Notgemeinschaft Peter Pan – Glaube, Vertrauen und Feenstaub

Hamburgs Nimmerland-Punks

Weil mir das Vorgängeralbum Dirigenten. Dompteure. Diktatoren der Hamburger Notgemeinschaft Peter Pan schon so gut gefiel, wollte ich deren neues, viertes Album auch besprechen. Das wiederum hat mich so sehr überzeugt, dass ich es nicht bei einem Review belassen wollte, sondern ein ausführlicheres Gespräch für den richtigen Rahmen hielt. Da wir das per Email geführt haben, die Jungs ähnlich fix unterwegs sind wie ich leider in den letzten Jahren und sie dann auch noch auf Tour gingen, hat es etwas gedauert – aber das weiß ja eigentlich keiner. Dem Inhalt schadete es aber nicht geschadet und das ist es ja worum es geht. Die Notgemeinschaft Peter Pan über Länder jenseits von Nimmerland und wieso wir doofen Hamburg-Touris (fast richtig) nerven.

Wieso jetzt das „s/t-Album“? Habt ihr eure innere Mitte gefunden?

Stemmen: Ha ha. Nee, es waren tatsächlich einige Albumtitel und Layoutideen im Gespräch, aber kurz vor der Deadline sind wir dann kurzerhand doch wieder zur eigentlichen Ursprungsidee zurückgekehrt. Diese Platte stellt ja schon so einen gewissen „Neuanfang“ dar, weil es unser erstes Album zu dritt ist und wir auch erstmals alle Texte dazu beigetragen haben. Und so sieht das „erste Demo“ einer Band doch meistens aus: vorne drauf ist nur das neue Logo und auf der Rückseite stehen die Songs. Du musst dir vorstellen, dass wir als Dreierkollektiv in den letzten dreieinhalb Jahren bereits mehr rumgekommen sind, als in den sechs Jahren zuvor mit Sibbe, der bis dahin den Hauptanteil der Texte verfasst hat. Und das obwohl wir 2017 erst kaum Konzerte gespielt haben, sondern an neuen Songs gebastelt wurde. Wir waren jetzt so viel mit der letzten DDD-Platte unterwegs, es wurde irgendwann echt komisch den Käufer_innen jedes Mal wieder zu sagen, dass da jetzt aber noch wer anderes drauf singt. Nach seinem Ausstieg haben wir uns in neuer Konstellation zusammengerauft und dabei schnell gemerkt, dass das echt flutscht. Und diese Platte repräsentiert die Notgemeinschaft nun vollends. Da stehen jetzt drei Lost Boys nebeneinander auf der Bühne und niemand mehr alleine ganz vorne. Hm … okay, irgendwie hast du vielleicht doch recht mit dieser hippiesken Scheißfrage, ha ha ha …

Mario: Im letzten Jahr haben wir uns so intensiv mit den neuen Stücken beschäftigt, sind auch zum Musik machen mal gemeinsam ein paar Tage an die Nordsee gefahren, haben unter Kirschbäumen, umgeben von Blumen und Wiesen Texte geschrieben, uns im Wattenmeer gebadet, gemeinsam die hellen Sterne fernab von Großstadtlichtern bestaunt und Demos aufgenommen. Dort haben wir alle unsere innere Mitte zumindest gespürt, wenn nicht sogar gefunden. *grins*

Stop jetzt, ich bekomme Angst. Im Bezug auf den „PROtestsong“, wie findet ihr die aktuellen Alben von The Baboon Show und Feine Sahne Fischfilet? Meiner Meinung nach sind die ziemlich „pro-life“, wenn man es so nennen kann.

Stemmen: Zumindest in die neue FSF habe ich reingehört und da schwingt schon ein positiver Grundtenor mit. Ist aber zugegeben beides leider nicht sooo meine Mucke, von daher darf Mario das gerne inhaltlich sezieren. Und davon ab bin ich auch eher „pro-choice“ eingestellt … *zwinker*

Mario: Mit dem Album der Baboon Show hab ich mich jetzt nicht so sehr befasst. Mit dem von Feine Sahne Fischfilet schon eher. Ich finde es aber schwierig unseren kurzen Albumeinsteiger jetzt auf die „Sturm und Dreck“ Platte zu beziehen. Die Parallele liegt vielleicht grundsätzlich darin, nicht stumpf runterzurattern was alles scheiße ist, sondern zu schauen worauf mensch aufbauen kann. So beziehen sich FSF in ihrem ganzen Handeln ja auch viel auf ihre Heimat und dem was dort “noch nicht komplett Arsch” ist und heben die “geilen Leude” hervor, starten selber viele Aktionen in Mecklenburg-Vorpommern und erfreuen sich nach dem Motto “wenn wir sehen, dass ihr kotzt, geht es uns gut”, wie sich die ganzen Arschlöcher über den Erfolg ärgern. Und so picken wir uns in dem „PROtestsong“ ja auch nur ein paar positive, tagespolitische Themen heraus, denen vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und reale Dringlichkeit ganz gut täten, um manchen Menschen in ihren Lebenssituation umgehend zu helfen und sie unterstützen könnten.

