Spermbirds – The Punks Aren’t In K-Town Anymore

Unten bitte links abbiegen

In knapp zwei Wochen erscheint am 13. September mit Go To Hell, Then Turn Left das neue Album von den Spermbirds. Da ich aus der selben Region wie sie stamme, begleitet mich die deutsche HC-Ikone seit irgendwann Ende der Achtziger. Ihr Debüt Something To Prove kenne ich von dem großen Bruder meines damals besten Freundes. Wann ich sie das erste Mal live gesehen habe, kann ich allerdings nicht sagen.

An ihr Abschiedskonzert 1995 kann ich mich aber noch recht gut erinnern. Ziemlich heftig wie der Lee Hollis Nachfolger Ken Haus vom Publikum bespuckt wurde.

Circa zehn Jahre später sah ich sie dann wieder im JUZ Mannheim und war völlig aus dem Häuschen. Diesmal nicht auf einer riesigen Bühne vor über 1.500 Besuchern, sondern in einem eher sehr szenigen Umfeld.

2011 bekam ich dann sogar selbst die Gelegenheit diese mir seit über zwei Jahrzehnten ans Herz gewachsene Truppe selbst mit Freunden zu veranstalten. Irgendwie war das schon ganz schön cool. Also als Kiddie ne Band zu hören, die wohl richtig wilde HC-Punks sind und dann über zwanzig Jahre später für die ein Konzert zu organisieren, sie kennenzulernen und sich sozusagen auf Augenhöhe zu unterhalten.

Aber genug aus der Vergangenheit geredet. Die gehört zwar immer dazu und ist auch wichtig, doch wichtiger ist das Hier und Jetzt. Vorhang auf für das Emailinterview mit Schalgzeuger Beppo und danke an ihn, dass er sich die Zeit genommen hat.

No Punks in K-Town. Ihr wohnt alle schon lange nicht mehr dort. Habt ihr noch Kontakte oder Beziehungen in die Stadt, gibt es dort noch oder sogar wieder Punks? Was verbindet ihr mit dieser Großstadt mitten im Pfälzer Wald?

Kaiserslautern ist unsere Heimat, das merke ich immer wieder, wenn ich mich in Köln in einer Kneipe mit Exil-Pfälzern zum Fußball gucken treffe und wir alle pfälzisch reden. Ich merke das auch, wenn ich mal zu Besuch in Lautern bin: Obwohl ich inzwischen schon mehr als 20 Jahre in Köln lebe (wo ich übrigens geboren bin), habe ich in KL das Gefühl, zu Hause zu sein. Und natürlich gibt es neben meinen Eltern im Raum Kaiserslautern noch etliche Menschen, die ich schon lange kenne. Markus geht es ähnlich, auch Lee dürfte mit KL gewisse Heimatgefühle verbinden. Bei Roger ist es, glaube ich, etwas anders, der braucht Lautern nicht mehr, hat er mir mal erzählt.

Spermbirds und die Walter Elf kann man irgendwie ja schon ein einem Atemzug nennen und so komme ich auf den 1. FCK. Ich habe den Verein in den Neunzigern aus den Augen verloren. Wie ist das mit euch, verfolgt jemand von euch noch den FCK und schaut sich hin und wieder irgendwo ein Spiel live im Stadion an?

Siehe die Frage oben: Als der FCK noch Zweitligist war, habe ich die Spiele oft in einer Kneipe mit anderen Pfälzern aus dem Kölner Raum gesehen. Inzwischen sind wir nur noch Drittligist, und die Spiele werden im Free-TV nicht mehr übertragen, da ist es schon schwerer. Zum Heimspiel gegen Ingolstadt war ich kürzlich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf dem Betzenberg im Stadion: War sehr schön, zumal Lautern auch gut gespielt hat. Hat leider nur für ein 0:0 gereicht. Alle Spermbirds sind Lautern-Fans, selbst Lee sympathisiert. Nur Steve nicht, aber der hat als Engländer ja keine Pfälzer Sozialisation.

Spermbirds 2019
Spermbirds heute, von links: Lee, Beppo, Roger, Markus, Steve (Photocredit: Johanna Kuby)

Die Band gibt es mit kurzen Unterbrechungen nun seit über 36 Jahren. Wie ist das, was bedeutet einem so etwas? Wie fühlt es sich an mit dem Gedanken zu spielen, die Band (für immer) aufzulösen?

