamentarisch versuchen – klar ist, dass die Verhältnisse dringend der Veränderung bedürfen. Und ich mache konkrete Vorschläge für einige erste Schritte. Wir dürfen uns den Verhältnissen nicht kritik- und widerstandslos unterwerfen.

Ergebnis des neoliberalen Zeitgeists

Sie stellen ihre Analyse in den größeren gesellschaftlichen Zusammenhang eines neoliberalen Zeitgeists. Mal ehrlich, gibt es nicht dringendere Probleme als überteuerte Konzertkarten?

Seliger: Auf jeden Fall. Aber ich kann ehrlich gesagt auch nicht erkennen, dass ich in meinem Buch überteuerte Konzertkarten als das dringendste Problem der Welt beschreiben würde …

Natürlich gibt es die ganz großen Probleme – und jede Menge große und einige mittelgroße. Wichtig scheint mir, das Prinzip hinter all diesen Problemen zu erkennen – es ist letztlich unsere imperiale Lebensweise, die zum herrschenden Finanzkapitalismus unserer Tage gehört, die die meisten Probleme kreiert. Und egal ob Klima, Hunger, soziale Ungerechtigkeit oder der Skandal, dass „wir“ an Europas Grenzen, also im Mittelmeer, jedes Jahr tausende Migrant*innen ertrinken lassen – überall ist Engagement und „Weltverbesserungsleidenschaft“ notwendig, wie Fontane das genannt hat. Und jede und jeder muss entscheiden, was sie und er dazu beitragen kann, die Welt zu einem besseren Ort zu machen – da, wo man steht, wo man lebt, wo man arbeitet. Und ich habe mich unter anderem dafür entschieden, über die Musikwirtschaft und die Kulturindustrie aufzuklären.

Hans Eisler hat 1935 in Anlehnung an den chinesischen Philosophen Me-Ti – der übrigens ein politischer Flüchtling war und im Exil starb – geschrieben: „Wir können mit unserer Musik den Hungernden nicht Brot zum Leben, den Frierenden nicht Kohle für Wärme und den Obdachlosen nicht Wohnung zum Schlafen geben.“ Nein, Musik kann die Hungernden nicht speisen mit Gesang, Musik kann die Ertrinkenden im Mittelmeer nicht retten und auch nicht die Afroamerikaner in den USA vor den Polizeikugeln. Aber Musik kann die Hoffnungslosen aufrichten, sie kann die Müden zu Kämpfern machen. Musik teilt im Idealfall eine Haltung mit.

Hat sich Selbstverwaltung überholt?

Sie schreiben, dass sich das Profil von öffentlich geförderten soziokulturellen Zentren und privatwirtschaftlich geführten Konzertlocations stark angeglichen habe. In den soziokulturellen Zentren würden zunehmend große, international bekannte Stars auftreten, während sich beispielsweise für die von Ihnen betreute feministische Rapperin Rebeca Lane aus Guatemala mehr „kommerzielle“ Veranstalter interessiert hätten. Hat sich das Prinzip Selbstverwaltung also vielleicht doch überholt?

Seliger: Na ja, die großen internationalen Stars treten in aller Regel auch nicht in den soziokulturellen Zentren auf. Was aber zu beobachten ist: Viele soziokulturelle Zentren, die einst Trägerinnen einer oppositionellen, nicht selten auch subversiven Kultur waren, sind mittlerweile Teil einer systemtreuen Kultur, sind Abspielstationen für marktgängige Konzerte und Events geworden. Brecht spricht von den „Mühen der Ebene“, zu denen auch das Problem der Anpassung gehört, und Marx hat das ganz wunderbar im Brumaire beschrieben, dass der Phase des Aufbruchs die Ernüchterung, der „lange Katzenjammer“ folgt. Die Rebellen, die die unabhängigen Kulturzentren erkämpft haben, müssen plötzlich Nutzungskonzepte und Wirtschaftspläne schreiben. Das ist wahrscheinlich der Lauf der Dinge in bürgerlichen Rebellionen oder Revolutionen, zumal Staat und Kulturindustrie sich in Windeseile aller unabhängigen kreativen Initiativen bemächtigen.

Ich glaube allerdings nicht, dass sich deswegen das Prinzip der Selbstverwaltung, das ich eher als ein Prinzip der Unabhängigkeit und der kulturellen Subversion bezeichnen möchte, überholt hat. Gerade in der heutigen Zeit, da multinational arbeitende Konzerne das kulturelle Geschehen so sehr beeinflussen und kontrollieren, wie wir es noch nie in der Menschheitsgeschichte erlebt haben, in Zeiten, da die Kapitalorganisatoren wie Private-Equity-Konzerne und Hedgefonds allüberall Festivals und Konzertagenturen aufkaufen und Großkonzerne die Entdemokratisierung des öffentlichen Raums organisieren, gerade da ist der Gedanke der unabhängigen Kulturzentren und Clubs extrem wertvoll und wichtig. Dem kapitalistischen Realismus unserer Tage geht es um die Durchdringung aller Lebensbereiche und aller sozialen und kulturellen Beziehungen. Dem müssen wir uns mit aller Kraft entgegenstemmen. Und unabhängige Clubs und Kulturzentren sind immer noch Orte des Widerstands gegen die herrschende Kultur. Die Idee der Selbstverwaltung ist in Zeiten der allgegenwärtigen Imperiengeschäfte also so aktuell wie nie zuvor. Wir benötigen allerdings dringend wieder den früheren kämpferischen Geist und die immense Kampfkraft dieser unabhängigen Kulturorte, damit sie wieder utopische Orte für eine unabhängige Kultur werden.


Der Autor

Berthold Seliger (* 1960) gründete in Fulda 1988 seine Konzertagentur, die seit 2014 als „Büro für Musik, Texte & Strategien“ firmiert. Er organisierte oder organisiert deutschland- und europaweit Tourneen für Musiker und Bands wie The Walkabouts, Tortoise, Calexico, Lambchop, Lou Reed oder Patti Smith.

Neben seiner Tätigkeit als Konzertagent publiziert Seliger regelmäßig in renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie Konkret, FAZ, Junge Welt oder Neues Deutschland.

Nach „Das Geschäft mit der Musik“, „I Have A Stream“ und „Klassikkampf“ ist „Vom Imperiengeschäft“ sein viertes Sachbuch.

Seliger lebt und arbeitet in Berlin.


Berthold Seliger - Vom Imperiengeschäft

Das Buch

Seliger, Berthold (2019): Vom Imperiengeschäft. Konzerte – Festivals – Soziales. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören. 344 Seiten, Edition Tiamat, ISBN 978-3-89320-241-6, 20 Euro

Tilmann Ziegenhain

Der leicht adipöse Mittdreißiger kann von vielem etwas, aber nichts richtig und hatte damit die besten Voraussetzungen, um irgendwas mit Medien zu machen. Wenn er nicht in Mannheim als Redakteur arbeitet, studiert er in Frankfurt, lebt in Darmstadt oder fällt in seinem Geburtsort Wiesbaden rum.
Hätte er mehr Zeit, würde er gerne Sütterlin und Blues Harp lernen – oder öfter die Rüsselspringer im Zoo besuchen. Weil er aber immer noch nicht das Zehnfingersystem beherrscht, hat er keine.
Eine der letzten ungeklärten Fragen unserer Zeit ist ihm zufolge, wie Vegetarier eigentlich zu fleischfressenden Pflanzen stehen.
Nachdem er heute zum ersten Mal in der dritten Person über sich geredet hat, fragt er sich außerdem, ob es nicht Zeit für einen Künstlernamen wäre.
Tilmann Ziegenhain

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