Was glaubt ihr, an welchem Punkt Menschen verlernen frei zu sein, um sich Zwängen zu unterwerfen, die man als Peter Pan nicht versteht?

Mario: Ich glaube es gibt nicht DEN Punkt, das wird eine Aneinanderreihung von vielen Punkten sein. Ich weiß nicht, ob das schon damit anfängt, dass ich den Teller leer essen muss, damit ich auch noch einen Schokopudding bekomme und die Sonne morgen scheint. Aber auf jeden Fall, sobald du auf gesellschaftliche Strukturen triffst, wo gewisse Dinge erfüllt werden müssen, um anerkannt zu werden. In meiner Schule haben früher fast alle diese Fishbone-Pullover und übertrieben breite Hosen getragen. Viele aber auch nur, weil das anscheinend verlangt wurde, um dazu zu gehören. Ich hatte zum Glück das Selbstbewusstsein zu sagen, wie albern ich den aktuell angesagten Style fand. Und so zieht sich das ja durch das ganze Leben. Mein Haus, mein Auto, mein Boot – warum musst du versuchen, da mitzuhalten? Das versteht Peter nicht.

Wie schafft man es unbeschwert durch’s Leben zu gehen?

Stemmen: Tschuldi, aber mir fällt spontan leider kein Kalenderspruch ein…

Mario: Puh… da muss sich jede_r eigene Utopien ausmalen. Aber als Denkanstoß kann mensch sich unsere Collage in der Erstauflage der Platte anschauen, die sich aus 16 Postkarten zusammenlegen lassen.

Okay, dann anders: Ihr seid für mich die Peters. Geht ihr unbeschwert durchs Leben? Wann seid ihr die Peter Pans und wann die Harry Hallers? Und hättet ihr nicht auch Notgemeinschaft Harry Haller heißen können?

Stemmen: Meinst du die Romanfigur Harry Haller? Da kann ich grad ehrlich gesagt nicht so viel mit anfangen. Aber unser viel zu langer Bandname passt auch schon ziemlich gut zu uns. Der bezieht sich ja in doppelter Hinsicht darauf möglichst jung und kämpferisch zu bleiben, egal in welchem Alter. Die Bezeichnung Notgemeinschaft ist eine Anspielung auf die so genannte Bäuerliche Notgemeinschaft im Wendland. Das ist so ein loser Zusammenschluss von Landwirten, die sich zwar nicht mehr körperlich an den Anti-Castor-Protesten beteiligen, aber bis ins hohe Alter z.B. mit ihren Traktoren immer noch Wege blockieren. Doch grundsätzlich denke ich dass es sich wohl am unbeschwertesten leben lässt, wenn du mit dir, deinem Tun und Lassen zumindest grob im Reinen bist. Und ich bin da eigentlich ganz glücklich.

Okay, da gehe ich mit. Dann bitte ich nun um einen begründeten Reisetipp. Aber jetzt nicht hier Nimmerland, Takatukaland oder so was in der Art. Bzw. falls doch, was sind eben solche Synonyme für euch?

