Ska im Transit

Ost-west-deutsche Ska-Geschichte(n)

In Ska im Transit erzählen Musiker und Szenekenner, wie der Ska nach Deutschland kam

Emma Steel und Matt Ska heißen im echten Leben natürlich anders. Hinter dem leicht abgewandelten Namen der bekannten, fiktiven britischen Amateuragentin Emma Peel (Mit Schirm, Charme und Melone) verbirgt sich eine junggebliebene Achtundfünfzigjährige, die viele Jahre lang an einschlägigen Fanzines mitgearbeitet hat: Zunächst beim Skintonic, nach der Wiedervereinigung dann beim Oi!Reka und schließlich beim Skin Up, das aus der Fusion der ersten beiden entstanden war. Während Emma Steel ihren bürgerlichen Namen nicht veröffentlichen will, darf die Identität von Matt Ska gern gelüftet werden: Hinter dem Pseudonym verbirgt sich kein Geringerer als Matthias „Matzge“ Bröckel, der 1989 mit Pork Pie eines der beiden wichtigsten deutschen Ska-Labels in Berlin gegründet hat.

Die beiden Autoren auf der Rückfahrt vom „Skanking Around The Xmas Tree“: Matt Steel ist kein Geringerer als Matthias „Matzge“ Bröckel, der 1989 mit „Pork Pie“ eines der beiden wichtigsten deutschen Ska-Labels gegründet hat. Emma Steel wiederum hat viele Jahre für die bekannten Fanzines „Skintonic“, „Oi!Reka“ und „Skin Up“ gearbeitet (Foto: Leroy)

Wer könnte besser geeignet sein, ein Buch über die Entwicklung des Offbeats in Ost und West zu schreiben, als diese beiden, die sich mittlerweile seit Jahrzehnten in der Ska- und Skinheadszene bewegen und sie maßgeblich mit geprägt haben? Eben – und trotzdem haben sie es nicht getan, denn Ska im Transit besteht nach zwei denkbar kurzen Kapitelchen zur Idee hinter dem Projekt und zur Geschichte des Ska im Allgemeinen ausschließlich aus Interviews, die sie mit anderen Protagonisten geführt haben. Allen ihren Gesprächspartnern haben sie dieselben Fragen gestellt, sodass am Ende in der Tat so etwas wie ein Stückchen Oral History herausgekommen ist. Mit dieser dokumentarischen Arbeit haben sich Emma und Matzge zwar erneut um die Szene verdient gemacht, allerdings ist „Ska im Transit“ kein Buch, das man von Anfang bis Ende liest: Über zwei Dutzend Interviews mit Musikern, DJs, Label- und Festivalmachern haben dann eben doch ihre Längen. Nicht nur, weil die meisten von ihnen aus derselben Generation stammen und deswegen viele Erfahrungen und Einschätzungen teilen, sondern auch, weil manch alkoholgetränkte Anekdote aus dem Backstage eben nur dann lustig ist, wenn man sie selbst erlebt hat – oder zumindest aus erster Hand erzählt bekommt.

Dennoch: Anders als durch die subjektiven kleinen Geschichten einzelner Szenevertreter hätte man das „objektive“ große Ganze nicht einfangen können. Die Jüngeren, die erfahren wollen, wer die Ska-Szene in Deutschland aufgebaut hat, müssen dieses liebevoll gestaltete und mit vielen seltenen Fotos gespickte Buch also genauso haben wie die Älteren, die mal wieder was von den Helden ihrer Jugend lesen wollen – denn es sind wirklich alle bekannten Namen dabei.

Steel, Emma/Ska, Matt (2018): Ska im Transit.

160 Seiten

ISBN 978-3980400909

Edition NoName

24,90 Euro

Tilmann Ziegenhain

Der leicht adipöse Mittdreißiger kann von vielem etwas, aber nichts richtig und hatte damit die besten Voraussetzungen, um irgendwas mit Medien zu machen. Wenn er nicht in Mannheim als Redakteur arbeitet, studiert er in Frankfurt, lebt in Darmstadt oder fällt in seinem Geburtsort Wiesbaden rum.
Hätte er mehr Zeit, würde er gerne Sütterlin und Blues Harp lernen – oder öfter die Rüsselspringer im Zoo besuchen. Weil er aber immer noch nicht das Zehnfingersystem beherrscht, hat er keine.
Eine der letzten ungeklärten Fragen unserer Zeit ist ihm zufolge, wie Vegetarier eigentlich zu fleischfressenden Pflanzen stehen.
Nachdem er heute zum ersten Mal in der dritten Person über sich geredet hat, fragt er sich außerdem, ob es nicht Zeit für einen Künstlernamen wäre.
Tilmann Ziegenhain

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