Dieses „Alte Freunde“-Ding ist schon ein wesentlicher Bestandteil der Band-DNA. Wenn wir unterwegs sind – was wegen Familie und Jobs längst nicht mehr so oft der Fall ist wie früher – dann ist da schon eine große Vertrautheit. Die lange gemeinsame Vergangenheit, das zusammen Erlebte schweißt einen schon irgendwie zusammen. Auch wenn jeder sicher auch das Eine oder Andere hat, was den Anderen nervt. Aber diese Macken kennt man schon seit Jahrzehnten und hat gelernt, damit umzugehen. Uns wird mit zunehmendem Alter aber auch immer stärker bewusst, dass wir das nicht ewig werden machen können. Wir genießen es deshalb um so mehr. Ich werde es nach einem Ende aber sehr vermissen, meine musikalischen Ideen nicht mehr mit der Band verwirklichen zu können. Sie blieben dann nur eben nur Ideen. An den Gedanken kann ich mich schlecht gewöhnen.

Rookie-Bengel Jürgen behauptet im Promoanschreiben, dass das neue Album vielleicht euer letztes ist. Woher nimmt er die Weisheit/Frechheit?

Na ja, es hat neun Jahre gedauert, diese Platte zu machen – manche Songs auf der Platte sind wirklich 2010 im Proberaum entstanden. Bei solchen zeitlichen Abständen und in Anbetracht unseres Alters muss man immer damit rechnen, das es möglicherweise die Letzte war. Kann aber auch genau so gut sein, dass wir in drei Jahren wieder eine raushauen. Wir haben jedenfalls nie gesagt, dass „Go to hell …“ unsere Letzte sein wird.

Auf mich macht es schon länger den Eindruck, dass ganz viele Menschen sich nichts mehr trauen. Dass sie Angst haben aus der Reihe zu tanzen, also das schwarze Schaf zu sein. Sie suchen Sicherheit. Ein Freund von mir würde jetzt sagen, das war schon immer so. Wie siehst du das?

Auch zu meiner jugendlichen Punk-Zeit waren die meisten Anderen meines Alters eher angepasst. Es gab außer uns Punks noch die Hippies, die aus der Reihe tanzten – und das wars. Also würde ich eher deinem Freund zustimmen. Auch deshalb, weil ich das Gefühl habe, das sich heute weitaus mehr Jugendliche Gedanken über diese Welt machen als früher. Wir Punks waren ja in vielen Dingen ohnehin eher provokativ-destruktiv drauf. Die heute schaffen es, eine weltweite Bewegung wie Fridays for Future zustande zu bringen. Selbst wenn die morgen total einschlafen würde, hätte sie vermutlich schon mehr erreicht als unsere damalige jugendliche Linke in zehn Jahren. Das muss man schon mal würdigen. Und Fridays vor Future ist ja nicht das Einzige, da gibt es ja noch Attac, Viva con Agua etc. etc. Ich habe selbst drei Kinder, zwei davon sind Vegetarier. Suchen die Sicherheit? Ja – Sicherheit vor der Klimakatastrophe. Aber sie tun auch was dafür.

Du hast Kinder. Wie ist das bei denen? Was gehört deiner Meinung nach zu einer guten Erziehung und woran machst du fest, dass du es richtig gemacht hast?

Mein Ziel war es, sie zu friedlichen reflektierenden Menschen zu erziehen, die sich aber auch nicht alles gefallen lassen. Bis jetzt scheint das ganz gut zu klappen. Musikalisch versuche ich sie natürlich mit meiner Spotify-Playlist zu missionieren, das hat aber nur bedingt geklappt. Zwei von den dreien sind Metaller.

Spermbirds bla bonn
Spermbirds im kultigen BLA, in Bonn (Photocredit: Johanna Kuby).

Seit einigen Monaten ist bei euch auf der Facebookseite richtig viel Bewegung. Hat da jemand Social Media für sich entdeckt, oder wie kommt es?