Mario: Costa Rica. Ich greife der übernächsten Frage mal vor und beantworte alles in dieser. Zum einen wurde meine Freundin Inga in Costa Rica geboren, hat dort aber nur ein paar Monate gelebt und wollte schon immer ihr Geburtsland genauer kennen lernen. Zum anderen ist Costa Rica das Land in Mittelamerika, das den größten Wert auf den Erhalt der Flora und Fauna legt. Befasst du dich ein bisschen mit dem Land, welches gerade mal die Größe von Niedersachsen hat, ist es unfassbar was für ein Abwechslungsreichtum auf einer so kleinen Fläche herrscht. Von Wüstenlandschaft bis Regenwald, über Vulkanlandschaften, Hochgebirge und pazifische, sowie atlantische Ozeanküste. Egal wo du bist, du siehst immer und überall interessante Tiere. Überall raschelt es in den Büschen und Bäumen und du siehst sämtliche Affenarten, unzählige Vogelarten, Reptilien oder Insekten. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, unter den Palmen an einem menschenleeren Strand am Ozean zu liegen, während um einen herum die Einsiedlerkrebse krabbeln, sich daneben auf einem alten Baumstamm ein zwei Meter langer Leguan sonnt und hinter dir eine ganze Horde Kapuzineräffchen rumturnt. Oder als wir uns recht erwartungslos ein Kajak mieteten und einen unspektakulär aussehenden Bach hochpaddelten und unterwegs unzähligen Schildkröten begegnet sind, kleinen Krokodilen, sowie Tukanen und Faultieren. Ein wahnsinnig schönes Land, mit wahnsinnig netten Einwohnern (Ticos/Ticas), wo wir auf jeden Fall noch einmal hin müssen, da uns drei Wochen lange nicht gereicht haben und wir den Rest unbedingt auch noch erkunden wollen.

Stemmen: Also ich hatte irgendwie noch nie so richtig großes Fernweh und das Bedürfnis die ganze Welt zu bereisen. Meine CO²-Bilanz ist jedenfalls sehr, sehr anständig. Inzwischen bin ich aber natürlich auch froh, dass ich mit meinen Bands viele echt nette Ecken sehen durfte. Oder so wunderschöne Städte wie zum Beispiel Graz. Das liegt aber auch vor allem eher an den Menschen, die wir dort kennen gelernt haben. Deshalb fahre ich beispielsweise auch immer wieder sehr gerne nach Leipzig-Connewitz.

Gibt es No-Go-Länder?

Mario: Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, warum Menschen an Orten Urlaub machen, wo du am Eingang ein All-Inclusive Bändchen bekommst und dann mehr oder weniger in einem eingezäunten Hotel Urlaub machst und nicht auf eigene Faust die Gegend erkunden kannst, weil es zu gefährlich ist. Sowieso finde ich sehr vermessen und geschmacklos sich in Krisengebieten wie King Kartoffel aufzuführen.

Wer war wo als letztes im Urlaub und warum ausgerechnet dort?

Stemmen: Ich bin mit meiner Liebsten im August tatsächlich für fünf Tage nach Marseille gefahren, weil es eine der mitteleuropäischen Hochburgen von Graffiti, Pizza und Ultrakultur ist. Ach, das wären nachträglich übrigens auch noch Dinge, die für mich zu einem unbeschwerten Leben dazu gehören.

Mario: Anfang 2018 halt in Costa Rica wie erwähnt. 2017 sind Inga und ich die spanische Ostküste runtergereist, nachdem wir mit der Notgemeinschaft in Barcelona gespielt hatten. Ansonsten ist La Gomera übrigens auch ein schönes Ziel, wo der Tourismus noch nicht so weit vorgedrungen ist.

Wieso würdet ihr in Hamburg Urlaub machen?

Stemmen: Bocky, du wirst von uns jetzt garantiert kein einziges positives Feedback bekommen, was auch nur ansatzweise dem Tourismus hier in der Stadt zugute kommen könnte!

Mario: Um Konzerte zu besuchen ist Hamburg aber schon ein sehr gutes Reiseziel.

Siehste Stemmen, geht doch! Ich habe jetzt auch eher so eure privaten Vorlieben gemeint. Weil so gruselig kann Hamburg ja nicht sein, sonst würdet ihr dort ja nicht wohnen. Egal, was sind die konkreten Folgen von G20?

Mario: Noch mehr Leute, die in Hamburg Urlaub machen, um im Gefahrengebiet ein Selfie zu schießen… *grins*. Außerdem wird Hamburg sicher nicht noch einmal als Austragungsort gewählt. Darüber hinaus erfahren linke Aktivist_innen pauschal nochmal weniger Akzeptanz in der Öffentlichkeit, genauso wie linke Freiräume.

Stemmen: Ganz ehrlich? Es ist inzwischen echt anstrengend geworden als Hamburger Band überall darauf angesprochen zu werden, um ein kurzes, persönliches Fazit abzugeben. Wir können diese Fragen selbstverständlich nur zu gut verstehen, weil sie ja auf der Hand liegen. Aber allein dieses Gipfeltreffen in unserer Stadt hatte so viele unterschiedliche Facetten, die es dafür zu beleuchten gäbe, das lässt sich nicht so einfach nebenbei innerhalb eines Interviews beantworten. Es drehte sich beim G20-Gipfel 2017 ja bei weitem nicht nur um diesen zelebrierten Großevent an den paar Tagen Anfang Juli. Schon mit Bekanntgabe der Messe Hamburg als Austragungsort Anfang 2016, also bereits weit im Vorfeld, wurden die sich formierenden Protestbewegungen seitens Politik und einiger Medien kriminalisiert. Es folgten stetig mehr Einschüchterungsversuche, wie beispielsweise unzählige Durchsuchungen von Wohnprojekten hier und anderswo, umfassende digitale Überwachung und ähnliches. In der konkreten Vorbereitung von Protesten waren Aktivist_innen ungezügelter Polizeiwillkür ausgesetzt. Die Bullen setzten sich mit ihren illegalen Räumungen von Camps sogar mehrfach über Justizurteile hinweg. Und anschließend bekamen wir das komplette Repertoire modernster Kampfausrüstung zu spüren und in Form von tagelangem, ununterbrochenem Hubschrauberlärm sogar zu hören. Als Gipfel des Ganzen stellte dann sicherlich der völlig maßlose Einsatz des SEK am Pferdemarkt dar. Also die Parallelen zum so genannten „Polizeistaat“ sind da aus unserer Sicht nicht wirklich weit hergeholt gewesen. Und das in Bayern bereits jetzt willkürlich angewendete neue Polizeiaufgabengesetz gibt die Ausrichtung der deutschen Polizei für die Zukunft ganz klar vor. Dass dieses Papiers so durchgesetzt werden konnte ist sicherlich eine der konkreten Folgen des G20-Gipfels in Hamburg. Auf der anderen Seite fühlten wir während der Proteste und im Anschluss daran aber auch eine unglaublich starke Solidarität und ein grenzenloses Miteinander. Es gab ja großartige Erfolgsmomente und die Bestätigung das neue Protestformen tatsächlich funktionieren. Solche Dinge haben mir auch derbe Mut gemacht und vielen von uns in manchem Moment ein unbändiges Selbstvertrauen beschert. Wie gesagt, das ganze Thema ist so unbeschreiblich Facettenreich. Eine wirklich umfassende Auswertung des 2017er Gipfels hat unter anderem der Ermittlungsausschuss HH in einer kostenlosen Broschüre zusammengefasst. Die hatten wir im Herbst auch mit auf Tour. Also wenn sich wer etwas tiefer mit all dem auseinander setzen möchte, dann lest „Dissenz no G20“, die inzwischen wohl jeder gute Infoladen im Sortiment hat. Wie wir finden ebenfalls sehr empfehlenswert sind zudem die Dokumentationen „Hamburger Gitter“, oder „Festival der Demokratie“, welche unser RilRec-Labelchef Lars* zusammen mit einer Freundin gedreht hat. Wir sind hier vor allem einfach nur froh dass diese Wochen und Monate vorbei sind. Auch wenn allein die juristischen Kämpfe viele Genoss_innen sicherlich leider noch Jahre beschäftigen werden.

Klar ist das nicht in nur einer Antwort komplett aufarbeitbar. Doch kann man sich aufgrund eurer Ausführungen zumindest halbwegs ein grobes Bild machen. Nun weiter. Schon wieder ein politisches Album. Wieso denn das?

Mario: Weil wir Punk machen und Punk immer politisch war, ist und sein muss! Wobei ja aber auch die eine oder andere Nummer dabei ist, die sich um persönliche Geschichten dreht, wie “Unter der Dusche sieht dich niemand weinen”, der sich mit dem Umgang mit von Depression betroffenen Menschen auseinandersetzt, oder “Riesenrädchen (Monster Schlussakkord)”, der diese kummervolle „Monster“ Liebesgeschichte vom letzten Album abschließt.

Stemmen: Na es ist doch so, dass die besten Punksongs traditionell immer dann entstanden sind, wenn es die größten gesellschaftlichen Probleme gab, oder? Weil Punk sich ja vor allem mit negativen Entwicklungen auseinandersetzt und als Ventil für Wut und Ablehnung genutzt wird und so… mensch Bocky! *grins*

Tschuldigung, ich bin halt nicht so ganz schlau – möp.

Jetzt ist der Rechtsruck auch endlich in Schland in der Öffentlichkeit angekommen. Warum der so spät kam, ist klar. Aber wie konnte das überhaupt passieren?