Ach, das liegt an der neuen Platte. Da musst Du natürlich ein bisschen die Werbetrommel rühren, und dann passiert auch wieder mehr auf den digitalen Wegen. Ich vermute mal, dass sich das in ein paar Monaten wieder etwas beruhigen wird, hoffentlich aber nicht völlig einschläft. Seiten, auf denen der letzte Eintrag von vor eineinhalb Jahren stammt, sind peinlich.

Neben älteren Alben ist auch das neue auf allen gängigen Streamingdiensten zu finden oder auch via Amazon zu kaufen. Wieso macht man das, muss man das machen?

Ich muss dich korrigieren: Die neue Platte/CD gibt es n i c h t auf Amazon zu kaufen, auch nicht bei Media Markt/Saturn/Müller. Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Unser Label Rookie Records hat uns das vorgeschlagen. Rookie-Jürgens Argumentation: Amazon behandelt Mitarbeiter und Lieferanten schlecht, und sie haben Konditionen, die kleine Plattenläden alt aussehen lassen. Das hat uns überzeugt, und wir haben zugestimmt. Rookie meint, das geht auch so über kleine unabhängige Vertriebssysteme, und zwar ohne nennenswerte Verkaufs-Nachteile. Allerdings gibt es unsere Songs noch als mp3s bei Amazon. Warum, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Grundsätzlich war aber schon klar, das wir Streaming-Dienste nutzen.

Anmerkung von Jürgen: dass die Songs bei Amazon als Stream/Download verfügbar sind, ist eher ein Versehen als ein bewusster Akt.

Oh stimmt, ich sah die mp3s und dachte es gibt auch die anderen Formate zu kaufen. Ich finde Streamingdienste haben zweifelsohne einen Mehrwert, weil sich kleinere Bands einem größeren Publikum präsentieren können. Doch finde ich auch, dass sie den kulturellen Wert von Musik deutlich herabgesetzt haben. Durch die Art und Weise wie so Musik gehört werden kann – immer und überall – wurde sie in den letzten Jahren beliebig und fast belanglos. Wie ist deine Meinung dazu?

Streaming-Dienste haben die Hörgewohnheiten und die Art, wie Musik heute produziert wird, definitiv verändert, und zwar nicht zum Vorteil. Der Hörer switcht schnell weiter, wenn ihm ein Song nicht sofort in den ersten paar Sekunden anspricht. Das hast Du natürlich nicht gemacht, wenn du im Jahr 1980 in deinem Zimmer eine LP auf deinem Plattenspieler angehört hast. Aber da es heute so ist, produzieren die Musikfabriken natürlich auch entsprechend: Es muss gleich mit den Beats losgehen, lange Intros traut sich keiner mehr. Bestimmt bekommt man es heutzutage auf der Pop-Akademie in eurem Mannheim genau so beigebracht. Ganz schlimm finde ich die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen Radiosender, die diesem völlig seelenlosen Mainstream-Kack in ihren unsäglichen Formatradio-Programmen erst die Massen an geschmacksfreien Hörern zuführen.

Streaming-Dienste bedrohen auch das Platten-Konzept, das ich sehr liebe. Bei einer CD macht sich die Band Gedanken über die Reihenfolge: Welcher Song kommt zuerst, welcher als Zweites, welcher als Letztes? Auf Vinyl stellt sich die Frage für A- und B-Seite sogar doppelt. Das finde ich spannend, ebenso die Frage der Verpackung, also der Covergestaltung. All das interessiert beim Streamen in der Regel nicht, da geht es meistens nur um den einen Song.

Und jetzt kommt‘s: Trotzdem habe ich Spotify. Warum? Früher hatte ich einen Heidenspaß, Mixtapes aufzunehmen mit den jeweils besten Songs aus meiner Plattensammlung. Ich nannte diese Cassetten-Serie (später selbstgebrannte CDs) „Best of Beppo“, es gab fast 100 Ausgaben. Die anderen Spermbirds haben sie auf unseren Touren im Bandbus rauf und runter hören müssen. Jetzt kann ich mir auf Spotify mit einer Playlist quasi ein Riesen-Mixtape zusammenstellen. Und immer wenn ich neue CDs habe, packe ich die besten Songs davon auf diese Playlist, die wächst und wächst und inzwischen rund 2.000 Lieder umfasst. Das finde ich schon gigantisch. Sie heißt übrigens „I stole your record collection“ und ist bei Spotify freigeschaltet, jeder kann sie hören.