Stemmen: Das wollte ich damit auch gar nicht sagen. Aber was meinst du denn mit „ist klar dass der ‚so spät’ kam“?

Mario: Weil zu viele Menschen dumm sind!

Naja Stemmen, mir kommt es zumindest so vor, als ob der sich in der Öffentlichkeit abspielende Rechtsruck halt aufgrund der Geschichte Schlands etwas später dran war, als in den Ländern ringsum. Und wieso es eben überhaupt so weit kommen kann, dass Menschen nach rechts abdriften. Mario, du hast das etwas arg verkürzt dargestellt. Wollt ihr beiden das eventuell noch etwas ausführlicher darstellen?

Mario: Während es in anderen umliegenden europäischen Ländern schon immer zum guten Ton gehörte, sich zum Heimatland zu bekennen und stolz darauf zu sein, einer Nationalität anzugehören, war das durch die deutsche Geschichte bis vor ein paar Jahren eher ein Tabuthema. Zumindest in der so genannten bürgerlichen Mitte. Dann kam das „Sommermärchen 2006“, bei dem verstärkt Patriotismus wieder öffentlich ausgelebt wurde. Es gab Kampagnen zur Identifikation mit Deutschland und so steigerte sich mit der Zeit dieses „Wir sind wieder wer“-Gefühl. Wenn auf dieses Gefühl dann eine angebliche „Invasion von Fremden“ trifft, die „unser Land besetzen wollen“ und diese Angst dann auch noch in den sozialen Medien geschürt wird, in denen sich die Menschen mittlerweile zum großen Teil mit den Informationen versorgen, die sie für ihre Wahrheit brauchen, und diese Ängste von der AFD/Pegida etc. für ihre Zwecke instrumentalisiert werden, läuft ein großer Teil der Deutschen erstmal denen hinterher, die das genauso sehen, ihre Ängste anscheinend verstanden haben und ihnen nehmen wollen. Es werden sehr einfache Lösungen für sehr komplexe Probleme geboten. Da greift Otto Normalverbraucher doch gerne zu.

Stemmen: Hm… also ich denke die deutsche Geschichte ist da wohl nur ein kleinerer Fakt zwischen zig weitreichenderen Gründen. Vielleicht schon eher der vergleichsweise immer noch höhere Wohlstand in der Bundesrepublik. Dass sich reaktionäre Denkweisen und Nationalismus inzwischen überall in Europa etabliert haben, hat natürlich auch mit diesen teils sehr kruden Verlust- und Existenzängste zu tun. Da könnten wir jetzt aber genauso gut zurück gehen bis zum Beginn der Neunziger Jahre, als die Europäische Wirtschaft- und Währungsunion beschlossen wurde, um vor allem einen geballten Wirtschaftsraum mit einer eigenen, starken Währung zu schaffen. Schon vor 10, 15 Jahren haben sich beispielsweise Landwirte massiv beschwert, dass „diese Bürokraten da in Brüssel“ ihnen immer mehr generalisierende Vorschriften, oder strengere Umweltauflagen etc. aufzwängen würden. Die bekamen plötzlich Angst, dass sie dadurch an Konkurrenzfähigkeit einbüßen würden. Auch solche Entwicklungen haben unbewusst leider nationales Bewusstsein gestärkt. Europafeindliche und in Teilen klar rechtsextreme Parteien und Bewegungen wie der Front National, die AFD, UKIP, die ungarische Fidesz u.a. haben dieses Klima in den letzten Jahren für ihre Zwecke nutzen können. Also ganz einfach gesagt ist das Grundproblem wie so oft der Kapitalismus. Aber kurz und bündig in ein paar Sätzen kann das wahrscheinlich niemand mal eben auf den Punkt bringen. Jedenfalls fühle ich mich dazu grad nicht in der Lage. Da müssten wir ja schon beinahe wissenschaftlich rangehen.

Zum Schluss: Was macht wieso manchmal ohnmächtig?

Mario: Zu viel Dummheit von viel zu vielen Menschen. Das ist alles so anstrengend.

Stemmen: Ha ha! Ey das ist doch ein schönes Schlusswort, oder? Lieber Bocky, vielen Dank für dein bzw. euer Interesse und die Möglichkeit hier ein bisschen zu schnacken! Grüß du uns bitte mal den Falk ganz lieb, ja? Von dem haben wir schon ewig nix mehr gehört …


Info:

Band: Homepage, Facebook, Bandcamp

Labels: Kidnap, Ril Rec, Riot Bike

Bocky

Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky
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