Spermbirds juz mannheim
Spermbirds sellemols 2011 im JUZ Mannheim (Photocredit: Baschdl)

Zum letzten Album gab es in der Special Edition ein Skate-Deck. Sehe ich das richtig, dass diesmal solch ein Aufwand nicht betrieben wird? Gibt es einen Grund dafür?

Die Idee mit dem Skate-Deck kam gar nicht von uns, da gab es eine Anfrage eines Herstellers, der gerne Spermbirds hört. Wir waren geschmeichelt und haben gern unser OK gegeben, weil die Vorstellung, dass irgendwelche Kids mit Spermbirds-Brettern durch die Gegend fahren, schön war. My God rides a Skateboard.

Ihr habt letztes Jahr beim Hellfest in Frankreich gespielt. Erzählt mal wie es dazu kam und wie es dort war. Ein Kumpel meinte das ist Disneyland für Metaller.

Das mit dem Disney-Land passt ganz gut, da stehen auf den verschiedenen Konzertplätzen überall so Kulissen wie vom Film. Das Motto vor der Bühne, auf der wir gespielt haben, war wohl Gefangenencamp mit hohen Mauern und Wachtürmen, sollte wohl irgendwie an Guantanamo oder so was erinnern. Aber natürlich kam auch die KZ-Assoziation auf. Grenzwertig.

Für uns war das Hellfest-Erlebnis mit einem unvergesslichen Wechselbad der Gefühle verbunden: Wir hatten zunächst große Probleme mit der Anreise, weil die Bahn in Frankreich an dem Tag streikte, und Lee deshalb seinen Flug von Metz nach Nantes verpasste und es sehr schwierig war, ihm per Handy – er hatte kein Geld dabei – einen anderen Flug zu organisieren. Außerdem waren wir sauer, weil wir auf unserer Bühne ganz früh – als zweite Band – spielen mussten und dachten, dass da grade mal die ersten Schnapsleichen aus ihren Zelten gekrochen kommen. Es kam aber ganz anders: Es standen tausende Menschen vor unserer Bühne und haben gemosht. Die waren ganz klar wegen uns da. Für uns war es eines der tollsten Kontzerterlebnisse unseres Lebens. Auch wenn wir grundsätzlich lieber in Clubs spielen als auf solchen Riesenbühnen.Und dann durfte ich Joan Jett and the Blackhearts sehen, gleich zwei Mal: Auf der Bühne und später im Backstage-Bereich, als sie im langsamen Schritt einer alten Dame würdevoll ans uns vorbeigewackelt ist. Unvergesslich!

Demnächst stehen zwei verlängerte Tourwochenenden an. Natürlich freue ich mich. Trotzdem die Frage, wieso ihr euch auf den Tourzeitraum beschränkt und ob da noch mehr kommt?

Die Beschränkung liegt einfach daran, dass die fest Angestellten unter uns nur eine bestimmte Anzahl an Urlaubstagen haben und einen großen Teil davon für die Familie benötigen. Für sechswöchige Toren durch Europa wie früher Anfang der Neunziger ist da leider keine Zeit mehr. Wir werden aber im nächsten Jahr mindestens noch mal zwei verlängerte Tourwochenenden dranhängen.

Tja, mit der Antwort habe ich schon gerechnet und kann sie auch gut nachvollziehen. Hier sind die Termine, geht hin oder ärgert euch später!

Spermbirds Tourdaten 2019

Info:

Band: Homepage, Facebook

Label: Homepage, Facebook

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Bocky

Aus dem Pfälzer Wald getrieben, schaffte es Bocky gerade über den Rhein bis nach Mannheim. Ende der Neunziger konnte er sich bis 2004 nicht entscheiden, ob er mit seinen Freunden lieber das Fanzine Pogo Presse veröffentlicht oder Punkkonzerte, Lesungen und Parties organisiert. Kurzerhand hängte er beides an den Nagel, um sich bald danach auf das Punkrock!-Zine zu konzentrieren. Doch nach knapp zehn Jahren und 24 Ausgaben wird dieser geile Lappen ebenfalls eingestellt. Nun markiert er erneut den Zampano aus der Asche.
Bocky
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